Keine Hürden für Blockchain

Die Blockchain könnte einen großen Einfluss auf die weltweiten Lieferketten haben. (Foto: Fotolia)

Logistikunternehmen sehen sich beim Thema Blockchain im Vergleich mit anderen Branchen eher hinten. Das überrascht insofern, da die Branche als prädestiniert für Musteranwendungen gilt. Die Automobilindustrie und der Finanzsektor hingegen sehen sich vorne. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage des Digitalverbands Bitkom unter 1.004 Unternehmen ab 50 Mitarbeitern. Demnach halten sich 84 Prozent aller Unternehmen für Nachzügler in Sachen Blockchain. „Das ist keine gute Nachricht für den Standort Deutschland“, sagt Bitkom-Präsident Achim Berg, der die Ergebnisse gestern der Öffentlichkeit vorstellte. Den Grund für die schwache Selbsteinschätzung der Logistikwirtschaft sieht Berg in der geringen Technologieaffinität der Branche. Es sei eher ein klassisches Wirtschaftssegment, in dem ein Vorreiter fehle.

Der Branchenverband sieht in der Datenbanktechnik eine große Chance für die deutsche Wirtschaft. Doch neun von zehn Unternehmen hätten sich damit noch nicht einmal beschäftigt. Die Blockchain ist Berg zufolge eine Basistechnik für den Einsatz von künstlicher Intelligenz oder dem Internet der Dinge. Bei diesen großen Technologiethemen habe China bereits Deutschland den Rang abgelaufen und spiele nun auch bei Blockchain ganz vorne mit. Deswegen müssten nun hierzulande die Weichen gestellt werden, um Blockchain-Lösungen voranzubringen. „Dabei ist die Politik gefordert“, betonte Berg, die einen rechtssicheren Rahmen für Anwendungsfälle schaffen müsse. Digitale Werteinheiten (Token) oder Vertragsregeln müssten „dieselbe Funktion haben dürfen wie eine Papierurkunde“, betonte Berg. „Die damit in Zusammenhang stehenden Fragen greifen tief in die bestehende Rechtsordnung ein.“

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Zu wenig Aktivität

Für den Einsatz der Blockchain seien Berg zufolge alle Voraussetzungen geschaffen. „Sobald die Anwendungsfälle da sind, vor allem in der Logistik, wird das ganz schnell gehen, denn es gibt technisch keine Hemmnisse. Ich vermute, dass es in den nächsten zwei bis vier Jahren explodieren wird“, sagt der Bitkom-Präsident. Derzeit versuchen in Deutschland eher kleinere Start-ups, mit Blockchain zu experimentieren, insgesamt gibt es zu wenige Aktivitäten, beobachtet Berg. Die Unternehmen müssten aufpassen, nicht den Anschluss zu verlieren, denn „die Entwicklung der Digitalisierung verläuft nicht linear, sondern exponentiell. Das heißt, mit der Zeit, die man verliert, wird der Weg immer steiler“.

Für besonders wichtig erachtet Berg es daher, dass das Wissen um die Blockchain und deren Einsatzmöglichkeiten im Kontext mit anderen Techniken Teil von Ausbildungs- und Studienangeboten wird. Wenn es an klugen Köpfen fehle, werde es auch keine marktfähigen Anwendungen geben, wie man es schon bei anderen Technologien habe sehen können. Vor diesem Hintergrund appelliert Berg an die Unternehmer, die Blockchain bei der betrieblichen Weiterbildung in den Fokus zu rücken.

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Basis für Kooperation

Die Otto-Tochter Hermes hat ebenfalls Logistikentscheider in deutschen Unternehmen nach ihrer Einstellung zur Blockchain befragt. Drei Viertel sind demnach der Meinung, dass eine Effizienzsteigerung innerhalb der Lieferkette künftig nur noch durch die Kooperation mit Kunden und Lieferanten möglich ist. Der Blockchain schreiben die 200 Befragten großes Potenzial für die unternehmensübergreifende Zusammenarbeit zu.

Mehr als ein Drittel meint, dass die Technik gewaltige Veränderungen in der Logistik herbeiführen könnte, die über den normalen Digitalisierungsprozess deutlich hinausgehen. In größeren Unternehmen, das heißt mit mehr als 250 Mitarbeitern, stimmt sogar jeder Zweite dieser Aussage zu, wie aus den im Hermes-Barometer genannten Ergebnissen hervorgeht.

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Mehr als die Hälfte der Befragten aus größeren Unternehmen glaubt, dass die Technologie für die Erhöhung der Datensicherheit im Kooperationsprozess eine gesteigerte Bedeutung hat. Auch jeder dritte Logistikentscheider aus kleineren Unternehmen stimmt dieser Aussage zu. Dennoch haben sich in der Summe erst 21 Prozent aller Umfrageteilnehmer über die technischen Grundlagen informiert und sind mit der Funktionsweise vertraut. Dabei haben größere Unternehmen einen vergleichsweise höheren Wissensstand: Hier sind es 42 Prozent der befragten Entscheider.

Auch wenn sich die breite Mehrheit bewusst ist, dass die Kooperation mit Kunden und Lieferanten der Schlüssel zur Effizienzsteigerung ist, gibt es zahlreiche Hemmnisse auf dem Weg. Besonders erschwert wird die Zusammenarbeit durch Kommunikationsprobleme zwischen den Parteien (56 Prozent), gefolgt von dem Zeit- und Kostenaufwand zur Implementierung notwendiger Technologien (51 Prozent) sowie fehlenden personellen Ressourcen (46 Prozent).

Auch klagen 42 Prozent der Befragten über eine mangelnde Bereitschaft zur Optimierung der Zusammenarbeit. Bei größeren Unternehmen ab 250 Mitarbeitern sind es sogar 61 Prozent der Logistikentscheider. „Vertrauensfördernde Maßnahmen wie beispielsweise klare Regelwerke und Verträge können die Bereitschaft zur Kooperation fördern“, rät Jan Bierewirtz, verantwortlicher Manager für das internationale Geschäft bei Hermes.

Internes Expertenwissen nutzen

Sieben von zehn Unternehmen sind grundsätzlich der Meinung, dass sie über das nötige Know-how verfügen, um die Zusammenarbeit mit ihren Partnern zu optimieren und ihre Logistikprozesse selbst zu planen und umzusetzen.

Gleichzeitig sagen jedoch ebenfalls sieben von zehn Unternehmen, dass sie bei der Digitalisierung ihrer Supply Chain die Unterstützung ihrer Logistikdienstleisters in Anspruch nehmen werden. „Für die Optimierung der Prozesse ist es wichtig, dass Unternehmen sich ihrer Kernkompetenzen bewusst sind und vorhandene Wissenslücken durch kompetente Fachleute füllen“, resümiert Bierewirtz. (rok)

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