Autonomes Fahren löst nicht alle Probleme der Kep-Branche

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Foto: Daimler

Autonomes Fahren ist für die gesamte Transport- und Logistikbranche ein extrem wichtiges Zukunftsthema. Aber es ist auch ein gefährliches Thema. Wer nämlich meint, mit dem autonomen Fahren das derzeit drängendste Problem der Branche schon bald lösen zu können, der irrt gewaltig.

Das drängendste operative Pro­blem der Branche ist der Mangel an Fahrern und Zustellern. Das gilt in nochmals zugespitzter Form für die dynamisch wachsende Kep-Branche. Sie muss nicht nur die bestehende Fahrerzahl halten, was schon schwer genug ist. Sie muss auch das prognostizierte Wachstum ermöglichen.
Dafür gibt es zwei entscheidende Engpassfaktoren:

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1. Es müssen zusätzliche Zusteller gewonnen werden. Denn die Zahl der Pakete wächst dank der Globalisierung und des ungebrochenen Trends zum E-Commerce weiter rasant.

2. Diese Zusteller müssen mehr als nur Autofahren können. Sie müssen die Landessprache beherrschen und Prozesse außerhalb der Standardauslieferung lernen und anwenden können. Beispiele sind Identitätsprüfungen, das Handling temperatursensibler Sendungen oder die Berücksichtigung von Zeitfenstern.

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Autonomes Fahren wird Fahrermangel kurzfristig nicht beseitigen

Wer in dieser Situation argumentiert, dass selbstständig fahrende LKW und Transporter den Fahrermangel auf absehbare Zeit beseitigen können, der gaukelt Entlastung vor, die unrealistisch ist. Zwar ist das autonome Fahren zweifelsohne eine wünschenswerte Entwicklung. Doch die Hoffnung darauf darf nicht von den wirklich wichtigen Hausaufgaben ablenken, die Kep-Manager heute erledigen müssen. Welche das sind? Dazu etwas später.

Vorher ist es wichtig festzuhalten: Dass das autonome Fahren kommt, soll nicht bezweifelt werden. Auch ist seine Bedeutung kaum zu unterschätzen. Es ist eine bahnbrechende Frucht der Digitalisierung, die nicht nur die Transportbranche, sondern unser Leben verändern wird. Wann es sich aber auf breiter Front durchsetzen wird, hängt von vielen Faktoren ab: von der technischen Entwicklung, von gesetzlichen Vorgaben und der gesellschaftlichen Akzeptanz.

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Selbst wenn das autonome Fahren prinzipiell funktioniert, bedeutet das noch nicht, dass es auch die Lösungen bietet, die auf die Bedürfnisse der Kep-Branche passen. Denn zunächst dürften selbstständig fahrende Fernverkehrs-LKW für Entlastung bei Fahrern auf langen Strecken sorgen. Aber da, wo die Masse der Fahrer benötigt wird, bei der Zustellung von Paketen auf der letzten Meile, bedeutet autonomes Fahren allein noch keine Lösung für das Problem des Fahrermangels. Schließlich müssen Sendungen an Empfänger übergeben werden.

Autonome Fahrzeuge werden so schnell keine Packstation befüllen, nicht an der Haustür klingeln, geschweige denn ein Paket in den dritten Stock tragen, um es einer gehbehinderten Person persönlich zu übergeben. Bis ein Roboter die Flexibilität eines Zustellers toppen kann, werden noch deutlich mehr als zehn Jahre vergehen.

Drohne als Nischenlösung

Wahrscheinlich wird es zu Zwischenlösungen kommen, bei denen autonome Fahrzeuge den Zustellern die Arbeit erleichtern und einzelne Fahrten abnehmen. Ideen in dieser Richtung sind Fahrzeuge, die dem Zusteller folgen und so seine Wege zwischen Auto und Haustür verkürzen. Autonome Fahrzeuge könnten Pakete auch von Depots in die Zustellgebiete fahren. Erst dort müsste der Fahrer die eigentliche Paketauslieferung übernehmen. In den USA gibt es Ansätze, dass eine Drohne ein Zustellfahrzeug als Basis hat und dem Fahrer als „fliegender Beifahrer“ manche Zustellung abnimmt. In Deutschland sind solche Lösungen aus rechtlichen Gründen allenfalls eine Nischenlösung für entlegene Regionen oder Inseln.
Die Kep-Branche sollte also nicht darauf bauen, schon bald weniger Fahrer zu brauchen, weil die Fahrzeuge autonom unterwegs sind. Die Branche muss sich vielmehr darauf konzentrieren, mehr, und vor allem qualifizierte Fahrer zu gewinnen. Das aber wird nur gelingen, wenn drei Herausforderungen gemeistert werden: bessere Bezahlung und Arbeitsbedingungen für die Fahrer, besseres Image der Branche und höhere Preise.

