Google Glass kehrt heimlich in die Wirtschaft zurück

Google Glass bei DHL (Foto: Alphabet)
Die als Verbraucherprodukt gescheiterte Datenbrille Google Glass wird für den Einsatz in Unternehmen fitgemacht. Die „Enterprise Edition“ ist seit rund zwei Jahren in mehreren Firmen im Einsatz, wie der Internet-Konzern über einen „Wired“-Artikel enthüllte. Darunter seien auch Schwergewichte wie Volkswagen, DHL, Boeing oder General Electric. Was als Pilotprojekte begonnen habe, entwickele sich jetzt zu Plänen für einen breiten Einsatz.

So habe der amerikanische Agrarmaschinenbauer AGCO derzeit über 100 Glass-Brillen im Betrieb und wolle in den kommenden 18 Monaten 500 bis 1000 weitere bestellen. Der Preis liege bei 1300 bis 1500 USD pro Gerät. Der Paketdienst DHL plane, die Brillen an 2000 Logistikstandorten in verschiedenen Ländern einzuführen.

Picavi nutzt „Enterprise Edition“ für Pick-by-Vision

Der Intralogistik-Spezialist Picavi aus Herzogenrath (Nordrhein-Westfalen) zählt von Beginn an zu den weltweiten Glass-Partnern und hat seine Pick-by-Vision-Lösung Picavi nach eigenen Angaben bereits bei über 30 internationalen Kunden erfolgreich implementiert und in den Echtbetrieb überführt. Durch die leicht zu erlernende, effiziente Kommissionierung mit Datenbrillen würden unter anderem Kontraktlogistiker und Pharmaunternehmen wertvolle Zeit sparen. „Im Ergebnis erzielen wir eine Zeitersparnis von bis zu 30 Prozent bei gleichzeitig erhöhter Arbeitssicherheit“, sagt zum Beispiel Andreas Paul, Leiter Logistik beim Pharmaunternehmen Klosterfrau Berlin.

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Der Picavi Power Control, Akku und Bedienelement in einem, trägt zur Industrie- und Praxistauglichkeit der Datenbrille bei, indem er sie mit Energie für mindestens eine Schicht versorgt und um fünf große Tasten zur einfachen Prozesssteuerung ergänzt.

Leichte Handhabung

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Die „Enterprise Edition“ zeichnet sich laut Picavi vor allem durch ihre leichte Handhabung aus – auch für Lagerarbeiter mit Sehschwäche sowie bei erhöhten Sicherheitsvorgaben. Mit dem Schnellwechselmechanismus für Brillen- und Sicherheitsgläser mit und ohne Sehstärke nach EN166 passen sich die sogenannten Head-Mounted-Displays (wörtlich: am Kopf befestigte Anzeige) einfach ihrem Nutzer an und tragen zum Schutz des Werkers in möglichen Gefahrenzonen bei. Picavi verspricht zudem eine schnelle Anbindung an jede vorhandene Systemarchitektur sowie eine einfache Bedienung durch eine intuitive Benutzerschnittstelle.

Der Kommissionierer könne mit beiden Händen seiner Tätigkeit nachgehen, während er alle relevanten Daten im Blick hat und visuell durch den Prozess geführt wird. Dadurch werde die Pickgeschwindigkeit erhöht und gleichzeitig die Fehlerquote reduziert. Leicht und mit stabilem Sitz bleibe die „Enterprise Edition“ dabei jederzeit in sicherer Position. Picavi-Chef Dirk Franke über die nun zweijährige Erfahrung: „Glass Enterprise Edition hat ihre Praxistauglichkeit in der Logistik längst bewiesen und leistet einen großen Beitrag, Pick-by-Vision als eine der führenden Kommissioniertechniken zu etablieren.“

Aus Europa hagelte es Kritik

Google hatte Glass – die Computerbrille mit Kamera, Internetanschluss und einem kleinen Bildschirm – im Frühjahr 2012 medienwirksam vorgestellt. In der Öffentlichkeit stieß Google Glass vor allem aus Sorge um die Privatsphäre auf viel Ablehnung. Besonders viel Kritik kam aus Europa, vor allem weil man mit der eingebauten Kamera sein Gegenüber aufnehmen konnte. Träger einer Google Glass bezogen aber auch in San Francisco Prügel und wurden als „Glassholes“ beschimpft. Zudem kämpfte die erste Version sogar nach einer Modifizierung mit kurzen Batterielaufzeiten und wurde im Betrieb zu warm.

Nachdem Pläne für einen breiten Marktstart des Geräts verworfen wurden, stellte Google eine Testphase in den USA mit 1500 USD teuren Brillen der „Explorer Edition“ im Januar 2015 ein. Schon damals vermarktete Google die Glass stärker als Werkzeug für spezialisierte Aufgaben am Arbeitsplatz. In den vergangenen zweieinhalb Jahren war es aber still um das Gerät geworden.

Google Glass bleibt nicht die einzige Alternative

Unterdessen preschten diverse Anbieter mit Spezialbrillen in den Markt vor, die sogenannte erweiterte Realität (AR, Augmented Reality) bieten. Dabei werden digitale Informationen für den Betrachter in die reale Umgebung eingeblendet. Das kann zum Beispiel bei Montagearbeiten oder Reparaturen von Nutzen sein – während die Hände frei bleiben. Gerade in der Automobilindustrie oder der Lagerlogistik spielen Datenbrillen eine große Rolle.

„Als wir Glass ursprünglich entwickelt hatten, war die Arbeit an der technologischen Front sehr solide und der Explorer-Programm war der richtige Weg, um zu erfahren, wie Menschen das Produkt nutzen“, zitiert „Wired“ den Chef des Innovationslabors X unter dem Dach der Google-Mutter Alphabet, Astro Teller. „Wir sind aber vom Weg abgekommen beim Versuch, zu Verbraucher-Anwendungen zu springen.“

Die Unternehmens-Version kann nun unter anderem mit Sicherheitsbrillen kombiniert werden. Zudem hat sie einen schnelleren Prozessor, eine bessere Internet-Anbindung sowie eine längere Batterielaufzeit. Die Kamera sei von fünf auf acht Megapixel hochgestuft worden. (dpa/cs)

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