Blockchain Day – Notizblock mit Transparenzfunktion

In den Design Offices in Berlin Mitte trafen sich die Teilnehmer zum Blockchain Day und diskutierten in ungezwungener Atmosphäre über Potenziale, Risiken, Anwendungsfälle, Hürden und technische Aspekte. (Foto: Dierk Kruse)
In den Design Offices in Berlin Mitte trafen sich die Teilnehmer zum Blockchain Day und diskutierten in ungezwungener Atmosphäre über Potenziale, Risiken, Anwendungsfälle, Hürden und technische Aspekte. (Foto: Dierk Kruse)

Die Blockchain zieht immer mehr Logistiker in ihren Bann. Die Technik hat ihren Ursprung in der Finanzwirtschaft, bietet aber zahlreiche Anwendungsmöglichkeiten, die weit über ihre Rolle als Rückgrat einer Kryptowährung hinausgehen. Davon konnten sich die rund 80 Teilnehmer beim Blockchain Day der DVZ vorige Woche in Berlin überzeugen. Die Veranstaltung zeigte, dass in vielen Unternehmen die Potenziale zur Prozessverbesserung durch die Technik erkannt wurden. Doch der Einsatz der Blockchain ist ebenso mit einer Reihe von Hürden verbunden. So tun sich beispielsweise gerade Dienstleister schwer damit, Daten zu tauschen und Transparenz zu schaffen. Die Blockchain ist wie ein endloser Notizblock, in dem einmal hineingeschriebene Informationen für immer dokumentiert, einsehbar und nicht veränderbar sind.

Weiterhin können die notwendigen Investitionen je nach Einsatzgebiet sehr unterschiedlich und schwer kalkulierbar sein. Manche Unternehmer und Logistikmanager scheuen daher den Einstieg in ein Projekt. Dabei sind rein technisch gesehen die Voraussetzungen gar nicht so schwer zu erfüllen, um mit einer Blockchain-Anwendung zu starten. „Normalerweise verfügt jedes Unternehmen über die entsprechende Technik“, stellt der Wirtschaftsinformatiker Sven Radszuwill von der Universität Bayreuth fest. Der Einsatz der Technik basiere auf Standardhardware und Open Source Software. „Es ist allerdings sinnvoll, sich einmal grundlegend mit der Technik auseinanderzusetzen, statt nur an der Oberfläche zu kratzen“, betont er.

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Die Abbildung von Prozessen über eine Blockchain böte sich unter bestimmten Rahmenbedingungen an. So sei die Technik sinnvoll, wenn aus Kosten-, Zeit- oder politischen Gründen Vermittler (oft als Intermediäre bezeichnet) im Prozess umgangen werden sollen. Weiterer Grund ist Daten- und Prozessintegrität, das heißt, wenn Transaktionen rückwirkend nicht verändert werden sollen und ein exakt vorgegebener Ablauf sinnvoll oder erforderlich ist. Voraussetzung einer Anwendung ist, dass ein dezentrales Netz an speziellen Knoten die Prozesse autonom anstoßen kann.

Blockchain statt Palettenscheine

Anwendungsfälle für die Blockchain weisen Radszuwill zufolge wiederkehrende Muster auf. Die Probleme, die damit gelöst werden sollen, sind oft sehr ähnlich. Hat man daher einmal den wesentlichen Aspekt einer Lösung beschrieben, lässt sich dies auf verschiedene Anwendungen übertragen. Hilfreich seien dabei sogenannte Design Pattern. Das könne zum Beispiel für unternehmensübergreifende Arbeitsabläufe eine generische, für alle Nutzer einheitliche Ansicht jedes einzelnen Prozessschritts sein, dessen Historie in der Blockchain protokolliert wird.

