Logistik in urbanen Räumen wirtschaftlich und nachhaltig gestalten

Vernetzung findet auf allen Ebenen über Unternehmensgrenzen hinweg statt. Plattformen spielen dabei eine immer wichtigere Rolle. (Foto: iStock)

Die steigenden logistischen Anforderungen in Städten fordern vor allem kleine und mittlere Dienstleister zunehmend heraus. Das Forschungsprojekt „Urban Logistics Facilities“ am Fachgebiet Unternehmensführung und Logistik der TU Darmstadt untersucht mit Hilfe von agentenbasierten Simulationen, wie Logistik- und Transportaktivitäten in urbanen Räumen wirtschaftlich und nachhaltig gestaltet werden können.

In Innenstädten entladen Transportfahrzeuge Lieferungen häufig in zweiter Reihe oder auf Radwegen, teilweise bei laufendem Motor. Mit diesem täglichen und für alle Beteiligten ärgerlichen Szenario könnte es bald vorbei sein, denn die städtische Logistik befindet sich in einer Umbruchphase: Zum einen stellen verkehrsbeschränkende Maßnahmen wie strikte Zufahrtsregelungen und enge Lieferzeitfenster oder knappe Logistikflächen die Transport- und Logistikunternehmen vor beträchtliche operative Herausforderungen.

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Andererseits stehen viele Städte angesichts von Grenzwertüberschreitungen, zu denen der Verkehr mit Stickoxiden und Feinstaub beiträgt, vor der Aufgabe, nachhaltige Konzepte und Rahmenbedingungen für die Zukunft der städtischen Logistik zu entwerfen. Höchste Zeit, Lösungen zu finden, um die Ansprüche der städtischen Bevölkerung, der Politik und Wirtschaft zu vereinbaren.

Konzepte wurden oft aufgegeben

Viele der in den 1990er Jahren unter dem Schlagwort „Citylogistik“ vorgestellten und pilotierten Konzepte zur gemeinschaftlichen Güterbelieferung von Stadtzentren wurden nach anfänglichen Erfolgen aufgrund mangelnder Wirtschaftlichkeit und fehlender Kooperationsbereitschaft aufgegeben. Infolge des steigenden ökonomischen und gesellschaftlichen Drucks, neue nachhaltige Lösungen im städtischen Güterverkehr zu schaffen, lässt sich jedoch seit einigen Jahren europaweit ein wachsendes Interesse an einem Wiederaufleben von urbanen Logistikkonzepten verzeichnen.

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Besonders vielversprechend erscheint es, Logistikaktivitäten unternehmensübergreifend in Form eines stadtnahen Konsolidierungszentrums zu bündeln. Das Grundprinzip eines solchen „Urban Consolidation Centers“ (UCC) besteht darin, die städtischen Gütertransporte zu reduzieren, indem die Sendungen für eine urbane Region in einer stadtnahen Logistikeinrichtung zusammengeführt und auf umweltfreundliche Fahrzeuge mit erhöhten Auslastungsfaktoren umgeladen werden.

Unklar ist derzeit noch, welche wirtschaftlichen Auswirkungen sich durch ein UCC ergeben und unter welchen Voraussetzungen diese auch aus Kostensicht eine attraktive Alternative für Logistikunternehmen zur Ver- und Entsorgung von urbanen Ballungsräumen bedeuten. Denn zunächst einmal entstehen zusätzliche Investitions- und Umschlagskosten. Beispielsweise muss eine stadtnahe Logistikimmobilie angemietet werden, und Lieferfahrzeuge für das UCC müssen angeschafft werden. Zudem fallen beim Umladen der Sendungen im UCC zusätzliche Arbeitsschritte und somit weitere Handling-Kosten an.

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Das Fachgebiet Unternehmensführung und Logistik der TU Darmstadt untersucht als Teil des seit Januar 2017 laufenden Projekts „Urban Logistics Facilities“, welchen Einfluss unterschiedliche Nachfragestrukturen und verkehrsbeschränkende Maßnahmen auf den wirtschaftlichen Nutzen eines UCC haben. Hierzu wird derzeit ein agentenbasiertes Simulationsmodell entwickelt. Mit Hilfe dieser Methode der computergestützten Modellbildung und Simulation soll systematisch erforscht werden, wie sich verschiedene Szenarien auswirken.

