Die Amazonisierung der Lieferkette

Foto: Amazon

Der Online-Riese Amazon versucht, immer stärker die Kontrolle über die Lieferkette zu gewinnen. „Die Logistiker können sich schon einmal warm anziehen“, warnt Michael Lierow, bei der Beratung Oliver Wyman Experte für Transport und Einzelhandel, im Gespräch mit der DVZ. Wie kein anderer E-Commerce-Player treibe Amazon dabei auch Innovationen in der Zustellung voran – von der Prime-Mitgliedschaft über Same Day Delivery bis hin zur Sonntagszustellung.

Außerdem dringt der Onlinehändler inzwischen immer weiter in die Domänen der Paketlogistiker und den Auslieferprozess vor und beginnt damit, die profitabelsten Touren in Großstädten gemeinsam mit Partnern selbst zu organisieren. Dabei hat Amazon vor allem die letzte Meile zum Kunden im Visier, um die Zustellung zu beschleunigen. In den USA bietet das Unternehmen mit Amazon Flex sogar schon einen Zustellservice nach dem Vorbild von Uber in einigen Großstädten an. Dort können sich private Fahrer als Paketzusteller registrieren lassen.

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So weit ist Amazon in Europa zwar noch nicht, doch könnte der Vorstoß in die Logistik die Branche mächtig aufwirbeln: Denn auf Amazon entfällt nach Angaben von Lierow aktuell etwa rund 30 Prozent des Paketvolumens in Deutschland. Der Experte rechnet damit, dass sich dieser Anteil in den nächsten Jahren auf 40 bis 45 Prozent erhöhen wird. „Wer als Logistiker in zu große Abhängigkeit von dem Großkunden Amazon gerät, wird Probleme bekommen“, ist Lierow überzeugt. Denn Amazon nimmt den etablierten Logistikern Volumen weg. Allerdings sei das Gesamtvolumen an Paketen, das Amazon jeden Tag zustellen muss, so gewaltig, dass das in absehbarer Zeit nicht ohne DHL, DPD, Hermes und andere Dienste zu bewerkstelligen sei, zumal in ländlichen Regionen und in Spitzenzeiten wie um Weihnachten.

Wettbewerb um Art und Qualität der Dienstleistung nimmt zu

„Ich erwarte daher zunächst keine enormen Einbrüche für DHL und andere“, sagt Lierow. Außerdem wachse der Paketmarkt in den nächsten Jahren weiter mit hohen einstelligen oder sogar zweistelligen Raten, schätzt er. „Für Amazon ist Logistik außerdem kein eigenes Geschäftsfeld.“ Das Unternehmen wolle aber eine durchgehende Plattform aufbauen. Ziel sei es, die Zustelldichte zu erhöhen und mehr Lieferoptionen anzubieten. Damit dürfte vor allem der Wettbewerb um Art und Qualität der Dienstleistungen zunehmen.

Erste Pilotversuche mit der eigenen Paketzustellung laufen bereits in München und Berlin. Dort werden Verteilzentren in Stadtnähe betrieben. Weitere Metropolregionen wie das Ruhrgebiet und Hamburg hat Amazon bereits im Visier. So sucht das Unternehmen für ein Paketverteilzentrum in Bochum bereits Zustellpartner. Angeboten werden soll in solchen Regionen der Schnell-Lieferservice „Prime Now“. Damit können sich Prime-Kunden ihre Bestellungen innerhalb einer Stunde oder innerhalb eines wählbaren Zeitfensters liefern lassen. Same-Day-Delivery bietet Amazon für Prime-Kunden in mehr als 20 Metropolregionen an.

Ähnliche Dienste haben auch nahezu alle etablierten Zustelldienste gegen Aufpreis im Angebot. Amazon bedient sich zumeist fünf bis sechs mittelständischer Lieferdienste als Partner vor Ort. Auch mit frischen Lebensmitteln laufen hierzulande bereits Experimente.

