Logistik verpennt den Wandel

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Foto: Istock

Selbstfahrende LKW, die ohne Fahrer vom Lager zum Zielort fahren, oder Drohnen, die Bestellungen durch die Luft bis in den Vorgarten zum Kunden bringen – so wird häufig das Bild der Zukunft der Logistik gezeichnet. Mancher, der sich von Berufs wegen mit Logistikprozessen beschäftigt, mag da den Kopf schütteln. Aber wenn uns die Digitalisierung in den vergangenen Jahren etwas gelehrt hat, dann dass Veränderungen schneller kommen und umfassender sind, als die meisten Experten vorher angenommen haben. Wer hätte etwa vor einigen Jahren gedacht, dass einer der größten Bettenvermieter weltweit selbst über kein einziges Hotel verfügt oder einer der größten Einzelhändler nicht ein einziges Lager betreibt? AirBnB und Alibaba sind nur zwei Beispiele für diese Entwicklung.

Droht die Logistik in Deutschland diese Entwicklung zu verschlafen? Wenn dem so wäre, dann hätte das gravierende Auswirkungen – weit über die Logistikunternehmen hin­aus. Denn die Logistik ist eine Querschnittsbranche. Während sich die industrielle Produktion und der Handel der Nachfrage der Konsumenten anpassen, trägt die Logistik als Dienstleister auch mit eigenen Innovationen zum wirtschaftlichen Erfolg der Geschäftspartner bei und sichert so die internationale Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft.

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Es fehlt immer noch an digitales Know-how

Fragt man Unternehmen, die Logistik einsetzen, ist sich die große Mehrheit sicher, dass bereits in zehn Jahren die Logistik durch die Digitalisierung grundlegend verändert sein wird. Drei Viertel erwarten, dass Datenbrillen weit verbreitet sein werden und die Beschäftigten in der Logistik unterstützen, etwa mit eingeblendeten Zusatzinformationen. Zwei Drittel glauben, dass selbstlernende Systeme viele Aufgaben in der Logistik übernehmen werden, etwa die Planung der besten Route oder das automatisierte Auslösen von Bestellvorgängen. Jeweils sechs von zehn rechnen damit, dass autonome Drohnen die Inventur des Lagerbestands durchführen und dass Waren mit autonomen Fahrzeugen transportiert werden. Vier von zehn sind sogar der Meinung, dass Drohnen und Lieferroboter die Produkte bis zum Kunden bringen.

Wissen und Tun sind allerdings zwei verschiedene Dinge. Denn drei Viertel der Logistiker sehen zugleich die Digitalisierung als große Herausforderung. Nur hohe Treibstoff- und Energiepreise werden häufiger genannt. Spannend ist hier die Erkenntnis, dass die Unternehmen vor allem in der Digitalisierung als solche eine Herausforderung sehen, nicht in den Kosten der Digitalisierung – diese werden nur von 15 Prozent der Unternehmen genannt. Das heißt: Den Unternehmen fehlen nicht die finanziellen Mittel, sondern es fehlt ihnen ganz offensichtlich das Know-how, um die digitale Transformation aktiv gestalten zu können.

Um das zu ändern, gibt es kein Patentrezept, aber ein paar einfache Tipps helfen, damit es mit der Digitalisierung der Logistik klappt. Als erstes muss die Digitalisierung im Unternehmen zur Chefsache gemacht werden. Digitalisierung kann man nicht delegieren – ganz egal wie groß das Unternehmen ist. Gleichzeitig bedeutet das aber nicht, dass der Chef allein es schon richten wird. Ganz im Gegenteil. Digitalisierung muss Teamarbeit sein, und deshalb sollte im zweiten Schritt ein Digitalisierungsteam aufgestellt werden, das eine umfassende Digitalstrategie erarbeitet. Die Mitglieder des Teams sollten nicht nach ihrer Position im Betrieb ausgesucht werden, sondern nach ihrem Know-how bei diesem sehr speziellen Thema – gerade junge Mitarbeiter können hier wichtige Impulse geben.Für die Digitalstrategie gilt es, die richtigen Fragen zu stellen. Wie verändert sich der Markt durch die Digitalisierung? Was bedeutet das für mein Geschäftsmodell? Welche Prozesse im Unternehmen sind noch nicht automatisiert und digitalisiert? Nicht alles lässt sich gleichzeitig umsetzen, es gilt auszuwählen und Prioritäten zu setzen.

