Cities als Trendsetter für die Logistik

Drohne in Tokio: Die Fluggeräte könnten von Fahrzeugen oder Mikrodepots starten und dann zur Basis zurückkehren. (Foto: Getty Images)
Drohne in Tokio: Die Fluggeräte könnten von Fahrzeugen oder Mikrodepots starten und dann zur Basis zurückkehren. (Foto: Getty Images)

Weltweit gibt es über 300 Städte, in denen mehr als 1 Mio. Menschen leben­. China plant sogar Städte mit 60 und 80 Mio. Einwohnern. Auch wenn dies extreme Beispiele sind, verdeutlicht es, dass es immer mehr Menschen in die Stadt zieht. Im Jahr 2050 werden 2,5 Mrd. Menschen mehr in den urbanen Ballungsräumen leben als heute.

Der Megatrend Urbanisierung hat Folgen. Straßen sind überlastet und es besteht ein erhöhter Bedarf an Gütern, Nahversorgung und Entsorgung sowie an Verwaltung – die Infrastruktur leidet. Verschärft wird dies durch neues Konsumverhalten. Zum einen können und wollen wir uns mehr leisten als noch vor 10 oder 20 Jahren. Zum anderen revolutioniert das Verschmelzen von Online und Offline die Versorgung – E-Commerce übernimmt das Ruder. Wir lassen uns immer mehr Güter und Waren direkt nach Hause liefern, folglich wächst der Verkehr. Gleichzeitig soll dabei die Lebensqualität nicht leiden. Das Dilemma ist offensichtlich.

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Ein weiterer Trend heißt Experience Economy. Einkaufen und Konsum werden zunehmend als Erlebnis angesehen – und die Logistik ist ein wichtiger Teil dieser Erfahrung. Konsumenten erwarten neue logistische Dienstleistungen, wie beispielsweise die kurzfristige Änderung der Zustellzeit und des Zustellortes. Alles soll dabei aber erschwinglich bleiben.

Die Antworten der Logistik sind breit gefächert. Es entstehen autonome Lager und hybride Lösungen. Elektrische Fahrzeuge und elektrisch unterstützte Lastenräder werden eingesetzt. Automatisierung und Elektrifizierung sind logistische Schlüsselentwicklungen. Einen Königsweg gibt es dabei nicht, maßgeschneiderte Kombinationen sind gefordert. Digitale Plattformen machen Abläufe und Prozesse transparent, nachvollziehbar und steuerbar.

Umweltfreundliche LKW für Cities gefragt

Es gibt bereits eine Reihe von Entwicklungen und Konzepten, die heute oder morgen die Citylogistik bewegen, wie die im Folgenden beschriebenen Trends zeigen. So sparen LKW-Platoons – das sind drahtlos miteinander vernetzte LKW, die in kurzem Abstand hintereinander fahren – Platz, Treibstoff, Emissionen und Personalkosten und reduzieren das Unfallrisiko. Denn über 90 Prozent aller Unfälle sind auf menschliches Versagen zurückzuführen. Gefragt sind wirtschaftliche und umweltfreundliche Elektro-LKW mit entsprechender Reichweite und Nutzlast sowie umweltfreundliche Zustellfahrzeuge.

Zum Einsatz kommen werden mehr Lastenräder, die beispiels­weise über abgestellte, im Fernverkehr eingesetzte Wechselbrücken als Mikrodepot versorgt werden – wie das Beispiel des Paketdienstleisters UPS in Hamburg, München und Paris zeigt. Jedes Mikrodepot ersetzt bis zu zwei Zustellfahrzeuge und spart so jährlich über 16 t CO2 sowie weitere Emissionen ein. Es wird zunehmend rollende Hubs geben, die Zustell- und Abholfahrzeuge als Basis nutzen. Die Paketdienste versorgen diese Hubs kontinuierlich mit Sendungen und beliefern von dort aus die Empfänger. Retouren von Kunden nehmen sie heraus und bringen sie zu den Umschlagdepots.