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Einen konkreten Anwendungsfall hat GS1 Germany identifiziert: die Bearbeitung und Weitergabe des standardisierten Palettenscheins. Zusammen mit 20 Partnern startet in diesem Monat ein Pilotprojekt. Ziel ist, den enormen Papierwust, der mit den Palettenscheinen einhergeht, zu beseitigen. Das Projekt ist als Open Innovation angelegt, wie Regina Haas-Hamannt berichtet. Die Leiterin Innovation bei GS1 Germany kündigt an, über den Fortschritt des Projekts für jeden einsehbar kontinuierlich zu berichten – und zwar in Form von Blog-Beiträgen im Internet. „Wir wollen die Erkenntnisse teilen.“ Im Herbst dieses Jahres sind die ersten physischen Transporte geplant, die von einer Dokumentation auf der Blockchain begleitet werden sollen. Haas- Hamannt stellt zudem in Aussicht, dass GS1 Germany basierend auf den Erfahrungen der Projektpartner zum Jahresende Handlungsempfehlungen für die Dokumentation des Palettentauschs mittels Blockchain herausgeben werde.

Größerer Aufwand als eine Plattform

Der Einsatz der Blockchain setzt voraus, dass Unternehmen bereit sind, Daten zu teilen. Dies ist gerade in der Logistik oft nicht der Fall. Bevor man also über ein Blockchain-Projekt nachdenkt, sollte man überlegen, ob überhaupt schon Daten regulär geteilt werden und ob ein automatisierter Datentausch sinnvoll und gewünscht ist. Diese Herangehensweise empfiehlt Cornelius Herzog von der Unternehmensberatung Oliver Wyman. „Eine Blockchain bedeutet größeren Aufwand als die Nutzung einer Plattform“, gibt der Berater zu bedenken. „Nur wenn man sich sicher ist, dass der sich auszahlt, sollte man über die Blockchain nachdenken.“ Die Regeln, nach denen Prozesse angestoßen oder Transaktionen ausgelöst werden, lassen sich durch sogenannte Smart Contracts festlegen. Es handelt sich dabei um IT-Protokolle, welche die Geschäftstätigkeit aller Beteiligten automatisch auf Einhaltung der Vertragsklauseln prüfen.

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Ferner betont Herzog, dass es nicht die eine Blockchain für alle Anwendungsfälle gibt. Ohne offene Systeme funktioniere es nicht. Zudem sei der Aufbau einer Blockchain kein reines Technologieprojekt, sondern sei in einem größeren unternehmerischen Zusammenhang und im Rahmen einer Digitalisierungsstrategie zu sehen. Generell müssten viele Daten von verschiedenen Erhebungspunkten in die Blockchain gebracht werden, wobei Zweck und Ziel je nach Anwendung variieren. So gehe es beispielsweise bei einer Pharma-Blockchain um die Produktsicherheit und Vermeidung von Fälschungen, bei einer Blockchain für Fleischprodukte um die Einhaltung der Kühlkette.

Wie die Blockchain Medizin sicherer machen soll

DHL will die Blockchain im Rahmen des Transports hochwertiger Pharmaprodukte verwenden. Denn der Schaden durch Fälschungen ist enorm – nicht nur finanziell. Rund 440 Mio. illegale Produkte werden jährlich in Europa verkauft. Und jedes Jahr sterben 1 Mio. Menschen aufgrund von Medikamentenfälschungen. Diese Zahlen nennt Xavi Esplugas Cuadrado, IT-Verantwortlicher bei DHL Supply Chain. Um dies einzudämmen, könnten zum Beispiel spezielle Pharmaverpackungen für Blister verwendet werden, die eigenständig registrieren, wenn sie unerlaubt geöffnet werden, um das Original gegen eine Fälschung zu ersetzen. Mittels Blockchain ließen sich lückenlos eine einwandfreie Pharma-Lieferkette oder eben Manipulationen nachweisen.

Das Beispiel zeigt, dass der Einsatz einer Blockchain sich in der Lieferkette vor allem dann anbietet, wenn es sich um besonders schützenswerte Güter oder Informationen handelt. Darauf weist Digitalisierungsexpertin und Coach Frauke Heistermann hin. Denn allein um durchgängige Transparenz in der Supply Chain zu erreichen, gebe es auch andere Techniken. Zudem lägen die größten Hindernisse für Transparenz nicht in der Technik, sondern eher in Kommunikation und Organisation. „Was ist das Problem im Unternehmen, das ist die wichtige Frage. Wenn die beantwortet ist, kann über Technologien gesprochen werden“, sagt Heistermann. Und schließlich seien Plattformen „die einfachere Möglichkeit, um viele verschiedene, aber untereinander bereits bekannte Beteiligte in einer digitalen Supply Chain zu verbinden“.