Speditionsstandorte modelliert

Im Rahmen eines Fallbeispiels wurden ein fiktives UCC am Stadtrand Frankfurts, 80 zufällige Einzelhandelsstandorte in der Frankfurter Innenstadt sowie 8 reale Speditionsstandorte im Rhein-Main-Gebiet modelliert. Dabei handelt es sich beispielsweise um Standorte von Kontraktlogistikdienstleistern sowie Stückgut- und Luftfrachtspeditionen.

Da in der Simulation Lieferzeitfenster, fahrzeugabhängige Zufahrtsbeschränkungen und eine Citymaut mit variablen Ausprägungen implementiert sind, lassen sich die Transportprozesse mit und ohne UCC-Nutzung szenarienbasiert vergleichen.

Erste Ergebnisse zeigen, dass sich insbesondere Zufahrtsbeschränkungen und enge Zeitfenstervorgaben von weniger als zwei Stunden deutlich auf die Transportprozesse auswirken und dadurch zu erheblichen Mehrkosten für Logistikunternehmen führen können. Besonders bei Touren mit mehreren zusammengefassten, im Rhein-Main-Gebiet verteilten Lieferungen entstehen so durch die kurzen Zeitfenster Ineffizienzen in der Tourenplanung.

Kostenvorteile sind möglich

Gleichzeitig zeigen die Ergebnisse, dass die Entkopplung der urbanen von den nicht städtischen Transporten mittels eines UCC durch die Loslösung von Lieferzeitfenster-Vorgaben und eventuellen Fahrzeugrestriktrionen eine Möglichkeit bietet, Kostensteigerungen zu mildern und sogar Kostenvorteile zu erzielen. Ähnlich verhält es sich bei der Einführung einer Citymaut. Diese wirkt sich jedoch aufgrund der üblicherweise geringen Höhe von weniger als 10 EUR pro Tag und den somit niedrigen Zusatzkosten je Sendung wesentlich schwächer auf die Transportprozesse aus. Als Einzelmaßnahme trägt dies allerdings nur wenig zum Nutzenpotenzial eines UCC bei.

Die bisherigen Ergebnisse der Simulation zeigen, dass UCC nicht nur städtische Güterverkehre nachhaltiger gestalten, sondern auch den steigenden operativen Herausforderungen im urbanen Güterverkehr begegnen.

Damit UCC auch aus operativer und wirtschaftlicher Sicht künftig stärker in den Fokus rücken, gilt es jedoch, im Rahmen von Pilotprojekten ein schlüssiges Gesamtkonzept zu erarbeiten. Dieses muss nicht nur die Interessen aller Akteure im urbanen Raum miteinbeziehen, sondern auch Bedingungen und Wege zum wirtschaftlichen Erfolg aufzeigen. Dazu sind Wettbewerber aus dem Logistikbereich gefordert, intensiv zusammenzuarbeiten.

Um einen hohen Praxisbezug der Forschung zu gewährleisten, können sich interessierte Unternehmen im Rahmen von projektbegleitenden Ausschüssen beteiligen. Diese sichern einen direkten Zugang zu den Forschungsergebnissen.

Das Projekt ist ein Industrielles-Gemeinschaftsforschungs-Vorhaben der Forschungsvereinigung Logistik (Bundesvereinigung Logistik). Es wird über die Arbeitsgemeinschaft industrieller Forschungsvereinigungen (AiF) im Rahmen des Programms zur Förderung der Industriellen Gemeinschaftsforschung (IGF) vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestags gefördert. (von Prof. Ralf Elbert, Christian Friedrich und Jan-Karl Knigge)

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Über Tim Meinken 293 Artikel
Digitalisierte Frohnatur, Glücklicher Ehemann und zweifacher Vater. Er arbeitet als Produktmanager Social Media / Online (DVZ und BlueRocket) zudem ist er als Autor in Hamburg tätig. Hier können Sie Kontakt zu mir aufnehmen:

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