Blockchain: Disruptive Technik oder Golfplatz-Thema?

Die Blockchain könnte einen großen Einfluss auf die weltweiten Lieferketten haben. (Foto: Fotolia)

Die Blockchain verspricht Großes für die Lieferketten der Industrie. Das hat auch der koreanische Elektronikkonzern Samsung erkannt. Der Konsumelektronikhersteller erwäge die Blockchain einzusetzen, um sein riesiges Supply-Chain-Netz zu steuern, heißt es in einem Bericht der Nachrichtenagentur „Bloomberg“. Es gehe darum global Sendungen im Wert von mehreren 10 Mrd. USD pro Jahr zu verfolgen, sagt dort Song Kwang-woo, der Blockchain-Chef der Samsung-Logistikgruppe SDS. Die Technik habe das Potenzial, die Logistikkosten um 20 Prozent zu senken. Bei SDS rechnet man allein in diesem Jahr mit 448.000 t Luftfracht und etwa 1 Mio. Standardcontainern im Supply-Chain-Netz.

Laut DHL ist gerade die Seefracht bei weltweit mehr als 50.000 Handelsschiffen und zahlreichen Zollbehörden ein wichtiger Einsatzbereich. Die Blockchain habe ein enormes Potenzial zur Senkung der Kosten und des Zeitaufwands, die mit der Handelsdokumentation und der administrativen Abwicklung von Seefrachtsendungen verbunden sind, heißt es in einem aktuellen Trendbericht des Logistikkonzerns.

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Reibungsverluste im Welthandel

Die Supply-Chain-Prozesse von heute sind alles andere als effizient, standardisiert und transparent. In den Welthandel sind diverse Parteien mit oft gegensätzlichen Interessen und Prioritäten sowie dem Einsatz unterschiedlicher Systeme zur Sendungsverfolgung eingebunden. Viele Teile der Kette sind zudem an manuelle Prozesse gebunden, die von Aufsichtsbehörden vorgeschrieben sind. Beispielsweise müssen sich Unternehmen oft auf manuelle Dateneingaben und papiergestützte Dokumentation verlassen, um Zollprozesse einzuhalten. All dies macht es schwierig, die Herkunft der Waren und den Status der Sendungen zu verfolgen.

Die Blockchain könne beitragen, diese Reibungsverluste im globalen Handel zu verringern und erhebliche Effizienzsteigerungen zu erzielen, heißt es in dem Trendbericht, den DHL gemeinsam mit der Beratungsfirma Accenture angefertigt hat. Die Technik könne auch Datentransparenz und -zugriff zwischen den Akteuren der Lieferkette ermöglichen und so eine einzige „Quelle der Wahrheit“ schaffen. Darüber hinaus werde das Vertrauen, das zwischen den Beteiligten für den Informationsaustausch nötig ist, durch die intrinsischen Sicherheitsmechanismen der Blockchain gestärkt.

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Prototypen-Projekt der TU Hamburg

„Wir glauben, dass die Blockchain die Logistik revolutionieren kann“, sagt Matthias Heutger, ein leitender Manager aus dem Bereich Customer Solutions & Innovation bei DHL. Die Technik sei aber noch lange nicht ausgereift für den Einsatz in der Logistikbranche.

Genau damit hat sich das Institut für Technische Logistik der TU Hamburg in einem Prototypen-Projekt beschäftigt. Dabei haben die Wissenschaftler die Kombinationsfähigkeit von Internet der Dinge und Blockchain analysiert. Das Test-szenario: intelligente Behälter für Kleinteile auf der Lieferanten- und Empfängerseite, die Bestellungen und Zahlungen auf Basis eines Smart Contracts ausführen, wobei die entsprechenden Informationen in der Blockchain abgelegt sind.

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Neue Rolle von Intermediären in der Logistik

Die vorläufigen Ergebnisse zeigen: Die Hardware für das Internet der Dinge ist hinsichtlich Speicher und Prozessorfähigkeit oft noch zu leistungsschwach oder zu teuer. Zudem sei bei physischen Gütern der Bruch zwischen realer und virtueller Welt zu beachten. Da sich Qualitätsmängel virtuell nur schwer ermitteln ließen, müsste ein unabhängiger Dritter mit über die Auszahlung an den Lieferanten entscheiden. Dieser sogenannte Trustee könnte dann auch bei Streitigkeiten vermitteln. Hinsichtlich der künftigen Rolle von Intermediären in der Logistik sieht das Institut noch Forschungsbedarf an der Schnittstelle Recht und Technik. Zudem müssten Anforderungen, Berechtigungen und Verhaltensregeln für Trustees geklärt sowie Lösungen zur Auswahl geschaffen werden.

Die Blockchain habe laut DHL-Trendbericht aber grundsätzlich das Zeug dazu, Mittelsmänner abzuschaffen. Zudem könnten Transaktionen autonom und ohne Dritte verifiziert, aufgezeichnet und koordiniert werden. Das neue Datenbanksystem sei deshalb gerade für komplexe, globale Lieferketten mit vielen unterschiedlichen Beteiligten geeignet.

Kopplung verschiedener Blockchains

Nachholbedarf gibt es den Hamburger Forschern zufolge auch in Sachen Skalierbarkeit von Blockchain-Anwendungen. So sei das im Projekt verwendete System Ethereum, das nach Bitcoin wohl zweitbekannteste Blockchain-Netzwerk, zurzeit für circa 20 Transaktionen pro Sekunde ausgelegt. Ein signifikant höherer Durchsatz erfordere neue Ansätze. Da in der Praxis zudem mehrere Supply Chains interagieren, müsste die Interoperabilität verschiedener Blockchains über standardisierte Schnittstellen und Protokolle sichergestellt werden.

Und: Abgesehen von den Sicherheitsproblemen von Smart Contracts stellen die Kommunikationsprotokolle einen Angriffspunkt dar. Sie seien für den Datenaustausch zwischen Behälter und Blockchain nötig und müssten noch weiterentwickelt werden, damit auch die richtigen Daten in die an sich manipulationssichere Blockchain gelangen.

Auswirkungen sind noch unklar

Wie sich das sicherstellen lässt, ist auch eine Frage, über welche die Experten beim IT-Dienstleister Lufthansa Industry Solutions gestolpert seien, berichtete Sven Hansen kürzlich beim Hamburger Logistik-Kolloquium. Der IT-Berater verglich die Blockchain mit einem leuchtenden schwarzen Kasten in der Wüste – „und wir stehen alle drumherum und wundern uns“. Gegenwärtig seien zwar die Funktionen und technischen Details klar. „Aber wir wissen nicht, welche fachlichen Auswirkungen die Blockchain haben wird“, fügte er hinzu. „Ist die Blockchain eine disruptive Technik oder nur ein Thema für den Golfplatz?“, fragte Hansen während seines Vortrags. Er selbst ist überzeugt, dass sie das technische Verständnis ändern werde. Unklar sei allerdings noch, wo und wie. (cs)

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