After-Sales-Logistik lebt von Daten

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Briefsortiersystem von Siemens: Manche Kunden der Sparte Postal, Parcel & Airport Logistics nutzen die Produkte seit über 15 Jahren. (Foto: Siemens)

Aus der Telekommunikationswirtschaft ist der Begriff Flatrate nicht mehr wegzudenken. Mit Telefon- und Internetnutzungen, welche zum monatlichen Pauschalpreis abgerechnet werden, wirbt mittlerweile fast jeder Anbieter. Jetzt hält dieser Begriff auch in der Ersatzteillogistik Einzug. Siemens Postal, Parcel & Airport Logistics bietet Komponenten für die automatischen Brief-, Paket- und Fluggepäckumschlaganlagen zum jährlichen Festpreis an.

„Jeder Kunde kann einen Rahmenvertrag mit klar definierten Anlagennutzungen und Lieferzeiten abschließen“, sagt Joachim Schwarz, Leiter Ersatzteillogistik des Anlagenbauers. „Voraussetzung ist eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit wirkungsvollem Controlling.“ Auf dieser Basis prüft die Siemens-Tochter regelmäßig die Verfügbarkeit von Ersatzteilen inklusive potenzieller Substitute und berät den Vertragspartner, wie der seine Beschaffungs- und Lagerlösungen optimieren kann.

Im „Spannungsfeld zwischen „Serviceprofitabilität und Optimierung der Kundenbeziehungen“ sieht Schwarz die Ersatzteillogistiker auf dem Weg zum „Operator and Service Provider“. Der Kunde zahlt dann lediglich für die Nutzung der Anlagen. Und die zeichnen sich durch eine lange Lebensdauer aus. „Mancher Kunde nutzt unsere Produkte seit über 15 Jahren“, sagt Schwarz.

Digitalisierung und Daten bieten Chancen

Solche Konzepte fanden kürzlich beim Forum Ersatzteillogistik der Bundesvereinigung Logistik (BVL) in Nürnberg lebhafte Resonanz. Die Teilnehmer stimmten darin überein, dass viele Unternehmen Lieferflexibilität und Teileverfügbarkeit noch steigern können. Die Digitalisierung eröffnet Möglichkeiten, den ständig wachsenden Kundenanforderungen Rechnung zu tragen. Vor allem Global Player können vorhandene Abläufe nochmals verbessern, wenn sie weltweit einheitliche Lager- und Lieferprozesse schaffen.

Flexibilität bei jedem Einzelfall

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Manches Unternehmen setzt hierfür rund ein halbes Dutzend unterschiedlicher SAP-Systeme ein. „Prüfen Sie in diesem Zusammenhang Cloud-Lösungen“, rät Sven David, After-Sales-Logistikmanager im Mercedes Benz Global Logistics Center Germersheim. Der Autobauer hat mit dem SAP-basierten IT-System SPM@MB etwa 300 Prozessketten vereinheitlicht. David empfiehlt ein schnelles Rollout von globalen Systemen, welche sich nicht durch Lösungen „für jede kleine Funktion“ auszeichnen müssen. „Wichtig ist Flexibilität bei jedem Einzelfall“, betont er. Hierbei müsse auch neue Technik wie 3-D-Druck einbezogen werden. David zufolge entscheidet die neue Software selbstständig, ob für ein Ersatzteil die additive Fertigung sinnvoll ist.

Lagerroboter bei Bosch Power Tools

Auch automatische Lagersysteme verbessern die Abläufe. Mit einer von 11 Robotern unterstützten Auto-Store-Lösung will Bosch Power Tools das zweimal erweiterte Ersatzteillager im niedersächsischen Willershausen effizienter machen. Der Hersteller gab dieser Lösung den Vorzug vor automatischen Kleinteilelagern (AKL), Multishuttle-Systemen und einer nochmaligen Standorterweiterung.

Thorsten Keil, Leiter Ersatzteillogistik, will auf 10.600 m2 weitere 40.000 Lagerplätze zu den vorhandenen 57.300 schaffen. Außerdem sollen der Lagerfüllgrad um 80 Prozent reduziert und die Lagerproduktivität um 20 Prozent gesteigert werden. „Für Auto Store sprach auch die unveränderte Auslieferquote während der 16-monatigen Umbauphase bis Ende 2016“, betont Keil. Mit einem Zwei-Schicht-Betrieb habe der Hersteller „den gewohnten Service“ aufrechterhalten. Als weitere Erfolgsfaktoren nennt der Manager die Auftragsvergabe an lediglich einen Lieferanten, detaillierte Briefings der Transportpartner, tägliches Tracking von Fehlern sowie eine ausführliche Testphase der auf den neuesten Stand gebrachten Software.

Solche Investitionen machen jedoch nur Sinn, wenn detaillierte Daten über den künftigen Ersatzteilbedarf von Fahrzeugen, Anlagen und Endgeräten vorliegen. Die Bosch-Tochter ermittelte diesen auch anhand der Produktentwicklung. Jedes Jahr kommen mehr als 100 neue Elektrowerkzeuge auf den Markt. Andere Hersteller bleibt nur der Blick zurück auf bisherigen Produkte und Anwendungen. Viele Details sind trotzdem nicht bekannt.

Big-Data-Allzeitprognose bei Volkswagen

„Wir wünschen Informationen über möglichst jede Flugbewegung“, sagt Tim Bothe, Bereichsleiter Supply Chain der Airbus-Tochter Satair. Weil viele Airlines ihre Flugzeuge individuell konfigurieren, sollten von jeder Komponente nicht nur die Seriennummer, sondern auch deren Konfiguration bekannt sein. Außerdem sollten über Daten aus der Produkthistorie hinaus auch solche aus Entwicklung und Herstellung zur Verfügung stehen. Hier gibt es nach einhelliger Meinung noch großen Nachholbedarf.

Für „Big-Data-Allzeitprognosen“ spricht sich Clemens Dietrich aus, Leiter Logistiksteuerung von VW After Sales. „Die Tools sollten auch Preissprünge, Rückläufer oder Insolvenzen von Abnehmern ermitteln.“ Volkswagen hatte 37 Mio. Datensätze auf Ähnlichkeiten analysiert: Rund 76 Prozent der Langzeitprognosen über die kommenden 15 Jahre fallen laut Dietrich jetzt präziser aus. Das macht auch bessere Kundenservices möglich.

Mit einem „Engine Plus“-Programm bindet der Motorenhersteller Deutz Kunden. Bei Bestellungen von Teilen ermittelt dieses, ob Add Ons für weitere Produktverbesserungen vorliegen. „Wir wollen uns so vom grauen Markt abgrenzen“, sagt Christian Damm, Leiter Ersatzteilbeschaffung. Auch der Wettbewerbsdruck durch nicht autorisierte Hersteller und Lieferanten treibt nach einhelliger Meinung Innovationen voran. (Stefan Bottler)

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