Inventur mit Drohne

Inventur Drohne
Foto: Fotolia

Jeden Tag steuert ein Mitarbeiter am Standort Emmerich, dem Europa Hub von Konica Minolta, eine Drohne über das rund 60.000 m2 große Blocklager. In 7 m Höhe erfasst diese die aktuellen Bestände an Kopierern, Druckern, Tonern und anderen Produkten.

Vorher wurde für diese Vorgänge ein Stapler mit Mannhalter eingesetzt. Der Fahrer musste in diesem einen weiteren Mitarbeiter in die Höhe hieven. „Jetzt ist das Flurförderfahrzeug für andere Einsätze frei“, sagt Arno Ziegler, Leiter Betriebe West des Konica-Minolta-Logistikpartners BLG Handelslogistik. Auch mit der Arbeit der Drohne ist er zufrieden. „Wir benötigen 40 Prozent weniger Zeit für Kontroll- und Inventurmaßnahmen. Die Kamera erfasst zudem jedes einzelne Lagergut aus ganz neuen Perspektiven. Dadurch sind die Zählergebnisse besser geworden“, sagt er. Außerdem werde statt zwei nur noch ein Kollege für Zählungen benötigt, ergänzt Ziegler.

Defekte Paletten bei der Inventur leichter erkennen

Ähnliche Erfahrungen meldet DB Schenker. Die Bahntochter setzt Drohnen am Kontraktlogistik-Stützpunkt Rodgau und an zwei internationalen Standorten mit Hochregallager ein. „Solche Geräte helfen bei der Inventur von Vollpaletten, wenn Ware und Stellplatz mit gut lesbaren Barcodes ausgestattet sind“, schildert DB-Schenker-Innovationschef Erik Wirsing. Die Mitarbeiter können aufgebrochene Palettenware und veränderte Lagerplätze leichter identifizieren, was laut Wirsing auch die Sicherheit im Warehouse erhöht. „Für hohe Leseraten ist auch die Qualität der Beleuchtung und des Gyroskopen entscheidend“, sagt der Manager. Ohne das letztere Gerät, das die ständig kreiselnden Kameras oder Scanner stabilisiert, können keine „verwertbaren Informationen“ erzeugt werden.

In der Luft kann manche Logistikdienstleistung schneller und besser als am Boden erledigt werden. Mit Drohnen machen BLG und DB Schenker ähnliche Erfahrungen wie Autobauer, die diese Geräte seit Ende 2016 für innerbetriebliche Eilabrufe einsetzen. Allerdings wünschen die Dienstleister Nachbesserungen bei Fluggeräten wie bei Gebäuden. „Wichtig ist ein Aufprallschutz an Säulen und anderen neuralgischen Punkten, welche mit den Propellern in Berührung kommen können“, sagt Ziegler. Grundsätzlich können Drohnen das Facility Management bei der Prüfung von Decken und Wänden unterstützen. „Die Kamera spürt auch fingernagelgroße Spalten auf, durch die Regenwasser und Schnee eindringen können“, erklärt der BLG-Manager.

Lesen Sie auch: Gigantischer Drohnenfangarm macht Schiffe zu Flugzeugträgern

Mitbewerber Schenker will Drohnen offenbar auch für interne Warentransporte einsetzen und muss deshalb auf den von Rotoren erzeugten Auftrieb besonders achten. „Weil deren Durchmesser nicht beliebig groß sein kann, fallen viele Ausschlußgebiete für Flüge an“, bilanziert Wirsing. Auch mit der Akkuleistung ist der Manager nicht zufrieden. Im Schnitt ist eine Drohne 20 Minuten unterwegs. Wechselbatterien lösen laut Wirsing das Problem nicht. „Wir wollen mit Start-ups autonome Akkuwechsel oder -ladungen erproben“, kündigt der Logistiker an.

Investitionen sind bei geringen Traglasten überschaubar

Anzeige

Für viele Intralogistikeinsätze werden aber vergleichsweise einfache Geräte ohne größere Traglast eingesetzt. In diesen Fällen sind die Investitionen überschaubar. Auch Objekte mit sehr anspruchsvoller Kameratechnik kosten höchstens 30.000 EUR. Diese Zahl nennt Sven Enterlein, COO des Start-ups Sitebots im brandenburgischen Velten. Das Unternehmen, welches das BLG-Fluggerät gebaut hat, ist mit Security-Drohnen gestartet, die Großflächen mit einem Sensorennetzwerk überwachen und bei Alarm von einer Ladestation aus automatisch starten.

Für einfache Regelbetriebe genügen hingegen Start- und Landepads, welche an nahezu jedem frei zugänglichen Standort aufgebaut werden können. Wohl auch deshalb interessieren sich längst auch Logistiker für die Sitebots-Geräte. So verhandelt das Unternehmen mit einem Lebensmittelkonzern, der eine Komplettlösung für die ­Inventarisierung und Überwachung von Lagerhallen wünscht.

Lesen Sie auch: Strenge Regeln für Drohnen

Andere Hersteller wie Multirotor, Berlin, sehen ihre Drohnen als Pioniere für interne Ersatzteillogistik und Kleinteiltransporte. Die Fluggeräte können mehrere 100 kg bis zu 40 Minuten lang transportieren. BLG wie Schenker denken bereits über einen Regelbetrieb nach. „Vorher müssen aber noch zahlreiche Fragen über Daten- und Versicherungsschutz geklärt werden“, gibt Wirsing mit Blick auf die Kamera- und Scantechnik zu bedenken. Auch Arbeits- und Mitbestimmungsrecht sieht der Logistiker berührt. Eine Aufstiegserlaubnis muss hingegen für Intralogistikdrohnen nur dann beantragt werden, wenn diese auch auf Freigelände fliegen.

Das Potenzial ist so groß, dass zum Beispiel der Softwarekonzern Microsoft mit der australischen Plattform Lakeba Group das Projekt Shelfie initiierte. Ziel war es dabei, ein standortübergreifendes Regal­erkennungssysteme für den Handel zu entwickeln. In Verkaufsräumen erfassen Roboter, in den Logistikzentren Drohnen mit Kameras und Scannern die gelagerte Ware. Shelfie vereinheitlicht die Warenwirtschaft wobei ein automatisches Order Management permanent die Bestände optimiert. „Big Data-Plattformen werten alle Aufnahmen mit Objekterkennungsalgorithmen aus“, sagt Birgit Davidian von Microsoft Deutschland. „Shelfie erfasst die Daten mit völlig unterschiedlicher Hardware.“ Soviel Flexibilität ist  notwendig. Abhängig vom Lagertyp müssen den Initiatoren zufolge sehr unterschiedliche Drohnentypen eingesetzt werden. (Stefan Bottler)

Anzeige
Über die DVZ Redaktion 179 Artikel

Internationale Fachzeitung für Logistik und Transport, Verkehrspolitik und -wirtschaft, Spedition, Lagerei, Umschlag, Industrie und Handel.

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar verfassen