Amazon steht vor der Reifeprüfung

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Amazon hat mit seinem ersten Lebensmittelgeschäft in der Heimat Seattle diese Woche für Schlagzeilen gesorgt. Jetzt gibt es einen weiteren Hinweis darauf, wie groß das Interesse des Händlers an einem umfassenden Einstieg in das Segment sein könnte: Der Konzern arbeitet an einem Projekt, bei dem es darum geht, die Haltbarkeit von Frischwaren besser vorherzusagen, wie Ralf Herbrich, der Leiter des Amazon-Entwicklungszentrums in Berlin, im Interview mit der DVZ verrät. Letztlich gehe es um eine bessere Vorhersage der Warenlagerung sowie weniger Verluste durch Verderb.

Dahinter steckt maschinelles Lernen, ein Teilgebiet der Künstlichen Intelligenz. Amazon ist durch die drei Maxime niedrige Preise, große Auswahl und Bequemlichkeit für die Kunden geradezu gezwungen, sich mit solchen Lernverfahren zu beschäftigen. „Die Preise hängen zum Beispiel davon ab, wie gut es gelingt, die Kosten der Warenlagerung zu minimieren“, sagt Herbrich. Bei einem großen Sortiment lassen sich die Bestände allerdings nicht mehr manuell optimieren. Mehr Auswahl heißt, dass die Zahl der Produkte größer wird, die sich nicht so häufig verkaufen und deren Absatz sich schwieriger vorhersagen lässt. Auch hier helfen Algorithmen, genauere Prognosen zu erhalten. Verfahren des maschinellen Lernens nutzt Amazon zudem für die Sprachverarbeitung, zum Beispiel um Produktbeschreibungen automatisiert zu übersetzen. So kann der Onlineriese die Auswahl immer weiter erhöhen. Zudem optimieren Systeme die Suche und die Lieferzeiten – das macht das Einkaufen bequemer.

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Es geht stets um die Frage, wie Maschinen Routineaufgaben erlernen können, indem sie gängige Muster erkennen. Dabei muss die Software mit Erfahrungen oder Daten gefüttert werden. Das Programm ist dann in der Lage, daraus eigene Schlüsse zu ziehen. Im Falle des Frischelogistikprojekts bräuchte Amazon eine riesige Menge an Mustern, also Kameraaufnahmen einer Erdbeere zum Beispiel. An solchen Daten mangele es aber noch, sagt Herbrich. Sollte es Amazon allerdings irgendwann gelingen, die Frischelogistik deutlich effizienter zu machen, würde der Konzern eine große Hürde nehmen. Die teure und komplexe Logistik für schnell verderbliche Produkte gilt vor allem im Onlinehandel als Eintrittsbarriere. Amazon bietet bisher in den USA und London den Lieferdienst Fresh an. Mit einem Start in einer deutschen Stadt hatten Experten noch für dieses Jahr gerechnet.

Einer aktuellen Umfrage des Digitalverbands Bitkom zufolge haben 28 Prozent der deutschen Onlinekäufer schon Lebensmittel oder Getränke im Internet bestellt. Der Anteil von Frischwaren wie Joghurt, Fleisch oder Gemüse steige dabei und liege inzwischen bei 37 Prozent. Die Zufriedenheit bei den Nutzern der Onlineangebote sei hoch. Von den 72 Prozent, die bislang noch keine Lebensmittel oder Getränke online gekauft haben, kann sich fast die Hälfte vorstellen, das künftig zu tun.

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