Kommt der Postmann bald mit Datenbrille?

DHL, Datenbrille
Foto: DHL
Blue Rocket Congress Hamburg

Siemens-Manager Bayer rechnet aber damit, dass Datenbrillen spätestens in zwei bis drei Jahren auch im Paketbereich die Regel sein werden. Er sieht den größten Vorteil in der höheren Effizienz: Datenbrillen erlauben zum Beispiel eine deutlich schnellere Sortierung und Gleichverteilung der Pakete auf die Fahrzeuge. Schwankungen im Aufkommen – sortiert wird nach Postleitzahlen – können dadurch schneller ausgeglichen werden. Das Marktpotenzial sei jedenfalls vorhanden und in der Automobilindustrie wird diese Technik bereits verwendet.

Datenbrillen noch zu schwer und zu teuer

„Heute sprechen vor allem noch ergonomische Gründe gegen den Einsatz“, sagt Bayer. Denn die Brillen seien schlicht zu schwer für einen längeren Einsatz. Zudem dürften sie nicht beim Fahren stören, wenn Anzeigen kämen. Andere Branchenexperten zweifeln indessen an einer schnellen Einführung, weil die Paketdienste in der Regel mit Subunternehmern arbeiten, zumeist Kleinstunternehmen, die sich den Einsatz kostspieliger Innovationen nicht erlauben könnten. Bayer beziffert die Kosten für eine solche Datenbrille auf 300 bis 400 EUR.

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Allerdings muss im Hintergrund eine entsprechende IT zur Verwaltung und Steuerung der Daten arbeiten. Andrea Kocsis, Verdi-Vizechefin und Bereichsleiterin Postdienste, Speditionen und Logistik, warnt zudem vor den Folgen der Arbeitsverdichtung: „Die Paketboten haben dadurch keine Frei- beziehungsweise Spielräume mehr.“ Denn alle ihre Schritte werden automatisch angewiesen und auch überwacht. Hier gelte es, künftig im Rahmen der Digitalisierung von Arbeitsprozessen neue Regelungen zu finden. Bei mitbestimmungspflichtigen Unternehmen, wie etwa der Deutschen Post DHL, gebe es bereits entsprechende Gespräche.

Drei Drohnenprojekte am Fraunhofer IML

Die rollende Transportdrohne Bin Go, die Inventurdrohne Inventairy sowie die Drohne Delivairy standen beim Zukunftsdialog in Bonn im Mittelpunkt der Präsentation von Philipp Wrycza vom Fraunhofer Institut für Materialfluss und Logistik (IML) in Dortmund. Bin Go dient dem innerbetrieblichen Transport von kleinen, leichtgewichtigen Gütern. Das Gerät findet autonom zum Ziel. Der Transport erfolgt primär durch das vergleichsweise energiesparende Rollen der Drohne. Darüber hinaus kann Bin Go fliegend Höhenunterschiede überbrücken, potenzielle Hindernisse überwinden und sich eigenständig in hohe Regalebenen einlagern.

Die sich daraus ergebende Flexibilität und Skalierbarkeit stellt Fraunhofer IML zufolge einen bedeutenden Vorteil gegenüber Konkurrenztechnik wie Fördertechnik oder Rohrpost dar. „Ohne 3-D-Druck wäre es nicht möglich gewesen, diese Drohnen zu bauen“, sagt Wrycza. Ein Prototyp aus Spritzguss hätte 50.000 EUR gekostet, das 3-D-Druck-Modell dagegen nur rund 5.000 EUR. Wrycza schätzt die Kosten für ein Serienmodell, das dann in Spritzguss-Technik realisiert würde, ebenfalls auf rund 5.000 EUR pro Stück. So weit ist man beim IML aber bei diesem Projekt noch nicht.

Große Nachfrage und Start-Up-Inventurdrohne

Ein Start-up-Unternehmen wurde hingegen kürzlich zur Vermarktung der Inventurdrohne Inventairy gegründet. „Die Nachfrage ist hier sehr groß“, sagt Wrycza. Es gebe bereits bis zu 20 Kunden. Inventairy ist in den Bereich der cyberphysischen Systeme einzuordnen und verfolgt das Ziel der Entwicklung eines autonomen Flugrobotersystems auf Basis des Internets der Dinge. Das System wird danach durch die verwendete Sensorik in die Lage versetzt, die Umgebung selbstständig wahrzunehmen und zu analysieren, um darauf basierend durch ein Lager zu navigieren, logistische Objekte zu erfassen und eine Inventur zu erledigen. Des Weiteren werden die gesammelten Informationen über intelligente Schnittstellen und Dienste an Drittsysteme, wie zum Beispiel Warehouse-Management-Systeme übertragen.

Ein Pilotgeschäft hat das Fraunhofer IML laut Wrycza zudem bereits für sein drittes Drohnenprojekt Delivairy vereinbart, ein Lastaufnahmesystem für beliebige Güter. Die Grundidee sei hierbei, Lasten vor allem mit Drohnen autonom zu finden, aufzunehmen und abzugeben. Dies stelle das fehlende Puzzlestück für den wirtschaftlichen Transport von Gütern mit Drohnen dar. Das System wird mit einer beliebigen Drohne kombiniert. „Die Lösung eignet sich vor allem für lokal begrenzte Transporte“, sagt Wrycza, wie zum Beispiel bereits getestete Transporte im Krankenhaus. (Axel Granzow)

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