Ist die Digitalisierung für KMU zu teuer?

KUM Digitalisierung LKW Lastwagen Spedition
Foto: Felix Russell-Saw

Sowohl Verlader als auch Logistikdienstleister zeigen sich zurückhaltend bei der Umsetzung der Digitalisierung. Aber: Viele kleine und mittelständische Unternehmen (KMU) beobachten derzeit den Markt, um Know-how rund um das Thema Digitalisierung aufzubauen. Das ist eines der Ergebnisse der Logistikmarktstudie Schweiz 2017.

Im Rahmen der Untersuchung befragte der Lehrstuhl für Logistikmanagement der Universität St. Gallen 170 Schweizer Unternehmen zum Thema „Supply Chain Management und digitale Vernetzung“. 133 verladende Industrie- und Handelsunternehmen sowie 37 Logistikdienstleister haben geantwortet. Die meisten von ihnen sind – der Struktur der Schweizer Wirtschaft entsprechend – als kleine und mittelständische Unternehmen zu klassifizieren.

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Betrachtet man die empirischen Ergebnisse nach der Unternehmensgröße, so ist auffällig, dass große Unternehmen der Digitalisierung mehr Bedeutung beimessen als KMU. Besonders kleinere Unternehmen üben hinsichtlich des digitalen Investitionsbedarfs noch große Zurückhaltung.

Geringe Investitionen

Nur wenige Unternehmen haben in physische Lösungen, die für die Digitalisierung notwendig sind, investiert. Bei Logistikdienstleistern spiegeln sich solche Maßnahmen vor allem in der Ausstattung ihrer Fahrzeuge mit digitaler Technik wie der Sensorik oder mit intelligenten Lademitteln oder deren Vernetzung, beispielsweise durch Mobilfunktechnologien, wider. Bei Verladern können die „smarten“ Projekte beispielsweise die Intralogistik im Bereich von Palettier- oder Kommissionierrobotern sowie autonome Fördertechnik betreffen. Insgesamt zeigt sich, dass Logistikdienstleister ihre Aktivitäten zum Thema Digitalisierung gegenüber solchen der Verlader als intensiver einschätzen.

Die digital aktiven Schweizer Logistikdienstleister konzentrieren sich derzeit darauf, ihre Fahrzeuge, Ladungsträger und Anlagen mit Funktechnik auszustatten. Die Vernetzung von digitalen Geräten ermöglicht die Kommunikation zwischen Fahrzeug und Beladeroboter und genießt ebenfalls einen hohen Stellenwert. Hierbei schätzen die Logistikdienstleister, dass sie hier bei der Umsetzung der Digitalisierung weiter gekommen sind als die Verlader. Diese haben eher die Vollautomatisierung von Logistikanlagen im Blick, wie beispielsweise die Übernahme von Verpackungsaufgaben durch Packroboter. Auch hier zeigt sich, dass größere Unternehmen deutlich weiter vorangeschritten sind, als KMU. Während sich diese derzeit oft im Planungsstadium für digitale Initiativen befinden, haben größere Unternehmen bereits häufig Pilotprojekte gestartet.

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Noch überwiegt offenbar bei vielen kleinen Logistikdienstleistern die Zurückhaltung. Grund hierfür sind vor allem die hohen Investitionssummen. Darüber hinaus geben die befragten Logistikunternehmen an, nicht über ausreichendes eigenes technisches und methodisches Know-how verfügen, um Digitalisierungsprojekte umzusetzen. Dieses Know-how gilt es insofern gezielt aufzubauen, als es als Fundament für einen erfolgreichen Digitalisierungspfad dient. Allerdings lässt die in der Regel schlanke Personalausstattung von KMU nur wenig Spielräume zu. Bestenfalls kommt die Digitalisierung nur schleppend voran, schlimmstenfalls bleibt sie bereits im Ansatz stecken.

