Digitale Strategien führen Spediteure zum Erfolg

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Mehr Effizienz in das Transportgeschäft – mit diesem Anspruch hat die Schenker AG ein neues Internetportal gestartet. „Drive4Schenker“ heißt das Angebot, über das Frachtführer europaweit Zugang zu offenen Ladungsangeboten erhalten. Auch kleinere Betriebe sollen mitmachen. „Der Spediteur mit 10 bis 20 Fahrzeugen mit eigenem Direktkundengeschäft ist ein Auslaufmodell“, sagt Ewald Kaiser, Vorstand Landverkehr der Schenker AG. 12.000 der 28.000 Frachtführer, mit denen Schenker kooperiert, haben sich bislang registriert. Die gesamte Interaktion soll künftig mit Hilfe von Drive4Schenker elektronisch abgewickelt werden. Kaiser erwartet dabei auch, dass Frachtführer einfacher Rückladungen finden und ihre Leerfahrten verringern können. An ein völlig digitalisiertes Vorgehen aber glaubt er nicht: „Wir wollen unsere Disponenten behalten. Deren Kompetenz ist ein Asset.“

Die Digitalisierung gibt der Spedition Werkzeuge an die Hand, die zu neuen Geschäftsmodellen führen.

Prof. Christian Kille, Hochschule Würzburg

Für Kaiser sind solche Plattformen „Game Changer“, unterstrich er am Donnerstag auf dem 4. DVZ-Forum „Zukunft des Ladungsverkehrs“ in Düsseldorf. Es gilt rasch zu handeln, denn die digitale Revolution im Ladungsverkehr gewinnt an Dynamik. Die Spielregeln ändern sich von Grund auf. „Es kommen neue, stark wachsende Wettbewerber aus anderen Branchen“, warnt Kaiser. Onlinehändler wie Amazon oder Mobilitätsdienstleister wie Uber könnten auch in den Ladungsverkehr vorstoßen – sie müssten nur ihren Ansatz auf dieses Geschäft übertragen. „Jeder von uns muss sich fragen, ob er allein stark genug ist oder ob er Partner braucht“, sagt Kaiser.

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Doch wie finden Spediteure ihre Rolle in der Transportlogistik der Zukunft? „Gewinner werden diejenigen sein, die die Bedürfnisse ihrer Kunden und Chancen der Technologie am besten verstehen“, erklärt Uwe Clausen, Institutsleiter beim Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik (IML) in Dortmund. Auf der Verliererseite wähnt er diejenigen, „die dies alles nicht ernst nehmen“. Clausen sieht durchaus die Gefahr, dass Frachtführer künftig wie Hoteliers schon heute „von wenigen Portalen komplett abhängig“ sein könnten. Zugleich verweist er auf die Chancen, die die Digitalisierung im Transportalltag bringt: Transaktionskosten etwa könnten durch eine effizientere Kommunikation spürbar sinken – das Telefon wird ausrangiert. Die Rolle vieler Beschäftigter sieht er im Wandel. Der Fahrer etwa wird dank intelligenter Technik zum Supervisor oder Transportmanager.

Ich kann immer einen billigeren Anbieter finden.

Oliver Wittig, Logistikchef der Henkel AG & Co KGaA für Deutschland und die Schweiz

Das herkömmliche Tracking & Tracing wandelt sich laut Clausen zum „proaktiven Eventmanagement“. Möglich wird das durch die frühzeitige Übermittlung von Daten an alle Beteiligten: Bewegt sich die Sendung im geplanten Zeitfenster? Erreicht die geplante Menge das Ziel, und in welchem Zustand befindet sich das Gut? Das sind Informationen, die künftig in Echtzeit entlang der globalen Lieferketten bereitstehen. „Die Palette, die Gitterbox oder der Trailer werden mit Intelligenz ausgestattet“, so Clausen. Am Ende könnten selbststeuernde Systeme stehen – der Mensch greift nur noch ein, wenn es hakt.

Kurzfristigere Verträge und mehr Transparenz – das sind für Jeroen Eijsink, President bei C.H. Robinson Europe, vorherrschende Trends auf dem nordamerikanischen Markt. Der US-Marktführer bei Komplettladung (FTL) setzt auch in Europa einen Schwerpunkt auf Ladungsverkehre – sie machen hier rund zwei Drittel des Geschäfts aus.

Wer in einem dynamischen und zersplitterten Markt wie Europa Erfolg haben will, muss sich über mehr als Technologie Gedanken machen.

Peter Förster, geschäftsführender Gesellschafter Transporeon

Eijsink erwartet, dass sich die europäischen Anbieter in diese Richtung verändern werden. So erkennt er hier eine wachsende Volatilität – nicht nur in Bezug auf die Nachfrage allgemein. Regulatorische Eingriffe wie temporäre Grenzkontrollen könnten für zusätzliche Unwägbarkeiten sorgen. Gleichzeitig befördern Investitionen in Technologie die Verfügbarkeit von Informationen: „Wir müssen nicht wie früher mit Intransparenz Geld verdienen, sondern können die Transparenz nutzen“, sagt Eijsink. C.H. Robinson operiert mit einer globalen Plattform für alle Frachtarten und Transaktionen. „Es ist eine Art interner Marktplatz.“

Die Palette, die Gitterbox oder der Trailer werden mit Intelligenz ausgestattet.

