BRC17 – Aufbruch in die digitale Zukunft

09 11 2017 BLUE ROCKET KONGRESS , Hamburg, Podium, Dr Steffen Wagner , KPMG , Global Head of Transport and Leisure
Steffan Wagner, KPMG

Wenn Logistiker nach den Herausforderungen für ihr Geschäft gefragt werden, denken sie in erster Linie an Kosten. Über hohe Treibstoffpreise, Mautgebühren und Personalausgaben beklagt sich dann jeweils mindestens jeder zweite. Auch die Digitalisierung der Logistik ist für die Unternehmen in der Mehrheit eine Herausforderung, die Kosten der Digitalisierung sehen indes nur 15 Prozent als Gefahr. Julia Miosga folgert daraus: „Bei der Digitalisierung wissen die Akteure noch überhaupt nicht so recht, wo sie ansetzen müssen.“ Und: „Die Branche muss aufpassen, dass sie den digitalen Anschluss nicht verpasst.“ Miosga ist Bereichsleiterin Handel und Logistik beim ITK-Verband Bitkom und muss es wissen. Denn der Verband vertritt mittlerweile auch die Interessen weiterer Branchen neben Telekommunikation und Co., zumindest wenn es um Digitalisierungsfragen geht.

Beim Blue Rocket Kongress der DVZ vergangenen Donnerstag in Hamburg redete die Expertin der Branche daher ins Gewissen. Schließlich ist den Unternehmen einer Bitkom-Umfrage zufolge durchaus bewusst, dass neue Technologien das Logistikgeschäft grundlegend verändern. So gehen 75 Prozent davon aus, dass Datenbrillen in zehn Jahren die Beschäftigten in der Logistik unterstützen, 65 Prozent stellen sich auf selbstlernende Systeme (Künstliche Intelligenz) ein, und für mehr als jeden Zweiten gehören autonome Drohnen in Zukunft zum Alltag. Aber: Lediglich jeweils 2 Prozent der Befragten planen schon konkret einen künftigen Einsatz selbstlernender Maschinen und von Drohnen.

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Politische Unterstützung beim BRC17

Um die Wirtschaft bei der Digitalisierung zu unterstützen, wurde von der Bundesregierung die Digital-Hub-Initiative ins Leben gerufen, die von Bitkom federführend betreut wird. In der Logistik gibt es dabei den Twin-Hub Hamburg und Dortmund, wobei der Hub in Hamburg seinen Sitz im Co-Working-Space Mindspace hat. Für Karl-Heinz Piotrowski, der den Hamburger Hub vonseiten der Logistik-Initiative Hamburg verantwortet, ist eine solche Institution unerlässlich, um die Digitalisierung der Branche voranzubringen und den Austausch zwischen Etablierten und Start-ups zu fördern. Piotrowski: „Ideen entstehen nur, wenn der Raum dafür geboten wird, daher braucht es so einen Hub.“ Im kommenden Jahr soll der Hub dann in größere Räume umziehen.

Doch wie kann ein einzelnes Unternehmen vorgehen, um sein Geschäft zu digitalisieren? Miosga zeigte beim Blue Rocket Congress dazu eine Checkliste mit zehn Punkten (siehe Kasten rechts). Unternehmen fit für die digitale Zukunft zu machen, hat sich auch der ehemalige Logistikprofessor Christopher Jahns mit seiner XU University vorgenommen. Er fordert die Unternehmen auf, nicht arrogant an das Thema heranzugehen. „Wer bei Digitalisierung nur an IT denkt, liegt falsch“, betont er.

Ihm zufolge sind drei Dinge für eine digitale Transformation wichtig. Erstens müssten die heute neuen, aber künftig entscheidenden Technologien wie Künstliche Intelligenz oder Robotik identifiziert werden. Zweitens müsse man sich Methodenkompetenz für den Wandel aneignen. Und drittens müsse das Mindset stimmen, denn: „Innovationen kommen nicht von allein“, so Jahns.

Jahns zufolge müssen dabei alte Gewissheiten über Bord geworfen werden. Im Automobilbau beispielsweise rede man heute nicht von Entwicklungszyklen von drei bis vier Jahren, sondern eher von 3 bis 4 Monaten. Das Geschäft wird also schnelllebiger. Agilität ist gefordert. Insbesondere Logistiker wiederum hätten in der Vergangenheit vor allem durch Intransparenz Geld verdient. Durch Plattformen werde aber horizontale Transparenz hergestellt. „Die Logistiker müssen dabei aufpassen, dass sie durch die Plattformen nicht zu bloßen Asset-Providern verkommen“, so Jahns. Frank Huster, Hauptgeschäftsführer des Speditionsverbands DSLV betonte im Rahmen einer Diskussionsrunde indes, dass eine ausschließliche Abwicklung über Plattformen dem Markt nicht guttun werde.

24 Start-ups im Pitch

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Trotzdem setzen viele der Start-ups, die in den vergangenen Jahren in die Logistik vorgestoßen sind, gerade auf jene Plattformmodelle. Dies zeigte sich auch bei dem Start-up-Pitch, in dessen Rahmen sich 24 junge Unternehmen jeweils drei Minuten lang erst dem Publikum und dann einer Fachjury stellten (siehe Kasten rechts). Die Newcomer werden für die Etablierten damit zur Konkurrenz; sie sind aber auch attraktive Kooperationspartner. Diesen Weg schlagen mehr und mehr Logistikunternehmen ein.

