Das 3-D-Auge für Stückgut

(Foto: Marlene Froehlich/www.LuxundLumen.com)

Eine Palette mit Frachtgütern wird in den LKW verladen. Stimmen die Volumenangaben des Verladers, oder stimmen sie nicht? Das ist die Gretchenfrage beim Stückguttransport. Oft zurecht, denn unabhängigen Studien zufolge werden aufgrund falscher Angaben rund 15 Prozent aller Ladungen untertarifiert. „Aufgrund falscher Volumenangaben entgehen der europäischen Transportwirtschaft jährlich rund 2 Mrd. EUR Umsatz“, schätzt Michael Baumgartner, Mitbegründer und CEO des Wiener Start-ups Cargometer. Und niemand bemerkt es, weil es bis heute an praxistauglichen automatischen Messsystemen mangelt, moniert er.

Um zukünftig für korrekte Abrechnungen zu sorgen, gründete Baumgartner gemeinsam mit seinem Partner, dem Finanzfachmann und Unternehmensberater Ludwig Österreicher, das Start-up Cargometer. „Mehrfach wurde an mich der Wunsch herangetragen, mein Verfahren für Stückgutlogistiker zu adaptieren“, berichtet Baumgartner, der seit 2004 ein entsprechendes Patent besitzt. Die bisher eingesetzten Scanner waren jedoch derart ungeeignet und meist auch zu teuer, dass sich für den Spediteur kaum Benefits ergaben. Schließlich entwickelte er jedoch einen Sensor, der bei niedrigen Kosten durch den neuartigen Cargometer-MM3D-Algorithmus eine hohe Messgenauigkeit gewährleistet, ohne den Arbeitsfluss zu beeinträchtigen. Der Ent- oder Beladevorgang, welcher an der Rampe ohnehin in Schrittgeschwindigkeit erfolgt, muss zur Volumenmessung nicht unterbrochen werden.

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Somit war der Weg technisch frei für die Entwicklung des Cargometer-Verfahrens zur 3-D-Frachtvermessung bei einem vorbeifahrenden Gabelstapler. „Für den Spediteur amortisiert sich die Investition innerhalb eines Jahres“, betont Österreicher. „Dazu kommt die enorme Zeitersparnis im Vergleich zur Handmessung.“

Die beliebig erweiterbare Grundvariante für ein Ladetor besteht aus zwei 3-D-Kameras, die pro Sekunde rund 30 Tiefenbilder aufnehmen. Diese Daten werden vor Ort auf einem hochleistungsfähigen Industrie-PC verarbeitet. Dabei wird das Volumen von Ladung und Transportmittel berechnet und algorithmisch getrennt. Dafür entwickelte Baumgartner als erste technische Innovation den „Multi-Image-Motion-3-D-Algorithmus“.
Abgleich mit den Soll-Daten

Das Ergebnis wird dem Disponenten samt Farbfoto und einem 3-D-Modell elektronisch übermittelt. Der Abgleich mit den Soll-Daten aus den Frachtpapieren kann entweder manuell oder per automatischen Datentransfer in die Speditions- oder ERP-Software erfolgen. Platziert wird die Anlage idealerweise im Bereich der Verladetore. Führt der Stapler mit einem Zusatzmodul auch eine Gewichtsmessung der Ladung durch, kann die Datenlage für die Stückgutspediteure weiter verfeinert werden.

Für den Naturwissenschaftler Baumgartner ist Cargometer die kommerzielle Fortsetzung seines wissenschaftlichen Weges. Bereits in seiner Dissertation befasste er sich mit dem Monitoring von Frachtgütern. Damals allerdings eher aus ökologischen als ökonomischen Gesichtspunkten.

Der ambitionierte Forscher und Entwickler Baumgartner und der vorsichtige, weitblickende Finanzmann Österreicher bilden nun eine Symbiose – was verschiedenen Mäzenen der österreichischen Start-up-Szene nicht lange verborgen blieb. Zunächst wurde eine Kooperation mit dem – von Professor Sebastian Kummer geleiteten – Institut für Transportwirtschaft und Logistik (Wirtschaftsuni Wien) eingefädelt. Bald darauf ergab sich eine Zusammenarbeit mit dem dortigen Institut für Marketing-Management.

Auch finanziell und organisatorisch wird Cargometer von mehreren Seiten her unterstützt: etwa im Inkubator des universitären Gründerservice Inits und durch Austria Wirschaftsservice (AWS) mit den Hightech-Programmen PreSeed und Seed.

Allerdings musste sich das Unternehmen für diese Unterstützung früh beweisen: „Den Großteil der Förderungen bekommen Start-ups in Österreich erst im Nachhinein, also bei Vorliegen positiver Projektergebnisse und erreichter Zielvorgaben“, berichtet Baumgartner und stellt der Förderkultur in Österreich das beste Zeugnis aus: „Vielfältig und für förderwürdige Hightech-Projekte relativ unbürokratisch erreichbar.“

Prinzipielle Zielgruppen für die Cargometer-Frachtvermessung „on the fly“ sind für Baumgartner alle Stückgutspeditionen und Transportunternehmen. Umsatzsteigerungen von bis zu 5 Prozent hält er für durchaus realistisch, was auch eine entsprechende Verbesserung der Ergebnisse bedeuten dürfte, denn umgekehrt schlagen auch Einbußen durch Falschtarifierung komplett auf das Ergebnis durch. Bei der bloßen Optimierung der Frachtabrechnung soll es zudem nicht bleiben: In einem zweiten Schritt können Transportunternehmen die Auslastung ihrer LKW-Flotte regelmäßig analysieren und optimieren – Big Data macht es möglich.
Gebrüder Weiss als Pilotpartner

Nachdem der Prototyp in den letzten Monaten gemeinsam mit dem strategischen Logistikpartner, dem Speditionskonzern Gebrüder Weiss, erfolgreich getestet wurde, ist nun der Rollout angelaufen. Erste Anlagen wurden bereits verkauft. Parallel dazu will Cargometer weitere Investoren ins Boot holen, um den Rollout so rasch wie möglich zu bewältigen.

Im Fokus stehen dabei zunächst die Länder Österreich, Deutschland und die Schweiz. Hier seien rund 25 Prozent des europäischen Stückgutmarkts angesiedelt. Läuft alles planmäßig, will Cargometer vom kommenden Jahr an auch Resteuropa bedienen. Auf diese Weise soll das Unternehmen kontinuierlich organisch wachsen. Auch die Ausdehnung des Anlagenportfolios auf weitere Innovationen, die auf Cargometers Basistechnologie aufbauen, sei nicht ausgeschlossen. (la)

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