Big Business dank Big Data?

IT
Foto: CC-Rosa Menkman

Markus Sontheimer, der Chief Digital Officer der Schenker AG, ist sich sicher, „dass wir bei unserer Arbeit an der Digitalisierungsfront neue Geschäftsmodelle finden werden“. Diese würden zum Teil auch bestehende Geschäftsmodelle ablösen, sagt er im Rahmen einer DVZ-Branchenumfrage. Die größten „Disruptoren“, bei denen Schenker mitgestalten will, seien Plattformkonzepte, Data Analytics und die papierlose Transportkette. Speziell für das Logistikgeschäft liege der Fokus auf 3-D-Druck, Multicoptern, Augmented Reality und dem Internet der Dinge. „Beim Landtransport schauen wir uns natürlich genau das Thema autonomes Fahren an.“

Die meisten Logistiker beschäftigen sich derzeit mit datengetriebenen Geschäftsmodellen. Die Anwendungsfälle für Big Data in der Logistik seien jedoch noch überschaubar, erklärt Sami Awad-Hartmann, IT-Chef bei Hellmann. Das Spannende daran sei, Daten nicht nur in Echtzeit verarbeiten zu können, sondern daraus auch automatisch Informationen zu erhalten, die es einem ermöglichen, schnell auf bestimmte Ereignisse reagieren sowie bessere Entscheidungen treffen zu können. Entscheider bleibt vorerst der Mensch, ist der IT-Fachmann überzeugt. „Die Zusammenhänge und Abhängigkeiten in den Lieferketten sind noch zu komplex für intelligente Maschinen.“

Anzeige

Big Data ist nur ein Aspekt

„Wir schauen uns alle Prozesse in der Lieferkette an, aber auch in der Verwaltung.“ Es gehe um die Nutzung von Cloud-Diensten im Sinne von Software as a Service oder auch die Einbindung neuer Technik wie Datenbrillen im Lager. Hellmann arbeitet zunächst daran, bestehende Prozesse zu verbessern. Ein Beispiel: Der Logistiker vermisst jedes Frachtstück, um das Ladevolumen zu ermitteln. Zum Teil erhält Hellmann diese Daten aber auch von den Auftraggebern, auf deren Genauigkeit sich der Dienstleister jedoch nicht immer verlassen kann. „Wenn wir aber wissen, bei welchen Kunden die Daten immer korrekt waren, dann sparen wir uns in einigen Fällen diesen manuellen Prozess der Vermessung.“

Auch für den Lebensmittellogistiker Ludwig Meyer ist die Digitalisierung zunächst vor allem ein Mittel, die Effizienz und die Qualität der Prozesse zu verbessern. Künftige Chancen sieht Operations-Chef Björn Gersch bei der Datenverarbeitung. „Wir können unseren Kunden zu deutlichen Effizienzgewinnen verhelfen, wenn wir Warenflussprognosen sowie ein Forecasting zur Nachfrage in den Lebensmittelmärkten mit der Tourenplanung kombinieren.“

Bei Offergeld konzentriert man sich derzeit vor allem auf die Themen Big Data und Visualisierung von Warenströmen, sagt Geschäftsentwicklerin Antje Tussinger. Bei der familiengeführten Logistikgruppe steht die Digitalisierung inzwischen ganz oben auf der strategischen Agenda. „Gerade kleine und mittelständische Unternehmen befinden sich bei dem Thema jedoch nicht gerade auf der Poleposition“, so Tussinger. Ein Grund dafür sei der Preisdruck der vergangenen Jahre und die damit verbundene geringe Investitionsbereitschaft.
Aufbruch zu flexiblerer Steuerung

Mehr Flexibilität durch Digitalisierung

Anzeige

Für den Chemie- und Pharmalogistiker Infraserv Logistics kann sich Vertriebs- und Marketingleiter Sven Frerick vorstellen, zusätzliche Aufgaben bei der Datenbestandsführung zu übernehmen, beispielsweise zum Risikomanagement für Gefahrstoffe und Gefahrgüter. „Generell wird die Digitalisierung ein Aufbruch zu deutlich mehr Flexibilität in der Steuerung sein – mit neuen Bündelungsoptionen, einer deutlich verbesserten Kapazitätsauslastung und der Chance zu tagesaktuellen Preisen. Es wird leichter, als Online-Makler von Frachten aufzutreten und beispielsweise auslastungsbasierte Preise anzubieten.“

Bei der Stückgutkooperation System Alliance verbindet man mit Digitalisierung das Ziel, den Austausch und die Verarbeitung von auftragsbezogenen Bewegungsdaten zu vereinfachen und zu beschleunigen. Voraussetzung dafür sei ein reibungsloser Informationsaustausch über Unternehmens- und Systemgrenzen hinweg, sagt Geschäftsführer Georg Köhler. Dann würden auch Logistikprozesse zunehmend automatisch gesteuert und selbstlernende Systeme könnten die Prozesse permanent selbstständig optimieren, ist er überzeugt.

Die Digitalisierung werde auch in der Kurierbranche voranschreiten, „um die wachsenden Ansprüche der Onlineshopper zu erfüllen“, sagt Thomas Bluth, Geschäftsführer beim Same-Day-Delivery-Anbieter Tiramizoo. Als Beispiel nennt er das Pilotprojekt mit Zalando und Adidas in Berlin: Der Kunde kann über die Zipcart-App prüfen, ob die gewünschte Ware im lokalen Geschäft verfügbar ist, diese dann mobil bestellen und sich taggleich zwischen 19 und 21 Uhr liefern lassen. Die Trends aus dem B2C-Segment haben einen immer größeren Einfluss auf die Kundenschnittstelle im B2B-Geschäft. Die Nachfrage nach benutzerfreundlichen Apps oder Portalen sei groß, sagt Awad-Hartmann von Hellmann. „Viele Kunden erwarten heute auch im Business-Bereich attraktive Applikationen.“

Anzeige
Über die DVZ Redaktion 191 Artikel

Internationale Fachzeitung für Logistik und Transport, Verkehrspolitik und -wirtschaft, Spedition, Lagerei, Umschlag, Industrie und Handel.

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar verfassen