App gegen Verschwendung

Der Sitz der Foodloop GmbH in Köln könnte für ein Start-up-Unternehmen in der Softwarebranche kaum typischer sein: In einem Hinterhof der Ägidiusstraße im Kölner Universitätsviertel Sülz belegt das Unternehmen auf einer Empore anderthalb Räume. Firmengründer Christoph Müller-Dechent präsentiert dort stolz seine „Hall of Fame“: An der Wand über einer gemütlichen Couchecke hängt Auszeichnung an Auszeichnung, unter anderem der „Green Alley Award 2014“. Viel Platz ist da nicht mehr. Noch im Frühjahr steht aber der Umzug an, in das Gründer- und Innovationszentrum im Technologiepark Köln in Braunsfeld. Denn aus dem Uni-Start-up ist inzwischen ein kommerziell orientiertes Unternehmen geworden.

Foodloop beschäftigt sich damit, wie die Verschwendung von Lebensmitteln im Handel vermieden werden kann. Das neunköpfige Team um Müller-Dechent hat eine softwaregestützte Plattform für Handel und Verbraucher entwickelt. Die App liefert Kunden Informationen über Rabatte und soll dem Handel helfen, kurz vor Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums (MHD) stehende Lebensmittel zu verkaufen, statt sie wegzuwerfen. Dafür müssen Händler ihre Warenwirtschaftssysteme mit der App verbinden und ihre Produkte mit einem neuen Barcode versehen, der auch über das Haltbarkeitsdatum informiert und diese Daten ins Kassensystem überträgt. Neben der Reduzierung von Abfallkosten könnte dies beim Handel auch zu einer Prozessoptimierung in der Frischelogistik führen.

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2 Wagen voll mit Lebensmitteln landen im Supermarkt täglich im Müll. Pro Jahr und Filiale entspricht dies einem Wert von fast 150 000 EUR.

Das Interesse ist eigentlich groß

Damit die App auch erfolgreich ist, müssen viele Supermärkte ihre Angebote an die Foodloop-App senden, und dies möglichst flächendeckend. Dazu müssten aber deutlich mehr Händler als heute den neuen Barcode nutzen. Bislang tun das nur wenige und auch nur bei wenigen Frischeprodukten, wie beispielsweise zunehmend bei Fleischwaren. „Die Umsetzung der Idee entwickelt sich etwas zäher, als wir gedacht hatten“, räumt Müller-Dechent ein. Denn die „gute Idee“ stößt im Handel zwar auf großes Interesse, aber man zeigt sich eher reserviert. Denn es gibt noch Fragen bezüglich der Marktreife: Ist das Rabattsystem abgesehen vom möglichen Imagegewinn auch wirtschaftlich von Interesse? Welche Kosten entstehen, oder können auch Kosten gesenkt werden? Welche Technik ist nötig, und müssen die Mitarbeiter aufwendig geschult werden? Wie viel Transparenz ist erwünscht? Wollen die Kunden dies wirklich?

Verband verweist auf niedrige Verlustquoten

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„Die Wirksamkeit einer solchen App können wir nicht beurteilen“, sagt ein Sprecher des Bundesverbands des Deutschen Lebensmittelhandels (BVLH). Grundsätzlich sei die Reduktion der Lebensmittelverluste jedoch ein wichtiges Anliegen. Der Einzelhandel unternehme hier eine Menge. Die Verlustquote sei gering. Sie betrage über alle Warengruppen im Durchschnitt circa 1 Prozent des Nettowarenwerts. Besonderes Augenmerk verdienen die Frischewaren. Hier reiche die Bandbreite von 1,5 Prozent bei Molkereiprodukten bis zu 6,5 Prozent bei Brot und Backwaren. „Die fortlaufende Optimierung der Warenwirtschaftssysteme, Verkaufsaktionen von kurz vor MHD-Ablauf stehenden Produkten oder die Zusammenarbeit mit karitativen Organisationen sind Maßnahmen des Handels, um die Verlustquote zu reduzieren oder um Ware, die sich nicht mehr optimal vermarkten lässt, einer sinnvollen Verwendung zuzuführen“, fügt der Verbandssprecher hinzu.

Foodloop arbeitet dennoch daran, den Handel von den Vorteilen zu überzeugen. Müller-Dechent hält an seinem Ziel fest, alle Supermärkte in Deutschland mit dem System auszustatten. Über erste Pilotversuche in Biomärkten wie Naturata in Köln ist Foodloop aber noch nicht hinausgekommen. Obwohl das Unternehmen bei allen Großen von Metro über Rewe und Edeka bis hin zu Aldi und Lidl die App vorgestellt hat, werben die lieber damit, dass sie ihre kurz vor dem MHD-Ablauf stehenden Lebensmittel spenden.

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Niemand will sich den Schwarzen Peter zuschieben lassen. Auch Verbraucher könnten einen großen Beitrag dazu leisten, Abfälle zu vermeiden, heißt es immer wieder aus dem Einzelhandel. So könne ein gut geplanter Einkauf dazu beitragen, die Wegwerfquote zu senken. Die Konzerne wollen mit einer „bedarfsgerechten Warendisposition“ und einer „ausgefeilten Logistik“ so wenig Lebensmittel vernichten wie möglich, lauten unisono die Aussagen aus den Presseabteilungen, die auf niedrige Verlustquoten verweisen.

Umsatzzuwächse bei Pilotprojekten

Doch die Verschwendung erreicht über die Lieferkette betrachtet schnell Milliardenhöhe: Weltweit geht Studien zufolge vom Ernte- und Produktionsort bis zum Verbraucher mindestens ein Drittel der Erzeugung verloren. In jedem Supermarkt werden laut Müller-Dechent täglich zwei Einkaufswagen mit frischen Lebensmitteln weggeworfen. Pro Jahr und Filiale entspreche das fast 150 000 EUR.

„Warum sollten Verbraucher Milch kaufen, die sich kürzer im Kühlschrank hält, wenn sie dieselbe Ware mit längerem MHD zum gleichen Preis bekommen können?“, fragt Müller-Dechent und fügt hinzu: „Statt die Lebensmittel noch vor dem Ablauf des MHD wegzuwerfen, können die Supermärkte mit Hilfe der gesteigerten Außenkommunikation Lebensmittelverluste und Abfallkosten reduzieren und zusätzlich Geld verdienen.“ Dies könne zu Umsatzsteigerungen führen, wie die Pilotprojekte in einigen Bioläden bereits gezeigt hätten. Dank der Automatisierung könnten durch den gezielten und zeitnahen Abverkauf nicht nur Entsorgungskosten reduziert, sondern auch Produktchargen durch ein optimiertes Bestandsmanagement effizienter verwaltet werden. Dadurch ließe sich letztlich auch der Personalaufwand reduzieren, sagt der Gründer. So entfiele zum Beispiel das manuelle Auszeichnen der betroffenen Ware mit neuen Preisschildchen.

Die Idee zur App hatte Müller-Dechent beim Milcheinkaufen. In seinem Supermarkt gibt es keine Milch, die näher als sieben Tage am MHD liegt. Wegen der „Frischepolitik“, habe es dort geheißen. Diese Erfahrung brachte er in einem Seminar an der Uni Köln im Masterstudiengang Medienmanagement ein. Foodloop war geboren.

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