Digital Forwarders brauchen langen Atem

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Der internationale Transportsektor ist insbesondere im Speditionsbereich nach wie vor von manuellen, papierbasierten Prozessen geprägt. Auch ist es keine Seltenheit, dass Frachtraten per Telefon oder E-Mail angefragt werden. Dadurch kann es Stunden bis Tage dauern, um als Verlader ein Angebot zu erhalten. Angesichts dieser zahlreichen Schnittstellen innerhalb der Supply Chain kommt es immer wieder zu Ineffizienzen und Verzögerungen in der Lieferkette. Von synchronisierten Prozessen zwischen Verladern und Transportunternehmen kann in den meisten Fällen noch keine Rede sein.

Ein Grund hierfür ist die gerade in Europa vorherrschende starke Fragmentierung des Landverkehrmarktes: Zwei Millionen LKW-Touren pro Tag zählt das Bundesamt für Güterkraftverkehr europaweit. Dabei dominieren zwar einige Speditionen wie DHL, Schenker oder Dachser, doch der Großteil der Verkehre wird von kleinen Frachtführern mit einer durchschnittlichen Unternehmensgröße von drei LKW ausgeführt. Wenig überraschend daher, dass in Europa fast jeder vierte LKW leer fährt — eine wirtschaftliche wie ökologische Herausforderung.

Start-ups bilden eine starke Konkurrenz

Gerade diese Kombination aus weitestgehend analogen Prozessen einerseits und starker Fragmentierung der Anbieterseite andererseits ist es, die vermehrt Start-ups auf den Plan treten lässt: IT-basierte Plattformmodelle synchronisieren Prozesse durch eine digitale Abwicklung der Transportleistung und erhöhen so die Transparenz; Verlader werden mit Transportunternehmen beziehungsweise Fracht mit Ladungskapazitäten zusammengebracht.

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In kürzester Zeit sind zahlreiche Start-ups — vom reinen Marktplatz bis zu vermeintlich „digitalen Speditionen“ — auf dem Markt erschienen. Diese nehmen, ohne eigene Assets, eine neue Kundenschnittstelle mit dem Anspruch zur Abwicklung von Komplettlösungen ein. Wie bei Buchungsportalen für Flüge wird innerhalb weniger Sekunden eine Liste von Anbietern und Raten ausgegeben. Auch die gesamte Buchungsabwicklung und das Dokumentenmanagement werden übernommen. Für den Kunden ist der Status des Transports jederzeit über Track & Trace zugänglich. Ausgeklügelte Algorithmen können errechnen, ob und zu welchen Kosten sich für eine zusätzliche Ladung ein entsprechender Umweg lohnen würde.

Die durch diese digitalen Prozesse gewonnene Agilität in der Leistungserbringung wird mit großer Wahrscheinlichkeit zu deutlich kurzfristigeren Kundenaufträgen führen, die wiederum den immer schnelleren Produktionszyklen und der individualisierten Endkundennachfrage (bis zu Same-Day-Lieferungen) gerecht werden müssen. Langfristige Speditionsverträge werden dann endgültig der Vergangenheit angehören. Während sich die Verlader über mehr Transparenz bei der Preisbildung und eine raschere Transportabwicklung freuen können, profitieren die Transportunternehmen von der Möglichkeit einer besseren Kapazitätsauslastung ganz im Sinne der Sharing Economy.

Wo treffen sich Plattformmodelle und Praxis

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So weit die sehr vielversprechende Theorie. Doch wie behaupten sich diese Plattformmodelle in der Praxis? Klar ist, dass angesichts der Vielzahl der aktuell im Markt aktiven Start-ups perspektivisch nur einige wenige über eine ausreichend kritische Masse verfügen werden, um marktrelevant zu sein. Bereits heute zeichnet sich ab, dass einige der neuen Marktteilnehmer die Chancen des fragmentierten Ladungsmarktes überschätzen. So zeigen erste Negativbeispiele, dass:

  • die vorliegenden Statistiken über Leerfahrten wohl eher überzogen sind
  • viele Transportunternehmen angesichts straffer Zeitpläne nicht bereit sind, für zusätzliche Ladungen einen Umweg in Kauf zu nehmen
  • die für Zuladungen angebotenen Preise zum Teil deutlich über den Standardraten der großen Transportunternehmen liegen und es somit über die Plattformen auch nicht zu einem Matchmaking kommt.
  • Darüber hinaus haben die klassischen Speditionen immer noch den Vorteil, dass sie physische Warentransporte beherrschen und mit ihrer Fachkenntnis, Flexibilität und Branchenerfahrung über Eigenschaften verfügen, die in automatisierten Prozessen nicht berücksichtigt werden können.

Unstreitig ist jedoch, dass die neuen Plattformkonzepte den etablierten Unternehmen die Notwendigkeit der Digitalisierung ihrer eigenen Prozesse deutlich vor Augen führen. Insbesondere die Geschäftsmodelle von Spediteuren mit kleineren Fahrzeugpools von beispielsweise rund zehn LKW und eigenem Direktkundengeschäft werden auf eine harte Probe gestellt. Dementsprechend ist die Nutzung solcher Plattformen derzeit auch eher für kleinere Speditionen oder Frachtführer interessant. Die Großen der Branche sind indes noch zögerlich. Für sie stellt sich auch die Frage, ob sie eigene digitale Lösungen entwickeln oder mit Start-ups kooperieren sollten. Berührungsängste zwischen Old und New Economy jedenfalls sind bereits weitestgehend abgelegt.

Ein für alle Marktteilnehmer relevantes Ergebnis dieser Entwicklung wird die (auch in anderen Industrien erkennbare) Herausbildung klar differenzierter Kundensegmente sein — mit einer zentralen Rolle für die Plattformlösungen bei der Abwicklung des heutigen Standardgeschäfts und der damit einhergehenden Synchronisierung von Prozessen. Darüber hinaus wird entscheidend sein, wie der Wettkampf zwischen der Digitalisierung der etablierten Speditionen einerseits und der Weiterentwicklung der Plattform-Start-ups durch die Aufnahme von echtem Speditions-Know-how andererseits ausgeht. Beide haben noch etwas Wegstrecke vor sich, um echte „Digital Forwarders“ zu werden. (Steffen Wagner, ist Logistikweiser und Global Head of Transport bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG AG)

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Über Tim Meinken 173 Artikel

Digitalisierte Frohnatur, Glücklicher Ehemann und zweifacher Vater. Er arbeitet als Produktmanager Social Media / Online (DVZ und BlueRocket) zudem ist er als Autor in Hamburg tätig.
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