Dem Internet der Dinge fehlt der Mensch

IoT, Internet of things, Internet der Dinge

Zwei typische Gruppen von Akteuren identifiziert das Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung (ISF) in München in seinem Forschungsreport zum Internet der Dinge: etablierte Großunternehmen, die das Feld besetzen wollen, und IT-Giganten, die ihre Kompetenzen in neuen Umgebungen ausspielen.

Alexander Ziegler, einer der Autoren, nennt unter anderem Bosch und Siemens als Beispiel für klassische Industrieunternehmen, die sich mit dem Internet der Dinge neue software- und datenbasierte Geschäftsfelder aufbauen. „Sie entwickeln dafür eigene Cloud-Lösungen, weil sie sich nicht von anderen Cloud-Anbietern abhängig machen wollen.“ Bislang produzierten diese Unternehmen Software als eingebettete Lösung, „jetzt versuchen sie das zu machen, was ein Internet-Unternehmen macht: Softwarelösungen für das Internet der Dinge komplett losgelöst von der Unternehmenshardware in einer eigenen Cloud anzubieten und mit Amazon, Microsoft oder Google zu konkurrieren“, ergänzt Andreas Boes, ebenfalls Autor der Studie und Vorstandsmitglied des ISF.

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„Services, die für eine solche Plattform entwickelt werden, lassen sich dann in verschiedenen Lösungen für das Internet der Dinge einsetzen“, erklärt Ziegler. Als Beispiel nennen die Forscher Logistiküberwachung in Häfen. Bosch hat in einem Pilotprojekt eine Lösung entwickelt, mit der sich Container mit Lebensmitteln auf dem Seeweg verfolgen und Daten wie Kühlung oder Zustand der Waren überwachen lassen. Im Hamburger Hafen entsteht gemeinsam mit SAP Smartport Logistics mit mittlerweile fast 30 Lösungen, die sowohl intern als auch extern angeboten und genutzt werden. Dazu gehören zum Beispiel der Portmonitor oder „Smart Switch“, die Ausstattung von Weichen mit Sensoren, die damit gewartet werden können, bevor sie ausfallen. Zahlreiche Prototypen werden entwickelt und getestet.

Cloud für Staplerflotte

Bosch hat eine eigene Internet-der-Dinge-Cloud für solche Ideen aufgebaut. Zenoway heißt eine Anwendung, die dort zur Verfügung stehen soll. Sie vernetzt die Staplerflotte eines Werkes oder Lagers untereinander und ermöglicht die Positionsbestimmung. Damit ist jedes Fahrzeug lokalisierbar. Ein weiteres Beispiel der Forscher, wie das Internet der Dinge in der Logistik Fuß fasst, ist Traton, die frühere Volkswagen Truck & Bus mit der cloud-basierten Lösung Rio. Sie ging Dezember 2017 an den Start.

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Über die Plattform werden nicht nur eigene LKW angebunden sondern auch alle möglichen Verkehrsträger wie Schiffe oder LKW anderer Hersteller. Angeboten werden Services wie Flottenüberwachung und -optimierung oder Auswertung von Maintenance-Daten, für die Zustandsdaten aus der Cloud verwendet werden. Navistar, ein amerikanischer Truckhersteller, an dem VW Anteile hält, will in Zukunft seine vernetzten Fahrzeugtechnologien wie „On Command Connect“ an Rio ankoppeln. Die eingebettete Technik soll Daten für den Ferndiagnose- und vorausschauenden Wartungsdienst erfassen.

Das Neue sind dabei nicht die Lösungen selbst, sondern das Angebot über Plattformen. „Diese Plattformen sind oft gleichzeitig als Marktplatz aufgebaut“, beschreibt Ziegler das Geschäftsmodell. Auch andere Unternehmen können dann ihre Lösungen und Produkte dort für den Logistikprozess anbieten.

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Siemens setzt ebenfalls auf Cloudtechnik beim Internet der Dinge

Siemens hat mit Mindsphere ebenfalls eine cloud-basierte, offene Betriebsplattform für das Internet der Dinge entwickelt. Dabei lernen die Münchner von Erfahrungen aus der Softwareentwicklung und beziehen potenzielle Anwender ein. Gemeinsam mit 18 Partnerunternehmen wurde vor kurzem die Anwenderorganisation Mindsphere World als Verein gegründet. Er soll die Mitglieder bei der Entwicklung und Optimierung von Lösungen für das Internet der Dinge und der Erschließung neuer Märkte unterstützen.

Die deutschen Hightech-Unternehmen wollen mit ihren Plattformen den IT-Giganten aus dem Silicon Valley und China Paroli bieten, die versuchen, ihre Kompetenzen im Bereich Cloud und Machine Learning zu nutzen, um neue Services für die Logistik zu entwickeln und Plattformlösungen aufzubauen. Deren Stärke ist die Wertschöpfung über die Grenzen klassischer Industriegrenzen hinweg. „Amazon baut ein System zur Paket­auslieferung auf, das auch Crowd-Ansätze einbezieht. Jeder kann Pakete mitnehmen, ähnlich wie Uber Passagiere. Das wird zunächst für die eigene Logistik eingeführt und wird dann perspektivisch externen Kunden als Service angeboten“, nennt Boes ein Beispiel. Die neuen Akteure nutzen dabei eine neue Art von Domänenwissen, das altes Domänenwissen ersetzt.

So war der ursprüngliche Ansatz von Amazon der Ersatz von Buchhandlungen, einem Segment mit hohem Domänenwissen über Bücher und Autoren. „Die Auswertung von Kundendaten mit Machine-Learning-Algorithmen eröffnet völlig neue Möglichkeiten, Bücher zu verkaufen. Der datenbasierte Ansatz wird aber zugleich gekoppelt an das Nutzer-Feedback aus den Communities des Internets und damit die Liebe der Kunden zu Büchern“, beschreibt er den Ansatz von Amazon.

Algorithmen allein reichen nicht

Dieser entscheidende Punkt werde gerade in Deutschland bei der Gestaltung von Lösungen für das Internet der Dinge noch häufig übersehen: Die Einbindung des Know-hows und des Domänenwissens der Menschen spielten bislang eine zu geringe Rolle, „alle glauben, dass mehr Algorithmen die Lösung sind“, sagt Boes. „Es gibt einen Fokus auf die Verknüpfung technischer Systeme. Der Ansatz, dass man das immer wieder rückkoppeln muss mit der Intelligenz der Menschen in den Systemen, ist in Deutschland noch unterentwickelt“ beobachtet Boes.

„Die Modelle hören da auf, wo die Maschinen aufhören. Für Menschen, die in Beziehung zu den Maschinen stehen oder gar mit anderen Menschen interagieren, gibt es keine Modelle“, erklärt Boes. Damit verschenke man zentrale Vorteile des Standorts Deutschland. Die eigentliche Herausforderung sei nicht die Digitalisierung, sondern kommunikativ verbundene Menschen handlungsfähiger zu machen. (Pia Grund-Ludwig)

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