Logistik-Digitalisierung: China macht es anders

Xeneta Frachtplattform Transportlogistik China
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Technologien wie teilautomatisierte Kransysteme oder fahrerlose Transportfahrzeuge (Automated Guided Vehicles, AGVs) gehören in großen europäischen und chinesischen Häfen zum Alltag. Mit Blick auf weiterführende Digitalisierung und Konnektivität gehen die beiden Gruppen aber unterschiedliche Wege: Während europäische Häfen mit Innovationen voranpreschen, halten sich ihre chinesischen Pendants eher zurück. Das erklärt sich durch unterschiedliche Marktpositionen und Strategien.

In Europa ist Innovation das Alleinstellungsmerkmal: Beim Einsatz neuer Hafentechnologien nimmt der Kontinent schon immer eine Führungsrolle ein, nicht erst seit 1993 in Rotterdam das weltweit erste vollautomatische Hafenterminal in Betrieb ging. Aktuell verfolgen europäische Häfen Ziele, die weit über Automatisierung hinausgehen. Die Vernetzung einzelner Spieler und technologischer Komponenten über das Internet der Dinge (Internet of Things, IoT) soll sowohl operative als auch Entscheidungsprozesse verbessern. Beispiele hierfür sind die geplanten IoT-Plattformen in Rotterdam und Barcelona.

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Dass Europas Häfen in puncto Konnektivität und Integration eine führende Rolle anstreben, hat nicht nur operative Gründe. Sie müssen sich vor allem innerhalb der Nordrange voneinander abgrenzen sowie von alternativen Schifffahrtsrouten und von anderen Verkehrsträgern. Denn die Digitalisierung erhöht den Druck auf die Schifffahrt extrem.

China definiert Standards

Auch in China wird die Automatisierung und Digitalisierung von Häfen vorangetrieben. Das zeigt unter anderem der Tiefwasserhafen Yangshan südlich von Shanghai mit dem weltgrößten automatisierten Containerterminal (Jahresumschlag 2017: 4 Mio. Teu). Hier soll künftig unter anderem die weltgrößte Flotte an AGVs zum Einsatz kommen. Darüber hinaus wird in Shanghai auf Technologien Made in China gesetzt. Zum Beispiel entwickelte ein Team der Shanghai International Port Group für das Terminal ein Produktionsmanagement- und -steuerungssystem und definierte zwölf Standards, die landesweit zum Maßstab für die Hafenautomatisierung werden dürften.

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Ein weiteres Beispiel ist Ningbo, wo derzeit die Infra- und Suprastruktur auf den neuesten Stand gebracht werden, um einen halbautomatisierten Betrieb zu ermöglichen. Zudem werden in Ningbo digitale Integrationsansätze forciert, zum Beispiel eine sogenannte „One-Stop“-E-Commerce-Plattform. Diese führt Geschäfts- und Logistikinformationen aus zahlreichen bestehenden Plattformen zusammen und soll als Zugangspunkt für die Akteure im Hafen Ningbo fungieren. Ziel ist, den physischen Warenfluss zu unterstützen, indem relevante Transaktions- und Finanzinformationen bereitgestellt werden.

Auch im südchinesischen Hafen von Shenzhen ließ sich durch gezielte Automatisierung die Produktivität des größten Containerterminals stark erhöhen. Bis zu acht Kaikräne können parallel für die Be- und Entladung von Containerschiffen eingesetzt werden. Ein Kran erreicht dabei etwa 35 Bewegungen pro Stunde. In Hongkong versprechen sich die Betreiber des Containerterminals durch eine automatisierte Boxenstapelung bis zu 40 Prozent mehr Effizienz.

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Verglichen mit digitalen Vorreitern in Europa geht China jedoch weitaus bedachter vor. Hafenbetreiber im Reich der Mitte fokussieren sich hauptsächlich auf ausgereifte Technologien für die Automatisierung und Effizienzsteigerung. Die Gründe hierfür reichen von niedrigeren Personalkosten und weniger strengen Umweltauflagen bis hin zur vergleichsweise komfortablen Marktposition der Häfen, die sich daraus ergibt, dass China der Ausgangspunkt vieler Warenströme ist.

Chinas Ziel: Handelsströme kontrollieren

Darüber hinaus verfolgen Regierung und Industrie eine Strategie, die auf eine durchgängige Kontrolle von Handelsströmen abzielt. Chinesische Unternehmen investieren in großem Maße in Häfen und Terminals, die entlang der Maritimen Seidenstraße des 21. Jahrhunderts liegen. China Merchants und Cosco Shipping betreiben 29 Häfen und 47 Terminals in 15 Ländern entlang der Route und forcieren das Wachstum dieser Anlagen. So konnte Cosco Shipping den Containerumschlag im griechischen Hafen von Piräus zwischen 2009 und 2016 verdoppeln. Auch in die begleitende Infrastruktur wie Schienen und Straßenanbindungen fließen enorme Summen aus China.

Mit ihrer Herangehensweise bringen sich chinesische Hafen- und Terminalbetreiber in eine gute Ausgangsposition, um die gesamte Supply Chain mit einem standardisierten System für Integration und Datenaustausch zu digitalisieren. Dagegen besteht die größte Herausforderung im europäischen Ansatz darin, mit den Aktivitäten eine kritische Masse zu erreichen. Solange einzelne Akteure isolierte Lösungen entwickeln, ist der Nutzen für das Gesamtsystem begrenzt. Der wahre Mehrwert der Digitalisierung erschließt sich erst, wenn eine große Anzahl an Akteuren entlang der Lieferkette kooperiert, um eine bessere Transparenz und Kontrolle zu erhalten.

Europäer in Kolumbus Fußstapfen

Bildhaft gesprochen, stechen die europäischen Hafengesellschaften wie einst Kolumbus in See, um neue Welten zu erobern. Diese Vorgehensweise birgt das Risiko, vom Kurs abzukommen oder Zeit und Kapital in die falsche, letztlich nicht erfolgreiche Technologie zu investieren. Chinesische Hafenbetreiber schwimmen dagegen mehr mit dem allgemeinen Strom der Digitalisierung. Sie wenden bewährte Technologien bereitwillig an, investieren aber sehr besonnen.

Die Herausforderung für europäische Häfen und Logistiker besteht darin, ihre vielen isolierten Initiativen zusammenzuführen und eine kritische Masse zu erreichen, um die Supply Chain insgesamt zu optimieren. Darüber hinaus bleibt abzuwarten, ob der IoT-Ansatz tatsächlich revolutionäre Innovationen oder lediglich interessante Nischenprodukte hervorbringt. (von Klaus van Marwyk, Sascha Treppte und Zhanfu Yu)

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Über Tim Meinken 270 Artikel
Digitalisierte Frohnatur, Glücklicher Ehemann und zweifacher Vater. Er arbeitet als Produktmanager Social Media / Online (DVZ und BlueRocket) zudem ist er als Autor in Hamburg tätig. Hier können Sie Kontakt zu mir aufnehmen:

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