Blockchain: Der Teufel steckt im Detail

Blockchain Logistik Bitcoin
Illustration: Carsten Lüdemann

In der aktuellen Diskussion zu den disruptiven Auswirkungen der Digitalisierung fällt immer häufiger das Schlagwort Blockchain. Die noch sehr junge Technologie tritt gerade aus dem Schatten der Digitalwährung Bitcoin heraus, wo sie einen sicheren Geldtransfer ohne Drittinstanzen wie Banken garantiert. Interessant ist sie nämlich nicht mehr nur für Anwendungen in der Finanzindustrie, sondern zusehends auch für den Einsatz innerhalb von Wertschöpfungsketten, vor allem dort, wo Datensicherheit und Datentransparenz besonders relevant sind.

Vertrauen als Gewinn

Das Blockchain-Konzept beruht auf drei Säulen: dezentrale Datenspeicherung und Unveränderbarkeit der Daten, Verzicht auf – teure – Mittelsmänner sowie garantierte Datenkonsistenz und Authentizität der an der Blockchain beteiligten Partner. Der Hauptvorteil der Blockchain-Technologie wird in gesteigertem Vertrauen gesehen. Denn die Umsetzung konkreter Prozesse mit der Blockchain-Technologie verstärkt die Zuverlässigkeit von Abläufen aufgrund ihrer Unveränderbarkeit. Korruption und Datenmissbrauch – bei manuellen Tätigkeiten durch Menschen leicht möglich – sind ausgeschlossen. Zudem soll die Effizienz durch schnellere Prozessabläufe spürbar steigen.

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In der Logistik hat die Blockchain-Technologie das Potenzial, den Austausch von Supply-Chain- und Logistikdaten, beispielsweise in Bezug auf Waybills, Herkunftsnachweise, Tracking und Tracing oder Zollabwicklung, sicherer und automatisierter zu gestalten und damit den physischen Besitzübergang von Waren einfacher und schneller zu machen als dies heute der Fall ist. Ein weiterer Anwendungsfall sind Logistikbuchungsplattformen, die nach dem Uber-Prinzip und ohne eine zwischengeschaltete physische Instanz (Mittelsmänner) funktionieren. Sie ermöglichen auf Blockchain-Basis flexible und sichere Ad-hoc-Geschäftsbeziehungen zwischen bisher unbekannten Geschäftspartnern.

Der Teufel steckt im Blockchain-Detail

Auch wenn die Einsatzpotenziale der Blockchain-Technologie in der Logistik vielversprechend sind, ist „noch“ nicht alles Gold – oder Bitcoin – was glänzt. Es gibt vielfältige technische und rechtliche Fragestellungen, die noch zu lösen sind. Durch das redundante Speichern von Transaktionen in miteinander verketteten Blöcken und die dezentrale Verteilung der Daten steigt die Anzahl der gespeicherten Daten – und damit der Bedarf an Speicherkapazitäten und entsprechender Energie.

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In der Logistik basieren Blockchain-Anwendungsfälle häufig darauf, dass möglichst viele Teilnehmer auf einer gemeinsamen Plattform miteinander verbunden sind, über die sie Supply-Chain- und Logistikdaten (zum Beispiel Auftragspapiere, Pro-forma-Rechnungen, Herkunftsnachweise, Transportpapiere, Zollpapiere und weitere) untereinander vertrauenswürdig austauschen können. Prozesse zwischen den zahlreichen beteiligten Parteien lassen sich auf diese Weise massiv beschleunigen und automatisieren. Zwar hat die Blockchain-Technologie das Potenzial, die Basis für eine solche neutrale Plattform zu sein. Es muss sich jedoch zunächst ein breit anerkannter Standard für die Geschäftsprozesse sowie für die Businessdokumente etablieren. Hier gibt es aktuell zahlreiche Pilotprojekte und verschiedene Konsortien, die an diesbezüglichen Lösungen arbeiten. Beispielsweise erprobt die Standardisierungsorganisation GS1 Germany gemeinsam mit rund 20 Unternehmen sowie Partnern in einem Feldversuch den Tausch von Europaletten über die Blockchain, um die Zettelwirtschaft durch Palettenscheine zu beenden. Doch erst mit der Zeit wird sich zeigen, welche Lösung sich zum Quasi-Standard entwickeln wird.

Politik hinkt hinterher

Was die rechtliche Seite betrifft, ist die Fälschungssicherheit der Daten in einer Blockchain zwar durch die Technologie garantiert, jedoch fehlt hierzu noch der gesetzliche Rahmen. Um Blockchain-Daten auditieren zu können, ist einiges an technischem Verständnis nötig. Derzeit gibt es keine öffentlichen Institutionen, die eine Blockchain auditieren und zertifizieren können. Besonders deutlich zeigt sich dies in den aktuellen Diskussionen zur Kontrolle von Kryptowährungen. Die Gestaltung eines rechtlichen Rahmens hinkt der Entwicklung der Technologien also deutlich hinterher.

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Schutz privater Daten

Eine zentrale Herausforderung in Sachen Blockchain ist – überraschenderweise – der Schutz privater Daten. Blockchains lassen sich grundsätzlich nicht für die vertrauenswürdige Verarbeitung privater Daten heranziehen. Zwar ist „vertrauenswürdig“ eines der zentralen Blockchain-Attribute. Doch bei der Eigenschaft „privat“ muss die Technologie per Definition kapitulieren. Denn Daten innerhalb eines Blockchain-Netzwerks sind zunächst nie privat, sondern für andere Teilnehmer des Netzwerks lesbar. Es stellt sich also die Frage, wie private Daten in der Blockchain auch tatsächlich privat bleiben können.

Eine Lösung für dieses Problem sind sogenannte „Trusted Computing Appliances“. Das Konzept dieser Applikationen beruht darauf, dass die geheimen Daten von ihren Besitzern unter Einsatz einer speziellen Hardware lokal gespeichert und in der Blockchain nur referenziert werden. Zusätzliche Verschlüsselungskonzepte sorgen dafür, dass das Vorhandensein der Daten zwar für alle Teilnehmer einer Blockchain sichtbar ist, die Daten jedoch nur von den richtigen Teilnehmern gelesen werden können.

Generell ist das Technologieumfeld der Blockchain sehr volatil und in vielen Bereichen erst noch zu erschließen. Da die Potenziale der Technologie speziell in der Logistik jedoch enorm sind, wird mit Hochdruck an Lösungskonzepten für offene Fragestellungen gearbeitet. Für die Logistikbranche heißt es also, am Ball zu bleiben und die Entwicklungen in Sachen Blockchain genau zu verfolgen. (von Von Andreas Gmür und Andreas Göbel)

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