Deutschland hinkt mit der Digitalisierung hinterher

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Deutschland hinkt mit der Digitalisierung hinterher (Foto: Fotolia)

Die Digitalisierung ist jung, weiblich und anglofon. Das zeigte eine Veranstaltung des Online-Versandhändlers Amazon in Berlin. Viele junge Frauen, smarte Blogger und das übliche Vokabular wie Cloud-Dienste oder Browse Development. Vielen ist das Thema zu komplex und unübersichtlich, zu unbekannt und schnell. Deshalb startete Amazon eine Initiative für kleinere Handelsunternehmen mit maximal 20 Mitarbeitern. Drei Monate lang helfen Amazon- und Handelsexperten etwa 20 bis 30 Unternehmen, ihre Online-Geschäfte auf- oder auszubauen. Das Ziel: Händler sollen für das digitale Zeitalter gerüstet werden.

Auch die Politik regt sich. Ein erster Schritt war die Digitale Agenda 2014–2017, die die Bundesregierung 2014 verabschiedet hatte. Damit schrieb sie erstmals Entwicklungsschritte für die Digitalisierung fest. Seitdem sind zahlreiche Papiere hinzugekommen. Erst kürzlich veröffentlichte beispielsweise Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) die digitale Strategie 2025 mit zehn Punkten. Es geht darum, Start-ups zu unterstützen, verschiedene Wirtschaftssektoren zu vernetzen, Voraussetzungen für Datensicherheit zu schaffen und das Glasfasernetz auszubauen. Mit dem letzten Punkt geht Gabriel auf Konfrontationskurs zu Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt, der eigentlich für die Infrastruktur zuständig ist. Als unproduktiv bezeichnete der CDU/CSU-Wirtschaftsrat den Streit der Ministerien um Kompetenzen.

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Das Internet ist zu langsam

In seinem Papier stellte Minister Gabriel der digitalen Infrastruktur, die eigentlich in den Arbeitsbereich des Bundesverkehrsministers fällt, ein mageres Zeugnis aus. „Deutschland hat kein schnelles Internet“, heißt es. Aktuell könnten mobil 96 Prozent der Haushalte mit dem Mobilfunkstandard LTE mit mindestens 2 Mbit/s zugreifen, allerdings stünden mindestens 16 Mbit/s nur 6 Prozent zur Verfügung. Die durchschnittliche Übertragungsgeschwindigkeit in Deutschland betrug im zweiten Quartal 2015 rund 10,7 Mbit/s, die Spitzenübertragungsraten lagen bei 46,8 Mbit/s. Nur etwa 15 Prozent der mobil genutzten Internetzugänge erreichten in Deutschland Raten von mehr als 15 Mbit/s.

Auch die Entwicklung der Glasfaseranschlüsse steckt laut Strategie noch in den Kinderschuhen. Adäquate Angebote für gewerbliche Nutzer, vor allem erschwingliche Gigabitanschlüsse für kleine und mittlere Unternehmen, seien oftmals gar nicht vorhanden. Nur große Unternehmen könnten sich eigene Glasfaseranbindungen leisten. „Andere Staaten sind uns hier deutlich voraus“, heißt es in der Gabriel-Strategie.

Die Kapazitäten, also das im Internet pro Minute transportierte Datenvolumen, wachsen hingegen exorbitant. Das weltweite Datenvolumen im Festnetz verdoppele sich derzeit alle 40 Monate, in den Mobilfunknetzen sogar alle 18 Monate. Während 2014 weltweit rund 718 Exabyte (718 Mrd. Gigabyte) umgesetzt würden, werde sich dieser Wert schon bis 2019 auf 2 Bio. Gigabyte in etwa verdreifachen, lautet die Prognose aus dem Wirtschaftsministerium.

100 Mrd. EUR für digitale Infrastruktur nötig

Die Datenmengen entwickeln sich rasant, doch der Infrastrukturausbau erfolgt schleppend. Das merken die Unternehmen. Hohe Wellen schlug beispielsweise das Thema Netzqualität in diesem Sommer im Hamburger Hafen. Speditions- und Umschlagunternehmen beklagten sich vehement über schlechte Qualität bei Telefongesprächen und langsames Internet. So berichteten die Betriebe, dass das Internet zeitweise komplett ausfalle. Und wenn es dann einmal laufe, seien nur Übertragungsleistungen von 250 bis 750 kbit/s möglich – zu wenig, um darüber einen regulären Geschäftsbetrieb abzuwickeln. Zum Vergleich: VDSL-Anschlüsse haben heute in der Regel Übertragungsraten von 50.000 kbit/s und mehr. So etwas sind sicher negative Ausnahmen. Ein gewisser Übertragungsstandard muss aber in einem Industrieland wie Deutschland erwartet werden können. Doch wie hoch muss die verfügbare Bandbreite sein, vor allem, wenn die Logistik umfassend digitalisiert werden soll? Und wie ist dies zu erreichen?

Laut Nick Kriegeskotte vom IT-Branchenverband Bitkom sind diese Fragen nicht so einfach zu beantworten. „Wir haben hier das klassische Henne-Ei-Problem“, unterstreicht er. Heißt: Muss erst ein leistungsfähiges Netz vorhanden sein, damit Anwendungen und eine Nachfrage entstehen? Oder müssen erst die Anwendungen entwickelt werden, um dem Netzbetreiber das Signal zu geben, dass in den Netzausbau investiert werden muss? Kriegeskotte zufolge ist es in Deutschland im Moment so, dass das Netz mit steigenden Anforderungen schrittweise ausgebaut wird.

Für viele Unternehmen ist das nicht immer zufriedenstellend. Aber wer möchte es den Netzbetreibern verdenken? Schließlich geht es um Millionen und Milliarden Euro, die investiert werden müssen. So gibt es Schätzungen, dass allein die privaten Anbieter pro Jahr 8 Mrd. EUR in die Netzleistung investieren. Hinzu kommen die Gelder aus Förderprogrammen und Co. Insgesamt summieren sich die Kosten für ein flächendeckendes Glasfasernetz in Deutschland vermutlich auf 40 bis 100 Mrd. EUR. Das sind gigantische Summen, die natürlich auch refinanziert werden müssen. Die Bereitschaft der Unternehmen aber, für einen besseren Anschluss auch ein wenig mehr zu bezahlen, ist einer noch unveröffentlichten Bitkom-Studie zufolge nicht sehr ausgeprägt.

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