Bericht: Amazon will Lebensmittel-Läden eröffnen

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Neu ist: Amazon plane einem Zeitungsbericht zufolge die Eröffnung kleiner Läden für Lebensmittel, schrieb das „Wall Street Journal“ am Dienstag unter Berufung auf eingeweihte Kreise. Zudem bereite der Konzern den Einsatz von Drive-In-Stationen vor, an denen Kunden mit dem Auto vorfahren und Lebensmittel-Lieferungen abholen könnten. Zu diesem Zweck entwickele Amazon Technik zur Erkennung von Nummernschildern, durch die Wartezeiten verkürzt werden sollen. Das Unternehmen wollte sich dazu nicht äußern. Dem Bericht nach wird der Plan intern als „Project Como“ bezeichnet und soll zunächst Teil des bislang nur in den USA und London verfügbaren Angebots Amazon Fresh sein.

Mit Shell bietet der Konzern aus Seattle außerdem nun auch Paketautomaten an Tankstellen an (Amazon Locker), ähnlich der Packstation von DHL. „Eine Win-Win-Situation für beide Unternehmen“, meint Lierow. Das System funktioniere aber nur, wenn die Kunden die Pakete dort auch schnell abholen, also die Paketfächer nicht verstopfen. Bislang läuft allerdings erst ein Test an zehn Shell-Tankstellen in München. DHL betreibt dagegen rund 3000 Packstationen, davon etwa 200 an Tankstellen verschiedener Betreiber.

Und auch in die Luftfracht ist Amazon bereits eingestiegen, zunächst zwar erst in den USA, wo die Charterflotte inzwischen auf 40 Flugzeuge aufgestockt wurde. Doch wagt sich der Konzern nun auch nach Europa. Seit November letzten Jahres landet nach Informationen der DVZ eine Boeing 737-300, die bis zu 30 t Nutzlast aufnehmen kann, mehrmals wöchentlich auf dem Flughafen Kassel. Im benachbarten Bad Hersfeld betreibt Amazon große Logistikzentren.

Der gecharterte Frachter fliegt vom englischen Doncaster via Kassel nach Breslau und nach England zurück. Auch am Hunsrück-Flughafen Hahn war Amazon interessiert, bestätigt Lierow. „Amazon will große europäische Standorte verbinden und wählt dazu wegen niedrigerer Gebühren vor allem B-Airports als Umschlagpunkte aus“, sagt er.

„Das Rennen ist in vollem Gange“

Die großen Paketlogistiker indes bleiben nicht untätig: „Zur Absicherung eines Basisvolumens“ setzen sie auf eigene Händler, wie DHL mit Allyouneed. Hermes gehört zum Versandhändler Otto Group. Fedex hat sich mit Bongo International und Genco Distributions verstärkt und sich außerdem TNT Express mit seinem Europa-Netzwerk einverleibt. Und auch UPS treibt seine Expansion in Europa voran und macht sich auch im B2C-Zustellgeschäft breit.

„Das Rennen um den Aufbau eines europäischen Zustellnetzes ist zwischen den Paketlogistikern und Amazon längst in vollem Gange“, sagt Lierow. DHL beispielsweise hat sich gerade in Großbritannien durch die Übernahme von UK Mail verstärkt. Amazon kontrolliert bereits heute Teile europäischer Logistikunternehmen. Der Internetgigant hält zum Beispiel einen Anteil am britischen Paketzusteller Yodel, der mit 145 Mio. Zustellungen im Jahr und einer Flotte von mehr als 5000 Fahrzeugen zu den größeren Playern der Branche gehört. Amazons jüngster Schritt, den „Pass My Parcel“-Service in Kooperation mit Connect Group bei mehr als 500 Zeitungshändlern und Lebensmittelläden einzuführen, hat neue Standards in der britischen Same-Day-Delivery-Branche gesetzt, meint Lierow. Auch in Frankreich hält Amazon Anteile an einem wichtigen Player und ist mit 25 Prozent am Logistikpartner Colis Privé beteiligt, der jährlich 25 Mio. Lieferungen mit 1700 Fahrzeugen zustellt. (cs, dpa)

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