Logistik-Starthilfe für Start-ups

Das Münchner Start-up Magazino fertigt seine Kommissionierroboter in Eigenregie. (Foto: Magazino)
Das Münchner Start-up Magazino fertigt seine Kommissionierroboter in Eigenregie. (Foto: Magazino)

In der Produktionslogistik muss der Münchner Roboterhersteller Magazino fünf Jahre nach der Gründung 2014 immer noch improvisieren. „Wir lagern unsere rund 2500 Komponenten, mit denen wir Kommissionierroboter bauen, in ein paar Regalreihen an unserem Fertigungsstandort in München ein“, sagt Marketingchef Florin Wahl. Weil die Lieferanten mit sehr unterschiedlichen Fristen arbeiten, kann es schon mal eng werden.

Mit weit größeren Problemen hat die Firma Orcan Energy, die Anlagen für das Abwärmerecycling herstellt, zu kämpfen. Das Energietechnikunternehmen aus München überlässt seit seinem Start 2008 Lagerdienstleistungen einem Fertigungspartner, welcher detaillierte Angaben über die benötigten Kapazitäten wünscht. „Bei vielen Fragen müssen wir aus dem Bauch heraus entscheiden“, sagt Jürgen Thurner, langjähriger Logistikberater des Unternehmens.

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Ähnlich ratlos reagieren wohl viele Start-ups. Auch anerkannte Beratungsfirmen tun sich schwer mit überzeugenden Lösungen für diese Zielgruppe. Genau diese Lücke will das Forschungsprojekt namens Startuplog des Lehrstuhls für Fördertechnik Materialfluss Logistik (FML) der TU München (TUM) schließen. In Zusammenarbeit mit den Start-up-Dienstleistern Fraunhofer Venture und Unternehmer TUM sowie sechs jungen Unternehmen, darunter Magazino und Orcan Energy, haben die TUM-Forscher ein Logistikkonzept für Start-ups im verarbeitenden Gewerbe entwickelt. Jetzt hat die Universität einen Forschungsbericht über dieses Projekt veröffentlicht.

Mitwachsende Lösungen sind wichtig

„Gesucht werden mitwachsende Lösungen“, bringt Nicole Hietschold, wissenschaftliche Mitarbeiterin des FML-Lehrstuhls, die Herausforderung auf den Punkt. Wenn ein Produkt im Markt erfolgreich platziert worden ist, muss die Logistik auf die steigende Nachfrage sofort reagieren und die vorhandenen Liefer- und Lagerkonzepte anpassen. Das passiert jedoch kaum. In puncto Logistikkompetenz, Kennzahlentransparenz, Prozessstandardisierung und Lagerplanung haben junge Unternehmen laut Hietschold großen Nachholbedarf. Als Konsequenz müssen sie häufig mit zusätzlichen Kosten oder verzögerten Abläufen zurechtkommen.

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Mit spezifischen Handlungsempfehlungen, welche auf einzelne Gründungsphasen zugeschnitten sind, will Startuplog Alternativen aufzeigen. Von der Produktentwicklung über die Prototypenfertigung und Markteinführung bis zu den ersten Wachstumsjahren durchlaufen Start-ups mehrere Phasen. „In jedem Abschnitt variieren Produktionsdurchlaufzeiten, Stückzahlen, Kundennachfrage und andere Parameter“, sagt Hietschold.

Für die Wissenschaftlerin sind Lager- und Transportlösungen unverzichtbare Bestandteile der Businessplanung. „Angehende Unternehmer können sich hierbei an Start-ups orientieren, die mit vergleichbaren Geschäftskonzepten gestartet sind.“ Wenn die Finanzierung der Geschäftsidee sichergestellt ist, müssen erste strategische Entscheidungen getroffen werden. „Die Gründer sollten jetzt alle Faktoren kennen, welche ihre Logistik beeinflussen können“, sagt Hietschold. Vor allem bei der Frage „Eigenfertigung oder Fremdbezug?“ müssen Nägel mit Köpfen gemacht werden. Wenn feststeht, welche Komponenten selbst hergestellt und welche einzukaufen sind, kann die eigentliche Materialbedarfsplanung starten. Die Gründer müssen Beschaffungsmärkte sondieren, Materialien klassifizieren, geeignete Lieferanten ermitteln und Bestände planen.

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Änderungsmanagement konzipieren

Wenn das Start-up gegründet worden ist, stehen weitere wichtige operative Entscheidungen an. Die Gründer müssen nach der Entscheidung über Produktdesign und Produktionskonzept Lieferanten und Liefermaterialien auswählen sowie Größe und Einrichtung ihres Lagers festlegen. Auch der Partner für die Distribution sollte feststehen. „Wichtig ist auch ein Änderungsmanagement“, fügt Hietschold hinzu. Wenn frisch eingeführte Lösungen sich nicht bewähren, sollten sie möglichst schnell ersetzt werden. Gerade die Gründungsphase zeichnet sich durch große Unsicherheiten aus. Bei ausbleibenden Umsätzen müssen die vorhandenen Prozesse und Produktdesigns zeitnah hinterfragt werden.

Vor völlig anderen Aufgaben stehen die Jungunternehmer in der anschließenden Expansionsphase: Die ersten Produkte sind verkauft, der Vertrieb baut seine Aktivitäten aus und die Gründer überlassen operative Prozesse zunehmend der zweiten Ebene. In der Logistik fallen Nachbesserungen etwa bei der Abwicklung von Kundenaufträgen und beim Versand von Produkten an. „Die Prozesse müssen auf Wachstum ausgerichtet werden“, empfiehlt Hietschold. Konzepte für neue Produkte, der Aufbau einer Ersatzteillogistik sowie die Entsorgung von Altprodukten stehen auf der Tagesordnung.

Parallel zum Projekt Startuplog hat die TUM eine App entwickelt, die Start-ups bei der Logistikplanung unterstützt. Außerdem will die Hochschule Leitfäden und Schulungskonzepte für angehende Unternehmer veröffentlichen, welche kurz vor dem Markteintritt stehen. (Steffan Bottler)

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