Jahns rät dabei, Start-ups nicht vorschnell zu kaufen. „Es ist im ersten Schritt wichtig, einen gemeinsamen Use Case zu entwickeln“, betont er. Das funktioniere mittels einer Kooperation meist sogar besser, insbesondere da viele Start-ups eher Finanz- denn strategische Investoren suchten. Eine weitere Spielart sind Kooperationen zwischen Verladern und Start-ups. „Auch wir müssen uns solchen Modellen gegenüber öffnen, so Marco Rebohm, Director Global Logistics bei Gebr. Heinemann.

Doch selbst wenn eine Kooperationsvereinbarung geschlossen wird, ein Selbstläufer ist die Zusammenarbeit zwischen David und Goliath nicht. Jahns erzählte von folgendem Fall: Ein großer Automobilhersteller wollte mit einem Navigations-Start-up einen Use Case entwickeln, der auf der Hannover Messe vorgestellt werden sollte. Der zuständige Mitarbeiter bei dem Konzern war auch Feuer und Flamme, doch dann begannen die Missverständnisse und Probleme. Einen notwendigen Termin bei dem zuständigen Bereichsvorstand des Corporates gab es erst in drei Monaten. Jahns: „In der Zeitrechnung eines Start-ups ist das eine Ewigkeit.“ Der Termin kam dann irgendwann zustande und die Kooperation wurde vereinbart. Doch wenig später meldete sich der Einkauf des Konzerns bei dem Start-up mit der Mitteilung, dass man doch nicht zusammenarbeiten könne. Begründung: Das Start-up weise einen hohen Jahresverlust aus und eine Zusammenarbeit sei wegen interner Regeln des Konzerns daher nicht möglich. Die Zusammenarbeit kam auf Betreiben des Bereichsvorstands dann zwar zustande und war auch erfolgreich, aber so Jahns: „Das Image des Konzerns ist in der Start-up-Szene mittlerweile ramponiert.“

Das Mindset muss stimmen

Vor einem „Cash of Cultures“ warnte auch Steffen Wagner, Global Head of Transport & Leisure bei KPMG, wenn sich etablierte Logistiker in die Start-up-Welt vorwagen. Er zählt dazu Kooperationen, Inhouse-Lösungen und Beteiligungen. Doch egal welches Modell gewählt wird, wichtig sind neben einer guten Vorbereitung des Projekts und der sorgfältigen Auswahl des Partners vor allem klare Spielregeln und eine Sensibilisierung der Mitarbeiter. Wagner zufolge müssen für die Gründer des Start-ups beispielsweise Anreize geschaffen werden, damit sie auch dann noch voll hinter dem Projekt stehen, wenn sie Anteile an ihrem Unternehmen abgegeben haben. „Und die Mitarbeiter bei dem etablierten Logistiker müssen das Start-up akzeptieren, sonst klappt die Zusammenarbeit nicht“, unterstreicht Wagner.

Ein Stolperstein für eine erfolgreiche Zusammenarbeit sind Wagner zufolge auch unterschiedliche Erwartungshaltungen. „Vor allem bei den Finanzkennzahlen gibt es häufig Enttäuschung“, so Wagner, schließlich habe ein Start-up in der Regel zunächst andere Prioritäten als ein umfangreiches Reporting aufzubauen. „Da können Sie die klassische Due Diligence Liste schon einmal direkt zu Hause lassen“, rät der Experte. Gefordert ist stattdessen ein gewisses Maß an Gelassenheit vonseiten des Logistikers. Wagner: „Als Corporate müssen Sie sich im Start-up-Umfeld daran gewöhnen, mit Unsicherheiten umzugehen.“

Doks Innovation gewinnt beim Start-up-Pitch

So viele Logistik-Start-ups auf einem Fleck gab es selten, meinten viele der Anwesenden anerkennend. 24?Start-ups stellten sich beim Blue Rocket Congress dem Votum – zunächst des Publikums und dann einer fachkundigen Jury. Jeder der Newcomer hatte drei Minuten Zeit, um sein Geschäftsmodell zu skizzieren. Die Lösungen waren vielfältig, von Plattformen für den Landverkehr über Last-Mile-Lösungen und Lagerflächenoptimierung bis hin zu Lastenrädern. Durchgesetzt hat sich schließlich Doks Innovation. Die Dortmunder bieten mittels eines digitalen Klons von Lägern und des Einsatzes von Flugrobotern eine innovative Lösung für Inventuren und das Bestandsmanagement. Mit dabei waren außerdem:

  • Birdiematch (Personalvermittlung)
  • Cargobee (Frachtenmanagement)
  • Cargonexx (Digitale Spedition)
  • Catkin (Kollaborationsplattform)
  • Evertracker (Supply-Chain-Steuerung)
  • Freightfinders (Seefrachtportal)
  • Gestalt Systems (Routenoptimierung für die Schifffahrt)
  • I-Bring (Letzte Meile)
  • Instafreight (Digitale Spedition)
  • LSA Logistik Service Agentur (Co-Warehousing)
  • Ludego (Smarte Versandbox)
  • Myzollbox (Zollabwicklung)
  • Nautiluslog (Intelligentes Logbuch)
  • Parcelbox (Letzte Meile)
  • Parcellab (Versandoptimierung)
  • Searoutes.com (Routenoptimierung für die Schifffahrt)
  • Sharehouse (Digitaler Marktplatz für Lagerflächen)
  • Shipcloud (Versandplattform)
  • Spedifort Innovativ (E-Learning)
  • Synfioo (Ankunftszeitprognosen)
  • Time matters/Airmates (Onboard-Kuriere)
  • Tracksim (Fahrzeugortung)
  • Tretbox (City-Logistik und Lastenräder)
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