Prof. Uwe Clausen, Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik

Wie Frachtführer neue digitale Geschäftsmodelle entwickeln können, zeigt die Part Load Alliance, eine Kooperation mittelständischer Speditionen bei Linienverkehren. 41 Unternehmen haben sich zusammengeschlossen, die 163 Linien bedienen. Ein übergeordnetes Portal ermittelt für die jeweilige Teilladung die jeweils beste Verbindung und übernimmt das Clearing zwischen den beteiligten Partnern. So will die Part Load Alliance die Schwächen klassischer Speditionen beheben. „Der realen Spedition fehlen Kooperation und ein Laderaumpool sowie Digitalisierung“, erklärt Geschäftsführer Heinz Hintzen. „Das gleichen wir aus.“

Wir müssen nicht wie früher mit Intransparenz Geld verdienen, sondern können die Transparenz nutzen.

Jeroen Eisjsink, Präsident C.H. Robinson Europe

An alle Akteure im Ladungsverkehr will MAN künftig seine neue Plattform „Rio“ richten. „Nur Fahrzeuge zu produzieren, ist nicht das, was uns einzigartig macht“, sagt Frank Tinschert, Vice President Telematics & Digital Solutions des Nutzfahrzeugherstellers. Über „Rio“ will MAN Informationen aus verschiedensten Quellen verbinden – und so Transporte reibungsloser machen. Ein Szenario: Automatisch werden Reparaturen am LKW veranlasst, Meldungen über Veränderungen der Ladungsmenge weitergegeben und der Fahrer am Ziel automatisch zur Laderampe geleitet. „Wir möchten, dass alle diese kleinen Segmente miteinander vernetzt sind“, so Tinschert.

Abseits der etablierten Unternehmen strebt mit Cargonexx ein unabhängiges Start-up mit privaten Investoren in den Ladungsverkehr. „Wir wollen Speditionen besser verzahnen, um Leerkapazitäten zu verringern“, sagt Geschäftsführer Rolf-Dieter Lafrenz. Cargonexx übernimmt dazu Aufträge von registrierten Spediteuren und gibt diese an Transportunternehmen weiter. Dabei gehe das Unternehmen ins Risiko und hafte für jeden Auftrag. Den Preis ermittelt eine selbstlernende Software – der Kern des Cargonexx-Angebots. Im Dezember soll das kostenfreie Angebot starten. 600 Frachtführer und 20 Verlader sind laut Lafrenz bislang registriert.

Der Spediteur mit 10 oder 20 Fahrzeugen und eigenem Direktkundengeschäft ist ein Auslaufmodell.

Ewald Kaiser, Vorstand Landverkehr der Schenker AG

Für Anfang 2017 hat DHL Freight angekündigt, mit der neuen Plattform „Cillox“ auf den Markt zu kommen. Hier sollen Verlader und Frachtführer zusammengebracht werden. Der Fokus liege auf gesicherten Prozessen etwa bei Ausschreibung oder Zahlungsabwicklung zwischen Partnern, die sich bislang nicht kennen, erläutert Chief Digital Officer Andreas Oesterhelt. Es gelte nicht nur Transparenz zu schaffen, sondern Vertrauen. Einen Schwerpunkt bei der Entwicklung der Plattform legt Oesterhelt darauf, Kunden stets einzubinden. „Sie werden das Produkt fortlaufend mitgestalten.“

Stärkere Kundenorientierung sei enorm wichtig für den Erfolg in digitalen Zeiten, sagt Christian Kille, Professor am Institut für Angewandte Logistik der Hochschule Würzburg. „Sie tritt immer stärker in den Vordergrund.“ Er sieht die Möglichkeit, dass die neuen Plattformen nicht nur den Frachtbörsen, sondern auch Speditionen Kerngeschäft streitig machen könnten. Allerdings gebe ihnen die Digitalisierung zugleich Werkzeuge an die Hand, „die zu neuen Geschäftsmodellen führen“. Mit deren Hilfe könnten auch die überschaubaren Margen von 1,4 Prozent bei Stückgut und 1,9 Prozent im Komplettladungsverkehr gehoben werden.

Die Digitalisierung sieht Kille als zentralen Erfolgsfaktor. Allerdings stellt er in der Logistik fest, „dass vielerorts der Mut fehlt, etwas zu verändern“. Sein dringender Rat: „Ausprobieren und aus einem Scheitern lernen.“ (la)

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1 Kommentar

  1. Der Speditionsbereich hat sich meiner Meinung nach in den letzten Jahren mit Händen und Füßen vor Veränderungen gewehrt – zumindest einige der großen Unternehmen. Vielleicht verstehen sie nun langsam auch, dass der digitale Wandel auch vor dieser Branche nicht Halt machen wird…

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