Instafreight – die Spedition aus dem Raketenturm

LKW digitale Spedition instafreight
Foto: CC by Jochen Teufel

Rocket Internet, Startup-Inkubator aus Deutschland, hat seit gut einem Jahr auch ein Start-up im LKW-Speditionsmarkt: Instafreight. Geschäftsführer der digitalen Spedition ist der frühere Unternehmensberater Philipp Ortwein.

Im Juni 2016 ging Instafreight an den Start. Mithilfe des Venture Capitals vom Mutterkonzern wurde kräftig in IT und Algorithmen investiert. „Transport ist ein sehr interessanter Markt“, sagt Ortwein. Die wirtschaftliche Relevanz in Europa und die starke Fragmentierung im Straßengüterverkehr versprächen gute Wachstumschancen für digitale Newcomer.

„Zumal die traditionellen Speditionskonzerne gezeigt haben, dass das Thema Digitalisierung ihnen große Probleme bereitet“, meint Ortwein. Ein agiles Start-up könne digitale Geschäftsmodelle leichter umsetzen. Während bei Instafreight jede Woche ein IT-Zyklus abgeschlossen wird, dauert es in traditionellen Industrien meist drei bis sechs Monate. „Wenn Fehler passieren, haben die Großen viel zu verlieren – und bei IT-Projekten hakt es meistens irgendwo“, sagt Ortwein. „Wir können ausprobieren, sehr schnell reagieren und bei Bedarf nachbessern. Und kein Kunde nimmt es übel, wenn wir IT-seitig Neues testen – solange auf der Straße der physische Transport funktioniert.“ Ein Grund warum Start-ups ihre etablierten Wettbewerber so oft abhängen können.

One-stop-Shop für Straßenfracht

Instafreight ist Vertragspartner sowohl für den Verlader als auch für den Frachtführer. Das Unternehmen soll ein One-stop-Shop für Straßenfracht innerhalb der Europäischen Union sein. Verladern verspricht Ortwein eine zuverlässige Auftragsabwicklung, den Transportpartnern eine verlässliche Quelle für Aufträge. Das Start-up vermittelt von der einzelnen Palette bis zur Komplettladung europaweit Sendungen. Wobei derzeit nicht alle EU-Länder angeboten werden – unter anderem fehlen Großbritannien und Griechenland.

„Unser Fokus liegt auf der palettierten Ware“, erläutert Ortwein. Meist geht es um Teil- und Komplettladungen, doch Instafreight arbeitet auch mit mehreren Stückgutnetzen zusammen, unter anderem mit der Kooperation Cargoline. Die Transportdaten werden mit einer Datenschnittstelle übermittelt. Letztlich tritt das Start-up im Stückgutsegment wie ein überregionaler Großkunde auf, über den die Netzwerkpartner zusätzliche Sendungen erhalten können.

„Wichtig ist, dass wir über unsere App direkten Zugriff auf den Frachtführer haben“, betont Ortwein. Deshalb dürfen beauftragte Transportunternehmen Aufträge nur eingeschränkt weiterverchartern: „Wir müssen wissen, wer tatsächlich den Auftrag durchführt.“ Nach der Registrierung eines Frachtführers auf der Instafreight-Website wird er deshalb anhand fester Kriterien geprüft. Damit ähnelt das Start-up seinen Konkurrenten Cargonexx und Loadfox.

Frachtführer registrieren sich oft eigenständig, meist aufgrund von Werbung in Social Media oder bei Google. Allerdings gehen die Disponenten von Instafreight auch gezielt auf Transportunternehmen zu und fragen an, ob Aufträge übernommen werden können. Aktuell beschäftigt das Unternehmen rund 30 Mitarbeiter im Rocket-Tower in Berlin. Jeweils ein Drittel sind Softwareentwickler und Disponenten.

Die meisten Verlader bei der Berliner Spedition kommen derzeit aus dem E-Commerce. „Diese Kunden sind andere Prozesse und Geschwindigkeiten gewohnt und tun sich schwer mit der Behäbigkeit traditioneller Speditionen“, sagt Ortwein.

Preisangebot kommt sofort

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Ein Kernstück von Instafreight ist der Pricing-Algorithmus. Er wird ständig weiterentwickelt. Für jeden eingestellten Auftrag bekommt der Verlader umgehend ein Preisangebot. „Wir erreichen nicht eine positive Marge für jeden einzelnen Auftrag, erzielen aber bereits operativ über alle Aufträge hinweg ein positives Ergebnis“, berichtet Ortwein. Mit wenigen Klicks kommt ein Transportauftrag zwischen dem Verlader und Insta­freight zustande. Der Festpreis für den Verlader wird über den Preisalgorithmus berechnet. Hierbei geht das Unternehmen von einem Basispreis aus und passt diesen der Marktsituation an. „Wir gehen mittlerweile in Richtung eines neuronalen Netzes. Aktuell werden die meisten dieser Parameter noch händisch berechnet – doch der Algorithmus lernt mit steigender Sendungszahl selbstständig hinzu.“

