Digitalisierung – ein großes Missverständnis

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(DVZ-Illustration: Andreas Voltmer)

Geht Ihnen das auch so? Die Bedeutung der Digitalisierung für die Wirtschaft wird Ihnen mit der Zeit immer unklarer, je mehr Sie über Digitalisierung diskutieren, lesen – ja, je mehr Sie in Ihrem Unternehmen digitalisieren?

Hinsichtlich des Wortes „Digitalisierung“ besteht ein großes Missverständnis, wie zum Beispiel auch bei Logistik-Veranstaltungen und Preisverleihungen immer wieder deutlich wird. Da wundert es nicht, dass das Gerede von der Digitalisierung ganze Branchen einzuschläfern statt aufzuwecken scheint. Und auch ich wundere mich nicht, dass mir viele Gesprächspartner glaubhaft versichern, dass sie schon seit Jahren digital sind. Denn folgt man einem bestimmten Verständnis des Wortes, dann stimmt das sogar.

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Digitisation – zwei Buchstaben machen den Unterschied

Das Verständnisproblem lässt sich durch zwei englische Begriffe gut erklären. Im Englischen bedeutet „Digitisation“ die Umwandlung von analogen Informationen ins Digitale. Das kann der Ersatz von Papier durch eine App sein oder die Standortübermittlung von Wechselbrücken. Das bisher analoge Datensammeln findet nun mit Hilfe von neuen Errungenschaften statt. „Digitalisation“ hingegen bedeutet übersetzt so viel, dass man die technischen Trends verwendet, um sein Geschäftsmodell zu transformieren und neu auszurichten.

Die meisten, die über Digitalisierung sprechen, meinen damit den Prozess, analoge Daten in digitale Informationen umzuwandeln, also „Digitisation“. Vor allem die Beispiele von Großkonzernen gehören dazu. Sie nehmen bestehende Prozesse und Abläufe innerhalb der Unternehmen und machen sie über die Cloud verfügbar, sie wandeln also eine analoge Information in eine digitale um. Internationale Konzerne investieren für diese Transformation viel Geld, etwa um neue Apps und Sensoren einzubinden. Kleine und mittelständische Unternehmen setzen lieber noch auf Radiofrequenzidentifikation (RFID) oder Scans, manchmal auch auf Apps.

Im Gegensatz dazu möchte ich „Digitalisation“ innovativ nennen. Hier geht es darum, nach etwas Neuem zu streben, in der Regel nach neuen Geschäftsmodellen. „Digitisation“ ist dagegen evolutionär, denn sie entwickelt Dinge weiter, verändert bis auf Ausnahmen – in der Evolution wären das die gelegentlichen Mutationen – jedoch keine Geschäftsmodelle.

Die Veränderungen bringt nicht allein die Technik

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Aber was genau ist nun unter einer innovativen Digitalisierung zu verstehen? Technische Errungenschaften gibt es immer wieder, und sie bringen auch immer große Veränderungen mit sich. Früher benötigte man für Neuentwicklungen viel Geld und Ressourcen, heute drängen mit Hilfe digitaler Technik Neuentwicklungen schneller auf den Markt als jemals zuvor. Darum gibt es mehr Spielverderber, die Möglichkeiten erkennen und Chancen ergreifen. Softwarelösungen sind über Plattformen zugänglich und werden laufend verbessert und aktualisiert. Neue Funktionen und Anwendungen entstehen – und das überall auf der Welt.

Damit wird es auch Branchenfremden ohne fundierte Vorkenntnisse möglich, eine Nische im Markt zu finden und dort anzugreifen. Früher waren Disponenten die wichtigsten Mitarbeiter in Transportunternehmen, denn sie haben die Abläufe gemanagt und Waren zuverlässig aus den entlegensten Winkeln der Erde zu den Kunden gesteuert. Heute kann das eine Software. Wahrscheinlich macht sie im Gegensatz zu einem routinierten Disponenten dann und wann einen Fehler, dafür aber arbeitet sie zu wesentlich niedrigeren Kosten. Und so können auch kleine und neue Anbieter in den Markt drängen und Teilbereiche erfolgreich übernehmen – auch wenn man immer wieder hört, dass Logistik sehr komplex und kompliziert ist.