Roboter unterstützen Zusteller

Multifunktionale Logistikfahrzeuge halten in den Städten Einzug, von denen aus rollende Roboter oder Drohnen starten und den Boten bei der Zustellung und Abholung unterstützen – wie das Beispiel des Mercedes Vision Vans von Daimler zeigt. Stichwort Drohnen: Sie ­könnten vom Distributionslager, Mikrodepot, traditionellen stationären Laden oder Fahrzeug aus starten und nach erfolgter Zustellung wieder zur Basis zurückkehren, um dort wieder für den nächsten Einsatz beladen zu werden. Auch in den Distributionslagern selbst könnte noch stärker automatisiert werden. So ließe sich die Produktivität bei der Kommissionierung durch die computergestützte Erweiterung der Realitätswahrnehmung (Augmented Reality) erhöhen –

Roboter und Menschen arbeiten dann Hand in Hand

Logistik und Handel verschmelzen zunehmend an den Verkaufsstellen (Point of Sale), und die Logistik übernimmt beispielsweise das Backend des Handels. Die weniger gefragten Einzelhandelsfilialen lassen sich künftig auch als Durchgangslager für Zustellung und Abholung nutzen. Ebenso erleichtern Paketshops das Empfangen und das Versenden von Waren für kleinere Geschäftstreibende und Privatpersonen. Gerade bei Lösungen wie Click and Collect, bei denen der Kunde die online bestellte Ware an einem vorbestimmten Ort abholt, werden zunehmend Paketshops gebraucht.

Packstationen ermöglichen es, rund um die Uhr online bestellte Ware entgegenzunehmen und Retouren sowie andere Sendungen zu verschicken. Rollende Packstationen wiederum könnten in Kombination mit autonomen Fahrzeugen interessant werden, um Paketempfängern den Weg zu verkürzen. Auch Paketkästen werden zunehmen in Mehrfamilienhäusern, Wohnquartieren oder Wohn- und Bürokomplexen aufgestellt werden. Es wird rollende autonome Zusteller geben, die auf dem Rückweg weitere Services und Transporte übernehmen können. Derzeit testet beispielsweise der Paketdienst Hermes Roboter von Starship. Rollende Fabriken werden eingerichtet in Form von Fahrzeugen, die mit 3D-Druckern ausgestattet sind. Amazon hat dazu entsprechende Patente angemeldet.

Lösungen intelligent kombinieren

Unterstützt durch die Daten des digitalen Kaufhauses, in dem wir heute shoppen, wird die Retourenlogistik vereinfacht. Konsumenten können dann am Ende des Verwendungszyklus eines Produktes direkt angesprochen und in den Rückführungsprozess aktiv eingebunden werden. Gleichzeitig setzen Versender zunehmend auf wiederverwendbare und biologisch abbaubare Verpackungen. Und last, but not least wird die urbane Infrastruktur verstärkt auch in der Nacht genutzt werden. Das setzt wiederum neue logistische Konzepte wie den Einsatz geräuscharmer Fahrzeuge und die Nutzung spezieller Lade- und Entlade-Hilfsmittel voraus.

Und da keine Stadt der anderen gleicht, sind intelligente Kombinationen gefragt, die auf die Verhältnisse vor Ort angepasst und digital gesteuert werden. Das Zusammenspiel von Internet der Dinge, künstlicher Intelligenz, Cloud oder Wearables (tragbaren Computersystemen), wird die Mobilität der Zukunft bestimmen. Blockchain, also dezentrale Datenbanken, die eine stetig wachsende Liste von Transaktionsdatensätzen geschützt vorhalten, und intelligente Kontrakte werden das Niveau der autonomen Lösungen erhöhen, denn dadurch können Maschinen mit Maschinen Geschäfte eigenständig betreiben­.

Der Mensch greift dann nur dort ein, wo es die Maschinen alleine nicht mehr schaffen. Dies wird insbesondere dann notwendig sein, wenn die Fahrzeuge in unseren Städten das Alleine-Fahren lernen müssen. (rok)

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