Ursprünglich wollte Ortwein nur mit kleinen Frachtführern zusammenarbeiten, bei denen der Entscheider meist auch den LKW fährt. Doch nachdem sich immer mehr größere Transporteure als Partner anboten, wurde das Konzept angepasst. Über die App können die Kleinstunternehmer aus dem Fahrzeug heraus Aufträge annehmen. Für große Frachtführer mit mehreren hundert LKW trägt diese Verantwortung jedoch ein Disponent im Büro. „Hierfür haben wir ein Web-Portal entwickelt, auf dem sich Disponenten Aufträge herauspicken können. Die werden dann an die Fahrer-App weitergeleitet.“

Durchschnittlich machen viele kleine Unternehmen mit

Das größte Unternehmen, das aktuell für Instafreight fährt, hat einen Fuhrpark mit 600 eigenen LKW. Im Durchschnitt aber sind es weniger als 12 Fahrzeuge pro Transportpartner. Instafreight arbeitet mit 1200 Frachtführern mit insgesamt 4000 Fahrzeugen aus Deutschland sowie insbesondere Osteuropa zusammen.

Instafreight bietet die Aufträge über die eigene Plattform beziehungsweise App zu einem festen Preis an die Transportpartner an. „Diese Sofortkaufpreise sind faire Preise“, betont Ortwein. Wenn sich dennoch nach einem festgelegten Zeitraum kein Frachtführer findet, beginnt eine umgekehrte Auktion, bei der die Frachtführer ihren Preis nennen können. Als letzte Instanz greifen erfahrene Disponenten ein und suchen für den Transportauftrag den passenden Frachtführer. Dabei arbeiten sie auch mit Frachtenbörsen wie Timocom oder trans.eu zusammen.

Noch sei der Anteil der Aufträge zu hoch, die bei den Disponenten aufschlagen, gibt Ortwein zu. Ziel sei es, das automatische Vermitteln auszubauen. „Hierfür sind 4000 Fahrzeuge in Europa noch zu wenig, aber wir entwickeln uns gut“, gibt sich der Geschäftsführer optimistisch. Frachtführer seien „ein sehr rares Gut, und wir dürfen unsere Transportpartner nicht mit unlukrativen Aufträgen verbrennen“, betont er. Instafreight bezahlt zudem Frachtführer bei allen über die App abgewickelten Aufträgen innerhalb von 72 Stunden nach Zustellung.

Früher Tod des Mitgründers

Ein herber Einschnitt für das junge Unternehmen war der überraschende Tod von Mitgründer Gion-Otto Presser-Velder im Februar. Aufgehalten hat dieser Schicksalsschlag das Wachstum von Instafreight nicht. Inzwischen ist Maximilian Schäfer als Geschäftsführer Operations eingestiegen. Er arbeitete früher bei TNT und war zuletzt bei einem anderen Venture von Rocket Internet aktiv.

Ortwein will 2018 weitere Frachtführer und Auftraggeber gewinnen, damit die Prozesse möglichst vollständig digital ablaufen. „Ende 2018, Anfang 2019 ist meine Zielmarke – wobei ich mich nicht der Illusion hingebe, dass wir überhaupt keine Disponenten mehr brauchen.“ Es werde immer Fälle geben, in denen ein manuelles Eingreifen nötig sei. „Manchmal braucht es den persönlichen Kontakt zum Kunden oder Fahrer.“

Derzeitige Verladerkunden sind vor allem regionale Mittelständler. Die kommen mit der vorgegebenen Maske zum Einstellen der Aufträge gut klar. Doch künftig will das Instafreight-Team gezielt Großverlader ansprechen. „Hierfür müssen wir entsprechende Schnittstellen bereitstellen“, sagt Ortwein.

Kostenlose IT für die Frachtführer

Perspektivisch will Ortwein die IT-Lösung von Instafreight auch Frachtführern zugänglich machen. „Die Frachtführer können unsere App dann mit ihrem Logo für eigene Kunden nutzen.“ Diese White-Label-Version des IT-Systems soll voraussichtlich kostenlos sein. Wenn der Frachtführer jedoch einen Auftrag hat, den er selbst nicht transportieren kann, bietet die Software eine einfache Möglichkeit, Aufträge ins Instafreight-System einzuspeisen. So will Ortwein die Frachtführer noch enger an sein Unternehmen binden. Instafreight würde damit möglicherweise einen IT-Standard für Transporte schaffen. „Wir werden nicht die Lösung für jede Nische sein, aber für den Massenmarkt wollen wir einen Datenstandard bieten.“

Bei allen seinen Neugründungen ist der Mutterkonzern Rocket Internet ein reiner Finanzinvestor. Geld verdienen will er auch – aber nicht mit dem Geschäftsmodell, sondern durch den Verkauf von Anteilen oder gar des ganzen Unternehmens. Derzeit wird für auch Instafreight externes Kapital gesucht.  „Noch ist die Entscheidung nicht gefallen, ob wir einen strategischen Investor suchen oder weiteres Venture Capital“, sagt Ortwein, und er wirbt: „Jeder Euro, der in unserer Geschäftsmodell gesteckt wird, ist gut investiert.“

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Über Sebastian Bollig 6 Artikel

Fachredakteur und Leiter Digital der DVZ

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