Endkunden entscheiden beim Wandel

Logistiker fokussieren sich derzeit noch viel zu sehr auf ihren direkten Kunden – also den Verlader. Tatsächlich sollten sie aber eher die Bedürfnisse des Endkunden im Blick haben. Denn die Digitalisierung bringt auch die Plattform-Ökonomie mit sich. Dem Kunden ist es letztendlich egal, von welchem Händler oder Logistiker er seine Ware erhält. Große Namen spielen eine geringe Rolle für ihn, er orientiert sich an Service, Qualität, Preis, Geschwindigkeit, Flexibilität. Der Kunde kauft und erwartet bereits heute einen Lieferservice, der sich an seinen Bedürfnissen orientiert. In der Folge werden etwa Güter- und Personentransport immer weiter zusammenwachsen oder mobile 3-D-Druckfarmen entstehen.

Wer den Kunden in den Mittelpunkt stellt, der muss ihn auch kennen. Ein wichtiger Bestandteil digitaler Geschäftsmodelle sind Daten. Wer Daten erhebt und analysiert, der stößt häufig auf völlig neue Erkenntnisse – das ist der Grund, warum erfolgreiche Unternehmen auf Big Data und Datenanalysen setzen. Wer Daten erhebt und analysiert, der kann seinen Kunden aber auch ein Angebot machen, das am besten zu ihnen passt. Er kann Verkehrswege optimal planen, weil er schon im Voraus weiß, auf welchen Strecken die Gefahr von Verkehrsbehinderungen am größten ist. Und er kann sogar vorhersehen, ob und wo es zu Lieferengpässen kommt.

Mutig Dinge einfach ausprobieren

An dieser Stelle geht es auch um den Einsatz der neuesten Technologien. Aktuell zeigt sich, dass die Logistikbranche zwar bereits sehr digital ist, wenn man auf eher einfache Anwendungen wie Warehouse-Management-Systeme oder Tracking blickt. Innovativere Technologien wie 3-D-Druck, Internet der Dinge, Blockchain oder selbstlernende Systeme, die Künstliche Intelligenz nutzen, werden dagegen kaum eingesetzt und nicht einmal in den Unternehmen diskutiert. Logistiker, die hier vorangehen und mutig Dinge auch einfach einmal ausprobieren, können sich damit einen Wettbewerbsvorteil verschaffen. Dabei kann es helfen, Kooperationen für solche Projekte zu suchen – etwa mit Start-ups oder innovativen Mittelständlern. Mit den Digital Hub Logistics in Hamburg und Dortmund werden im Rahmen der bundesweiten de:hub-Initiative des Bundeswirtschaftsministeriums zwei Orte geschaffen, die genau einen solchen Austausch voranbringen können.

Angesichts voller Auftragsbücher bei vielen Logistikunternehmen liegt es nahe, sich eher am Rande mit der Digitalisierung zu beschäftigen. Doch das wäre das Falscheste, was man jetzt tun kann. Wenn die Geschäfte gut laufen, dann sind die Ressourcen vorhanden, um heute den richtigen Weg einzuschlagen und die erste Schritte zu gehen. Denn die Digitalisierung wird in der Logistik nicht nur zu einer Optimierung von Geschäftsprozessen führen. Der Logistik steht eine echte Revolution bevor. Wer sich dabei an die Spitze setzt, kann auch die Richtung mitbestimmen – und muss keine Angst vor einem bösen Erwachen haben. (Julia Miosga)

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Über Tim Meinken 243 Artikel
Digitalisierte Frohnatur, Glücklicher Ehemann und zweifacher Vater. Er arbeitet als Produktmanager Social Media / Online (DVZ und BlueRocket) zudem ist er als Autor in Hamburg tätig. Hier können Sie Kontakt zu mir aufnehmen:

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