Blick über den Tellerrand

Wie genügend Personal gefunden werden kann, zeigt ein kurzer Blick über den Tellerrand in eine andere Branche, nämlich in den Finanzsektor. Warum tun sich Banken heute immer noch relativ leicht, gutes Personal zu finden? Weil der Ruf der Branche zwar ein paar Kratzer bekommen hat, aber immer noch gut ist. Sie steht für sichere Arbeitsplätze, geregelte Arbeitszeiten, gute Sozialleistungen, Entwicklungsmöglichkeiten, ordentliche Bezahlung. All das sind Dinge, von denen der beim Subunternehmer eines Paketdienstes angestellte Fahrer heute nicht einmal zu träumen wagt. In den vergangenen Jahren haben Wallraff & Co. schlechte Arbeitsbedingungen von Paketfahrern öffentlichkeitswirksam in den Medien inszeniert. Jetzt ist der Ruf ramponiert, und das ist nicht durch Imageanzeigen, sondern durch viele konkrete Schritte in der Praxis zu verändern.

Ganz vorne stehen die Bezahlung und die Arbeitsbedingungen. Deutschland muss Abschied nehmen von Paketfahrern, die im ­Akkord arbeiten (denn nichts anderes bedeutet die oft übliche Bezahlung von Subunternehmern pro ausgeliefertem Paket) und damit weniger als 2.000 EUR brutto monatlich verdienen. Die Touren müssen kürzer werden, so dass Fahrer die maximalen wöchentlichen, beziehungsweise täglichen Arbeitszeiten im Normalfall nicht überschreiten. Fahrer müssen künftig ausschließlich fahren und zustellen. Das Laden und Entladen der Fahrzeuge müssen andere übernehmen. Nicht zuletzt müssen Unternehmen überlegen, wie sie die Wertschätzung ihrer Fahrer massiv verbessern. Denn neben dem Verdienst ist das der Punkt, an dem in vielen Firmen erheblicher Nachholbedarf besteht.

Eine bessere Bezahlung von Fahrern wird von Dienstleistern häufig mit dem Argument abgewiegelt, dass dies angesichts der niedrigen Preise im Markt nicht möglich sei. Dazu zwei Hinweise: Wer nach England blickt, in einen Markt mit einem deutlich höheren Preisniveau für Kep-Dienstleistungen als in Deutschland, der sieht, dass dort die Entlohnung der Fahrer nicht entscheidend besser ist. Höhere Erlöse allein reichen also nicht.

Erlöse umverteilen

Zweitens müssen Kep-Dienste Erlöse unternehmensintern anders verteilen. Das hat nichts mit Sozialromantik zu tun, sondern damit, dass sie ansonsten existenzielle Probleme bekommen werden.

Aber solche Umverteilung wird den Unternehmen leichter fallen, wenn ihre Einnahmen insgesamt steigen. Erhöhungen bei den Fahrer­löhnen sind für Kunden ein nachvollziehbarer Grund für höhere Preise. Das Geld muss dann aber auch in den Taschen der Fahrer landen. Nur wenn dies erreicht und den Kunden glaubwürdig vermittelt wird, dann wird sich nach und nach auch das Image der Branche und ihrer Fahrer verbessern. (Eugen Pink)

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Über Tim Meinken 276 Artikel
Digitalisierte Frohnatur, Glücklicher Ehemann und zweifacher Vater. Er arbeitet als Produktmanager Social Media / Online (DVZ und BlueRocket) zudem ist er als Autor in Hamburg tätig. Hier können Sie Kontakt zu mir aufnehmen:

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