Als weiteres Hindernis gilt für KMU die mangelnde Transparenz bei der Beschaffung. Um sich einen Überblick zu verschaffen, müssen Fach- und Führungskräfte zeitaufwendige Marktanalysen initiieren. Die fehlenden Standards führen dazu, dass beispielsweise unterschiedliche IT-Schnittstellen zwischen Verladern und Logistikdienstleistern als große Hindernisse wahrgenommen werden und beachtliche Investitionen für die Anpassung der IT-Infrastruktur erfordern.

Eine weitere Barriere ist bei den Führungskräften zu suchen. Diese sind bei KMU stark durch das Tagesgeschäft beansprucht. Für die Entwicklung von Visionen und zum Digitalisierungspfad haben sie oft zu wenig Zeit. Dies betrifft im Ergebnis auch die mangelnde Positionierung.

Auf einer solchen Basis lassen sich allenfalls isolierte Einzelmaßnahmen ad hoc entscheiden. Eine in sich stimmige, strategisch angelegte Digitalisierungsinitiative bedarf allerdings deutlich mehr Fundierung. In der Folge wird das Potenzial der Digitalisierung, das in der Verknüpfung verschiedener Anwendungen aus mehreren Bereichen liegt, nicht erschlossen. So können beispielsweise GPS-Daten aus den Fahrzeugflotten mit Hilfe von Big Data Analytics analysiert werden, um damit die Routenplanung zu optimieren, oder für die Planung von Distributionsnetzwerken genutzt werden.

Große Chancen für den Mittelstand

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Den beträchtlichen Hindernissen stehen aber auch Chancen gegenüber. Logistikdienstleister erhoffen sich durch die Digitalisierung leistungsfähigere Supply-Chain-Prozesse. So sehen die Logistikdienstleister die größten Potenziale darin, die Transparenz von Güter- und Fahrzeugbewegungen zu verbessern und die Logistikdienstleistungen schneller abzuwickeln. Bereits eingesetzte Trackinglösungen sollen beispielsweise erweitert werden und künftig auch für einzelne Packstücke verfügbar sein. Außerdem sollen dadurch Bestandsbewegungen schneller und einfacher erfasst werden können.

Auch in Sachen Qualität und Sicherheit versprechen sich die Logistikdienstleister Vorteile durch die Digitalisierung. Durch einen breiten Einsatz von RFID und Sensortechnologien soll beispielsweise der Verlust von Ladungsträgern verringert und damit die Servicequalität sowie die Sicherheit der Ladung vor Diebstahl gesteigert werden.

Bei der Reduzierung der Kosten erwarten jedoch weder Verlader noch Logistikdienstleister große Vorteile. Dies liegt wohl auch darin begründet, dass sich Digitalisierungsprojekte auf der Nutzenseite schlecht rechnen lassen. Überzeugungsarbeit leisten demnach weniger Business Cases als Leuchtturmprojekte, die den Schritt in eine digital unterstützte Logistikwelt illustrativ aufzeigen. (Prof. Wolfgang Stölzle)

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Internationale Fachzeitung für Logistik und Transport, Verkehrspolitik und -wirtschaft, Spedition, Lagerei, Umschlag, Industrie und Handel.

1 Kommentar

  1. Digitalisierungsprojekte sind nur dann lukrativ, wenn Sie aus konkreten UseCases, die mit Business Cases belegt sind ausgeprägt werden. Der richtige Weg liegt darin, Digialisierung zu verstehen, daraus mögliche Anwendungsszenarien als ganzheitliches Konzept zu entwickeln und dieses kosten- sowie nutzenseitig zu bewerten. Die Realisierung dieser Projekte bringt echte Mehrwerte und durch die Aneinanderreihung dieser UseCases entsteht schrittweise nutzenorientiert eine digitale Supply Chain, die durchgängig miteinander verknüpft ist. Daher sollten die Diskussionen nicht machbarkeitsorientiert sondern nutzenorientiert geführt werden. Nicht die Sensoren und Systeme geben den Impuls einer Digitalisierung soindern die zugehörigen Anwendungsszenarien.

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