Ein Bitcoin für die Schifffahrt

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Wenn Reedereien kurzfristig Ladung auf ein späteres Schiff umbuchen, haben die Spediteure und Verlader das Nachsehen. Zugleich ist es allerdings üblich, dass diese wiederum gebuchte Container nicht oder nicht rechtzeitig zur Verladung anliefern. „Pro vier Buchungen, die wir bekommen, werden nur drei Container rechtzeitig angeliefert. Dies verursacht verschiedene Schwierigkeiten für alle Beteiligten und erhöht die Kosten für jedermann“, bestätigt der Vorstandsvorsitzende von Hapag-Lloyd, Rolf Habben Jansen, und bezeichnet das Thema als „eine der größten Ineffizienzen der Branche“. Tatsächlich verursachen Rolling Cargo und No-Shows Schätzungen zufolge Containeraufkommensausfälle von 5 Mio. Teu pro Jahr und unter Berücksichtigung der Folgewirkungen Kosten in Höhe von 23 Mrd. USD.

300cubits will mit der Blockchain punkten

Beide Probleme beschäftigen die Schifffahrt seit vielen Jahren. Noch hat sich allerdings keiner der Lösungsansätze wie die Zahlung einer Buchungskaution, Bankgarantien und Strafgebühren branchenweit durchgesetzt. Ein Grund dafür ist, dass die bisherigen Instrumente viel zu teuer sind, meinen Johnson Leung und Jonathan Lee aus Hongkong. Mit zusammen 40 Jahren Berufserfahrung in der maritimen Wirtschaft und im Finanzsektor hatten sie daher eine Idee: Sie erfanden den Bitcoin für die Schifffahrt.

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„Wir haben den wachsenden Bedarf gesehen, das Problem anzupacken, und glauben, dass eine Kryptowährung eine gute Lösung sein könnte. Unser Unternehmen ETH Smart Contract Tech Limited gibt mit 300cubits Token namens ‚Teu‘ aus, die als Buchungskaution verwendet werden“, erläutert Leung. Diese werden im ersten Schritt kostenfrei an Verlader, Spediteure und Containerreedereien ausgegeben. Im Fall einer Buchung entsteht zwischen der Reederei und dem Verlader beziehungsweise dem Spediteur ein intelligenter Vertrag, auch Smart Contract genannt. Wie beim Buchungsprozess auch entscheidet zunächst der Verlader beziehungsweise der Spediteur, wieviele Teu-Token er einsetzten möchte. Die Reederei kann den Betrag matchen oder auch nicht. Werden beispielsweise jeweils 100 Teu-Token eingesetzt, berechnet 300cubits pro Transaktion eine Gebühr von 0,7 Prozent der platzierten Token. Bei zusammen 200 Token im Zuge eines Smart Contracts sind das dann 1,4 Token. Im Falle von Rolling Cargo und ebenso bei No-shows wird der Betrag in der Kryptowährung dann dem jeweils benachteiligten Vertragspartner zugeschrieben.

„Teu“ basiert auf der Blockchain

Das Ganze basiert auf der Blockchain Etherium. Der Prototyp ist bereits entwickelt, und auch ein paar Token wurden bereits an Testnutzer ausgegeben. Zudem hat 300cubits nach Angaben von Leung 2 Prozent der zunächst auf insgesamt 100.000 limitierten Teu-Token für 1 Mio. USD verkauft, wodurch nach Unternehmensangaben genügend Kapital für die Initiierung des Projekts aufgebracht wurde. „Bislang sind wir unabhängig von anderen Schifffahrtsgesellschaften, was wir sehr schätzen“, betont Leung, der gemeinsam mit seinem Mitgründer Lee jeweils 50 Prozent der Anteile am Unternehmen mit derzeit sechs Mitarbeitern in der Gesellschaftsform der Limited Company hält.

