Extreme Diskrepanz zwischen Datenbedarf und Bereitstellung in der Logistik

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Foto: IStock

Anfang der 90er-Jahre kam der Begriff Supply Chain Management auf. Und die Vision damals war ein nahtloser Fluss von Informationen innerhalb der Lieferkette. „Das wurde bis heute nicht annähernd realisiert“, stellt Prof. Wolfgang Kersten fest. Gründe dafür seien zum einen technischer Natur, viel sei bisher aber auch am fehlenden Vertrauen der Supply-Chain-Beteiligten untereinander gescheitert.

Deutlich werde dies zum Beispiel beim Thema Datenaustausch. Kerstens Analysen zufolge würden bisher vor allem Transport-, Wareneingangs-, Qualitäts- sowie Artikelstammdaten geteilt. Zur Kategorie „Daten mit Ausbaupotenzial“ zählt er dagegen Materialflussstörungen, Bestandsdaten, Bedarfsprognosen, Produktions- und Planungsdaten, Produktionsanläufe/ -ausläufe sowie Produktionskapazitäten. Hier sieht er eine Diskrepanz zwischen dem Datenbedarf und der Bereitschaft, die Daten auch zu teilen.

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Weiter Weg zur Transparenz

Das Bewusstsein ändere sich aber zusehends, stellt Kersten fest. Denn wer bei der Digitalisierung mitmachen wolle, brauche von anderen Daten, müsse aber auch welche weitergeben. Vertrauensfragen seien nach wie vor ein großes Thema, „aber es scheint hier etwas in Bewegung zu sein“, gibt sich der Wissenschaftler zuversichtlich. Grundsätzlich sei es aber noch ein weiter Weg zur Transparenz in Supply Chains.

Kersten sprach kürzlich beim 27. Hamburger Logistik-Kolloquium, das sich voll und ganz der digitalen Transformation der Supply Chain widmete. Der Leiter des Instituts für Logistik und Unternehmensführung an der TU Hamburg-Harburg beschäftigt sich seit Längerem mit dem Thema, zuletzt unter anderem im Zuge der renommierten Studie „Trends und Strategien in Logistik und Supply Chain Management“ der Bundesvereinigung Logistik (BVL), die er mit geleitet hatte.

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Digitaler Wandel ist angekommen

Sein aktueller Eindruck in Sachen digitaler Transformation in der Praxis: „Es gibt bereits Vorreiter, und zwar auch im Mittelstand.“ Langsam werde einigen Unternehmen klar, dass sie nicht unbedingt ein großes strategisches Konzept benötigen und ein oder zwei Millionen Euro investieren müssen. „Man kann auch in kleinen Schritten starten“, betont er. Der digitale Wandel sei in der Logistikbranche angekommen. Er sehe viele Mittelständler, die sich intensiv damit beschäftigten. „Das war vor drei bis vier Jahren noch anders.“

Derzeit kommt sehr viel Technik auf die Unternehmen zu. Einen Fahrplan oder einen Standardweg, wie man diese einsetzen kann, gebe es allerdings nicht. „Dafür sind die Ausgangssituationen zu individuell und die einzelnen Technologien zu unterschiedlich. Und die Firmen setzen gern zunächst dort an, wo sie zurzeit den größten Problemdruck verspüren“, sagt Kersten.

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Logistik noch immer stark kostengetrieben

Viele messen der Digitalisierung große Chancen bei. Einen Vorteil, den er zum Beispiel sieht: Unternehmen könnten mit ihren Ressourcen, zum Beispiel in der Disposition, viel effizienter umgehen und sich damit einen Wettbewerbsvorteil verschaffen. Bei den Erwartungen hinsichtlich der Vorteile der Digitalisierung gebe es deutliche Unterschiede. Einige Firmen versprechen sich vor allem Kostensenkungen, andere dagegen erhoffen sich eher zusätzliche Erlöse. Die zum Teil starke Fokussierung der Logistikbranche auf Kostenreduktion zeigt, dass die Logistik noch immer stark kostengerieben ist, wie auch Kersten bemerkt. Der Handel dagegen sehe die Potenziale vor allem auf der Erlösseite.

Kersten macht aber auch auf die hohen Risiken des digitalen Wandels aufmerksam. Diese bestünden einmal in Sachen IT- und Datensicherheit. Zugleich seien zahlreiche Unternehmen verunsichert bezüglich des eigenen Geschäftsmodells.

Plattformen bleiben ein Trend

Denn Fakt sei: Auch in der stark B2B-geprägten Logistikwelt entwickelt sich der Endkunde mehr und mehr zum wichtigsten Treiber. „Die Transformation wird vom Ende der Wertschöpfungskette getrieben“, sagt Kersten. Die aktuellen Online-Plattformen, die sich in der Logistik bereits herausgebildet haben, seien allerdings längst nicht so erfolgreich wie zum Beispiel Airbnb, eine der größten Vermittlungsplattformen der Welt. „Das liegt wahrscheinlich an der großen Komplexität des Logistikgeschäfts“, meint Kersten und fügt aber hinzu: „Plattformen bleiben ein Trend.“

Technik, Mensch und Organisation

Die Diskussion rund um den digitalen Wandel in der Logistik sei bislang sehr stark technikgetrieben gewesen. Auch hier ändere sich gerade etwas, indem der Mensch stärker in den Vordergrund rücke. Am wenigsten würden bisher noch die organisatorischen Veränderungen in den Unternehmen betrachtet. Letztlich müssten aber Technik, Mensch und Unternehmensorganisation immer im Einklang stehen, um erfolgreich zu sein.

Für den Großteil der Unternehmen aus Industrie, Handel und Dienstleistung sei eine transparente, kundenindividuelle, digitale Lieferkette von hoher bis sehr hoher Relevanz. Deshalb müsse sich jeder Mittelständler im Klaren darüber sein: „Wenn man auf der IT-Seite nicht anschlussfähig ist, dann wird man aus der Supply Chain über kurz oder lang herausfallen. Großunternehmen erwarten einfach zunehmend eine digitale Anschlussfähigkeit in ihren Zulieferstrukturen. Mittelständler haben deshalb gar keine andere Wahl.“

Fehlende „Fast-Failure-Kultur“

Jede digitale Transformation fußt laut Kersten auf drei Säulen: Unternehmenswandel, IT und Daten sowie Innovationen. Bei Letzteren vermisst der Wissenschaftler in Deutschland weiterhin eine „Fast-Failure-Kultur“. Hierzulande werde erst etwas perfekt entwickelt und dann auf den Markt gebracht. Bei den Start-ups von heute herrsche dagegen eine ganz andere Mentalität: „Wenn Du bei der Markteinführung keine Bauchschmerzen hast, dann bist Du zu spät“, beschreibt er sie. Schnell sein, auch mal Fehler zulassen, daraus lernen und weitermachen – so sollte die Devise öfter lauten, meint Kersten. Das in den Unternehmen zu verankern und dabei den aktuellen Servicestandard beizubehalten, werde eine große Herausforderung sein. (cs)

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