Digitalisierung ist im Kern vielschichtig

Echte Digitalisierung heißt also, sich eine neue, möglicherweise disruptive Technik zunutze zu machen, mit dem Ziel, neue Geschäftsmodelle zu entwickeln und so neue Einnahmequellen und Märkte zu erschließen. Andernfalls wird man nur ein wenig digitaler. Denn ein schlechter analoger Prozess ist nach dem Einsatz von digitalen Lösungen nur ein schlechter digitaler Prozess. Natürlich kann es schon eine überaus beeindruckende Leistung sein, seine Prozesse digital transparenter zu machen, viele Konzerne machen da eine fundamentale Wandlung durch. Jedoch ist dies nur ein kleiner erster Schritt hin zur wahren Digitalisierung.

Unternehmen – und dabei vor allem Logistikdienstleister – müssen einsehen, dass Digitalisierung nicht das Berechnen von voraussichtlichen Ankunftszeiten ist. Das bekämpft nur ein Symptom. Und Digitalisierung ist auch nicht das Nutzen von Tracking-Geräten, da sie keine nachhaltige Verbesserung bringen. Digitalisierung bedeutet immer ein Stück Innovation, das Weiterentwickeln alter und vielleicht sogar das Entstehen von neuen Geschäftsmodellen. Nur wer in diesem Sinn digital wird, macht sein Unternehmen konkurrenz- und widerstandsfähig für die Zukunft. (Marc Schmitt ist CEO der Hamburger Softwarefirma Evertracker)

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Über Tim Meinken 198 Artikel

Digitalisierte Frohnatur, Glücklicher Ehemann und zweifacher Vater. Er arbeitet als Produktmanager Social Media / Online (DVZ und BlueRocket) zudem ist er als Autor in Hamburg tätig.
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1 Kommentar

  1. Die Welt braucht Lösungen für Problemstellungen und die Möglichkeiten der digitalen Welt sind und werden ein Teil davon sein in welcher Form muss jedes Unternehmen anhand seiner Bedürfnisse selbst ermitteln, was wiederum neue Probleme schafft, die gelöst werden müssen.

    Nehmen wir mal E-Mobilität. Ich war bei Mercedes und habe mir einen Dienstwagen angeschaut und mich nach Hybrid-Modellen erkundigt. Eine Technik, die Ferdinand Porsche im ersten Weltkrieg bereits für LKW’s entwickelt hatte. Schafft es also nach fast 100 Jahren Entwicklungszeit gerade mal eine C-Klasse max. 40km zu bewegen. Das Ergebnis eines der größten Automobilherstellers der Welt.
    Hingegen die Entwicklung im Handy und PC-Bereich gerade mal 20-15 Jahre her ist und deren Möglichkeiten bei weitem noch nicht ausgeschöpft sind.
    Gleichzeitig gibt es jetzt schon Ressourcen Probleme für die Herstellung der Batterien, das Entsorgungsproblem der Batterien und die Umsetztungen, wie man die Reichweiten und Ladezeiten Probleme löst alles noch Themen. Gleichzeitig muss für diesen riesigen Markt auch erstmal genügend sauberer Strom hergestellt werden, damit es überhaupt unterhalb von 80.000 Jahres Km-Leistung einen umweltfreundlichen Effekt für die Menschheit bringt. Wenn man davon ausgeht, das ein Hauptgrund für diese Entwicklung der Schwund um die Ressource „Erdöl“ ist, werden noch mehr Dinge dazu benötigt, weil viele Teile unserer Fahrzeuge sind aus Kunststoff & Plastik, was ohne Erdöl derzeit auch noch nicht wirklich in Mengen hergestellt werden kann, die uns weiterhelfen.

    Nicht jede Lösung ist auch am Ende eine Lösung.

    Und solange das „Beamen“ noch nicht erfunden ist, werden Menschen Dinge kosteneffizient von a nach b bringen müssen. Mit Schiffen, Flugzeugen,LKW’s,PKW’s oder Maschinen die es noch gar nicht gibt aus Materialien und Antrieben die wir jetzt noch nicht kennen.

    Ich persönlich halte es z.B. viel warscheinlicher, das die Megacitys der Zukunft Ihre Pakete über unterirdische Förderbänder direkt in die Wohnung geliefert bekommen, als das wir es zulassen werden, den Himmel schwarz werden zulassen mit 100.000 von Drohnen, die nötig wären um eine einzige Stadt zu versorgen. Hingegen auf dem weiten Land, wie in Amerika,Australien oder Afrika sich Drohnen durchsetzten werden, weil die Entfernungen viel weiter sind.

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  1. BRC17 - Aufbruch in die digitale Zukunft • Blue Rocket

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