Digitaler Terror bedroht auch die Supply Chains

(DVZ-Illustration: Andreas Voltmer)

von Wolfgang Lehmacher, Head of Supply Chain and Transport Industries beim Weltwirtschaftsforum, Cologny/Schweiz

Die Gefahr terroristischer Anschläge auf die Supply Chain ist real. Eine besondere Gefahr geht dabei von der Twin Economy aus, von der Parallelität von physischer und digitaler Welt: Die reale Welt wird zunehmend eins zu eins mittels Digitalisierung gesteuert. Das schafft neue Einfallstore in die Supply Chain, die wir sichern müssen.

Oktober 2002: Vor der Küste Jemens brennt nach einer Explosion ein französischer Öltanker. Französische Diplomaten gehen von einem Anschlag aus.
September 2010: Ein Frachtflugzeug stürzt auf dem Weg von Dubai nach Köln-Bonn aufgrund einer Paketbombe kurz nach dem Start ab.
Juli 2016: In Nizza rast beim Feuerwerk zum französischen Nationalfeiertag ein LKW in eine Menschenmenge und tötet mindestens 60 Personen.

Drei Beispiele, die verdeutlichen, dass jeder Verkehrsträger dazu genutzt werden kann, unsere Art zu leben anzugreifen. Gleiches gilt für Gebäude, für Flughäfen oder Bahnhöfe.

Die Risiken sind genauso vielfältig wie die einzelnen Prozessschritte in der Supply Chain. Vieles können wir schützen – und tun dies bereits seit vielen Jahren: Zugangskontrollen, Videoüberwachung oder Hintergrundchecks sind nur einige Stichworte. Die Sicherheitskonzepte und Schutzmaßnahmen wurden über die Jahre kontinuierlich auf Basis neuer Risikoszenarien angepasst.

So erhöhen heute biometrische Daten die Wirksamkeit von Zugangskontrollen. Dadurch sinkt das Risiko rund um den Hauptakteur: den Menschen. Denn schließlich geht jeder einzelne Terrorakt letztendlich von einem oder mehreren Menschen aus. Pförtner beispielsweise sind potenzielle Schwachstellen – haben sie doch die Möglichkeit, Attentäter in sensible Räume zu lassen. Der Abgleich der Geschäftspartner, Mitarbeiter und Bewerber mit den Anti-Terrorlisten der EU und den USA ist deshalb heute ebenso selbstverständlich wie die Sensibilisierung der Vorgesetzten für Veränderungen im Verhalten der Mitarbeiter.

Weniger klar und greifbar sind derzeit noch die Gefahren, die von Twin Economy ausgehen. Wird mittels Digitalisierung die Realität eins zu eins in der digitalen Welt gespiegelt und zudem noch alles Physische digital gesteuert, wird der Schutz vor Cyberangriffen zur ultimativen Priorität. „Großkonzerne verzeichnen 50 bis 100 Mio. Eindringversuche – pro Tag“, meldete „Die Welt“ bereits Anfang letzten Jahres.

Verheerende Folgen drohen

Ein digitaler Anschlag kann verheerende Folgen haben. Cyberangriffe auf Verkehrsleitsysteme können den Verkehr stoppen oder Unfälle herbeiführen. Flugzeuge können im Anflug übernommen, Züge zum Entgleisen gebracht und sensible Daten entwendet werden. Wertvolle Waren können umgeleitet und Waffenlieferungen, die auch über deutsche Häfen laufen, direkt zu terroristischen Milizen gelenkt werden. Unbemannte Fahrzeuge aller Art – PKW, Drohnen oder Züge – dürfen nicht zu Waffen in den Händen von Terroristen werden.

Gefragt sind Strategien, die das Cyberrisiko entlang der Supply Chain reduzieren. Die Entwicklung solcher Pläne benötigt nicht nur Experten, sondern die Mitarbeit und Unterstützung aller Bereiche der Organisation. Dabei muss die Arbeit auf den Vorstandsetagen der Unternehmen und in den Führungsspitzen der öffentlichen Hand beginnen. Die Verantwortung kann keineswegs beim IT-Bereich enden. Zu viel steht auf dem Spiel: die Reputation, Werte und das Leben von Menschen.

Verantwortlicher für Cybersicherheit

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Ein Verantwortlicher für Cybersicherheit ist zu benennen. Dessen erste Aufgabe sollte es sein, eine Liste von Prinzipien, Fähigkeiten und Aktionsschritten im Führungsgremium zur Diskussion zu stellen. Ziele dieser Vorgehensweise sind unter anderem die Ermittlung der Risikobereitschaft, die Vereinbarung auf die 360°-Betrachtung des Risikos im Unternehmen und im Ecosystem sowie die Festlegung regelmäßiger Reviews.

Nur so ist sicherzustellen, dass gespeicherte Informationen gegen unbefugten Zugriff gesichert und Menschen, Maschinen und Umwelt geschützt werden können.

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