Das Nachhaltigkeitsdilemma

Foto: BMW
Die Verantwortung von Unternehmen hinsichtlich ökologischer und sozialer Belange, die sogenannte Corporate Social Responsibility (CSR), wird auch in der Logistik noch stärker als bisher beachtet werden müssen. Denn immer mehr Großkunden fordern entsprechende Nachweise und Zertifikate für Nachhaltigkeit ein.
[clickToTweet tweet="‚Teile aus dem Schwarzwald wären sicher Corporate Social Responsibility. Wenn ich beim Preis höher liege, fliege ich'" quote="Ich könnte natürlich Baugruppen aus dem Schwarzwald kaufen, das wäre sicher im Sinne von Corporate Social Responsibility. Aber wenn ich dann beim Preis höher liege, fliege ich sofort raus. Vertreter eines Autozulieferers, Bereich Powertrain in Sachsen" theme="style3"]

Laut dem „Forum Nachhaltige Entwicklung der Deutschen Wirtschaft“ (Econsense) wird es für Logistikpartner künftig schwierig werden, ohne ein entsprechend zertifiziertes Managementsystem in den Supply Chains beteiligt zu bleiben. Auf einer Tagung im Leipziger BMW-Werk sprach Kai Zöbelein, Nachhaltigkeitsbeauftragter des Autobauers, von einem seit kurzem eingeführten Fragebogen, den alle Zulieferer ausfüllen müssen. Dort werden die für BMW unverzichtbaren ethischen Standards aufgeführt – in 27 Fragekomplexen.

Nachhaltigkeit auf Ebene mit Preis

Jeder Zulieferer ist verpflichtet, diese Informationen auch von seinen Vorlieferern und Partnern einzufordern. Die Spanne reicht dabei von Mindestanforderungen in Arbeitsverträgen bis hin zum schonenden Umgang mit der Umwelt. „Der Fragebogen ist bei allen Neuverträgen Voraussetzung. Wer da nicht im Sinne unserer Standards antworten kann, wird nicht an Bord bleiben“, sagte Zöbelein. Noch seien zwar längst nicht alle der 13.000 Lieferanten erfasst, doch in wenigen Jahren werde das konzernweit durch Neuausschreibungen umgesetzt. „Natürlich spielen bei uns auch die Preise und die Zuverlässigkeit eine entscheidende Rolle, aber die Einhaltung sozialer und ökologischer Standards ist für einen Auto-Premiumhersteller unverzichtbar und deshalb inzwischen auf der gleichen Ebene angekommen“, fügte der Manager hinzu.

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Zöbelein sprach an, was offenkundig auch andere Konzerne von vornherein ausschließen möchten, um nicht von ihren Kunden abgestraft zu werden. Skandale entfalten besonders bei Markenanbietern große Imageschäden. In der Autobranche kommt hinzu: Im Großkundengeschäft läuft kaum noch etwas, wenn nicht auch der Hersteller für die soziale Seriosität seiner Lieferkette bürgt.

Viele der deutschen Standards sind zwar in Europa einfach zu vermitteln, in zahlreichen armen Ländern hingegen noch weit von der Alltagsrealität entfernt. Und was solle er machen, fragte ein Vertreter eines sächsischen Zulieferers, wenn BMW nahezu jedes Jahr gnadenlos an der Preisschraube drehe. „Ich könnte natürlich Baugruppen aus dem Schwarzwald kaufen, das wäre sicher im Sinne von CSR. Aber wenn ich dann beim Preis höher liege, fliege ich sofort raus“, sagte der Manager. Also kauft er weiter in Fernost ein – auch mit dem Risiko, dass dort nicht immer alles nach den hiesigen Werten geregelt wird.

BMW will CSR honorieren

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Der Preisdruck sei natürlich ein Problem, räumte Zöbelein ein, versicherte aber, dass BMW künftig auch die soziale Verantwortung honorieren wird. Dazu sei vor allem eine umfassende Schulung des Einkaufs nötig. „Generell gilt, dass wir heute schon bei den besonders sensiblen Produkten wie Elektrofahrzeugen noch einen Schritt weiter gehen, um den Aufwand für die Nachhaltigkeit zu vergüten“, erklärte der BMW-Manager.

Solche Probleme sehen natürlich auch Fachleute wie die Professorin an der Leipziger Handelshochschule, Iris Hausladen. „Die Anforderungen bis in das letzte Glied einer Lieferkette durchzusetzen ist schwierig, aber zumindest sollte man zunächst eine grundsätzliche Analyse vornehmen“, sagte sie. Aus den länder- und branchenspezifischen bekannten Fakten könne man dann wenigstens Problemstellungen ableiten und gezielt nachfragen. Allerdings reichten in der Regel nicht irgendwelche Beteuerungen der Lieferanten. Um sicher zu sein, bleibe nur die direkte Kommunikation und Kontrolle – was immer nur in Einzelfällen leistbar bleibe.

Bleiben also nur der moralische Druck und die Vorbildrolle, die durchaus einen gewissen Erfolg bringen können. Wenn in der Lieferkette klar ist, dass der Endkunde hohe CSR-Maßstäbe hat und im Zweifelsfall davon auch die künftige Zusammenarbeit abhängig macht, spricht sich das schnell herum. (cs)

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