Richtig los geht es am 1. Februar. Innerhalb von sechs Monaten ist dann eine Registrierung für die Ausgabe von 2 Mio. Token möglich. „Wir haben den Teilnehmern vorgeschlagen, dass wir die Token auf der Grundlage der Marktanteile der einzelnen Parteien am globalen Containertransporterlös verteilen können“, so Leung. Dabei werden die Linienreeder miteinander verglichen und zum anderen Speditionen und Co. anhand ihres jeweiligen Weltmarktanteils gemessen. Zudem soll es Anreize für frühe Anmelder geben. Vorreiter sollen mehr Token als aufgrund der Marktanteil-basierten Zuweisung erhalten können.

Wichtig wird es dann noch einmal in der Zeit vom 15. März bis zum 12. April. Dann ist das Initial Coin Offering – kurz ICO – geplant. In der Welt der Kryptowährungen ist das das Pendant zu einem Börsengang. 300cubits möchte dann 18 Mio. weitere Teu-Token verkaufen und so zusätzliche Liquidität aufbringen. Live gehen soll das Buchungskautionssystem dann im Juni.

Nur ein digitales Konto erforderlich

Bis dahin müssen Leung und Lee allerdings noch Überzeugungsarbeit leisten. „In meinen Gesprächen gibt es vor allem viel grundsätzlichen Erklärungsbedarf“, sagt Leung. Dabei ist es für die Nutzer sehr einfach: Sie müssen für die Token zum jetzigen Zeitpunkt nichts bezahlen, die Transaktionsgebühr wird in Token bezahlt und ist daher ebenso kostenfrei. Außerdem müssten weder die Systeme angepasst werden, noch sei eine Schnittstelle zur Blockchain erforderlich, so der Gründer. „Alles, was benötigt wird, ist ein digitales Konto, um die Token zu erhalten.“

Die Linienreeder sind indes noch zurückhaltend: Ludovic Rozan, Head of Global Accounts and Commercial Development Asia bei CMA CGM in Hongkong, sagt: „Im Moment gibt es kein formelles Projekt mit 300cubits.“ Auch Nils Haupt, Senior Director Corporate Communications bei Hapag-Lloyd, berichtet: „Wir haben bisher nur Vorgespräche mit 300cubits geführt. Darüber hinaus gibt es keine Aktivitäten mit 300cubits.“ Stattdessen arbeitet Hapag-Lloyd mit der Online-Frachtbörse New York Shipping Exchange (Nyshex), an der sich das Unternehmen beteiligt hat. „Hier geben wir eine Transportgarantie, aber der Kunde hat auch eine ‚Liefer‘-Verpflichtung mit der Konsequenz, dass bei einem No-Show die Frachtrate fällig ist und über den Treuhänder Nyshex beglichen wird. Des Weiteren arbeiten wir gegenwärtig an einem eigenen ‚Upfront-Payment-Produkt‘, mit dem wir die Zahl der No-Shows reduzieren wollen“, so Haupt. Das bedeutet nichts anderes als Vorkasse.

Spediteure sehen Teu-Token optimistisch entgegen

Auf größeres Interesse stößt die Teu-Idee auf der Spediteursseite: „Wir und einige Mitglieder der Coopernic Group sind natürlich an der ständigen Optimierung der Supply Chain interessiert. Dazu gehört unter anderem die Minimierung der hohen Anzahl von No-Shows aufseiten der Verladerschaft sowie die Vermeidung von Roll Over seitens der Reederschaft. Vor diesem Hintergrund ist das innovative System von 300cubits für uns als Netzwerk interessant“, sagt Stefan Blickensdörfer, Geschäftsführer des Logistikunternehmens SRTS Europe aus Düsseldorf.

Leung ist auf jeden Fall optimistisch. Von 16 Unternehmen aus der Riege der 14 größten Containerreedereien und der Top-15-Spediteure habe 300cubits Feedback auf den Prototypen bekommen. Bereits für das kommende Jahr ist der Breakeven geplant. (Claudia Behrend)

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