Entscheidungsbaum als Orientierung

Der Antwort auf die Frage, ob die Blockchain für einen Anwendungsfall sinnvoll ist, kann man sich auch mit einem einfachen Entscheidungsmuster zumindest grob nähern. Wie das aussehen kann, weiß Frank Bolten von Chainstep. Fragen seien beispielsweise, ob Status gespeichert werden müssen, ob es mehrere Personen oder Stellen gibt, von denen Daten erzeugt werden, und ob einige von denen vielleicht sogar unbekannt sind.

Wenn zudem keine vertrauenswürdige dritte Partei eingeschaltet ist, die jederzeit eine sichere Datenübermittlung gewährleistet, könnten das erste Hinweise auf sinnvollen Blockchain-Einsatz sein. Dann allerdings sei auch noch die Entscheidung zu treffen, ob man eine öffentliche, private oder hybride Blockchain verwende. Wenn das feststehe, dann sei zu beachten, dass „die Blockchain die Architektur von Applikationen ergänzt, aber normalerweise die Architektur nicht vollständig ersetzt“, betont Bolten. Die Integration ist abhängig vom Benutzerinterface, der Geschäftslogik und der Datenablage.

Bleibt noch die Frage, ob die viel gepriesene Sicherheit der Blockchain und ihre Immunität gegen Hackerangriffe langfristig Bestand hat. Immerhin ist auch sie Ziel von kriminellen Machenschaften. Doch dass eines Tages das aufwendige kryptografische Verfahren geknackt wird, mit dem die Transaktionen codiert werden, glaubt Wirtschaftsinformatiker Radszuwill nicht. Denn die immer größer werdende Rechenkapazität der Computer helfe beiden Seiten, der Ent- und Verschlüsselung. (rok)

Pilot- projekte

GS1 Germany

startet diesen Monat mit 20 Partnerunternehmen ein Pilotprojekt zum Ersatz des Palettenscheins durch die Blockchain. Es ist als Open Innovation angelegt, das heißt, es wird regelmäßig öffentlich über den Fortschritt des Projekts informiert.

Walmart

testet Blockchain in mehreren Projekten. So soll die Technik für smarte Verpackungen eingesetzt werden, um den Transportverlauf detailliert nachverfolgen zu können. Manipulationen und schädliche Einflüsse sollen so vorzeitig aufgedeckt werden.

Carrefour

will mit der Blockchain die Lebensmittelsicherheit erhöhen. Konsumenten sollen den Ursprung und die Produktionsbedingungen der Güter nachvollziehen können. Die Handelskette wappnet sich damit gegen Konkurrenten wie Amazon.

DHL

hat mit der Unternehmensberatung Accenture ein Pilotprojekt initiiert, mit dem Arzneimittel vom Ursprungsort bis zum Verbraucher verfolgt und Manipulationen und Fehlern vorgebeugt werden sollen. Entwickelt wurde ein Prototyp für die Serialisierung.

De Beers

ist ein südafrikanischer Diamantenlieferant und will die Blockchain entlang der gesamten Wertstoffkette einsetzen, um die Herkunft seiner Edelsteine zweifelsfrei belegen zu können. Sogenannten Blutdiamanten aus Kriegsgebieten soll dadurch der Marktzugang versperrt werden.

300 Cubits

ist eine auf einer Blockchain basierende Anwendung für die Schifffahrtsindustrie. Dabei wird eine Kryptowährung verwendet, die für Buchungskautionen von den Vertragspartnern – Verladern, Spediteuren und Reedereien – genutzt wird. Das soll Pünktlichkeit und verfügbare Kapazität sichern.

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