Logistiker fit machen für den digitalen Wandel

Blue Rocket Congress Hamburg

In der Logistik wird die Digitalisierung die Arbeitswelt grundlegend verändern, und das bereits in recht naher Zukunft. Zwar werden auch in einem Jahrzehnt noch Lager, Fahrzeuge und Container gebraucht. Doch entscheidend für den wirtschaftlichen Erfolg eines kleinen oder mittelständischen Unternehmens werden dann eher die „digitalen Avatare“ sein, intelligente Programme, die in der Unternehmenssteuerung bis hin zum klassischen Kundenkontakt die meisten heute manuell erledigten Aufgaben übernehmen. Davon ist Logistikfachmann Prof. Uwe Arnold vom Beratungsunternehmen AHP überzeugt.

Der Experte ist auch Vorstandsmitglied des Logistik Netzwerks Thüringen. Beratung und Dienstleistungen rund um die Digitalisierung werden inzwischen in mehreren Bundesländern wie Sachsen und Thüringen mit staatlichen Förderprogrammen unterstützt. Damit ließe sich die Hemmschwelle, die sich bei kleineren Betrieben noch immer als relativ hoch erweist, herabsetzen.

Anzeige

Logistiker leiden unter fehlender Qualifikation

Das Problem besteht laut Arnold nicht allein in den Kosten für neue digitale Systeme, sondern eher in der benötigten Qualifikation für die Beurteilung und Implementierung von Vernetzungsoptionen und digitalen Services. Zum einen ist der Arbeitsmarkt für IT-Spezialisten in der Logistik ohnehin angespannt, zum anderen werden einfache Tätigkeiten wegrationalisiert.

IT-Kompetenz lässt sich zwar bei entsprechenden Dienstleistern einkaufen, ergänzend müssen Arnold zufolge aber eigene Mitarbeiter qualifiziert werden – auch wenn das viel Geld kostet. Denn künftig ist kaum zu erwarten, dass sich am Arbeitsmarkt leicht hochqualifizierte IT-Planer finden, die sich abseits von eingefahrenen Karrierewegen binden lassen – sofern nicht ein großer Name, beste Entwicklungsmöglichkeiten und ein attraktives Lebensumfeld geboten werden können.

Zwar hat der Ingenieursverband VDI auf der Hannover Messe eine Studie vorgestellt, wonach mit der Digitalisierung in der Industrie in den nächsten Jahren in Deutschland mindestens 500.000 neue Stellen entstehen werden, doch lassen sich diese vermutlich kaum ohne erhebliche Zusatzausbildung durch Staplerfahrer und Kommissionierer besetzen.

War of Talents trifft Logistik hart

Wer die Vernetzung von Maschinen in einem Unternehmen organisieren soll, muss in der Regel mindestens einen Fachschulabschluss haben. Dass solche Leute immer knapper werden, bestätigt auch Prof. Bogdan Franczyk, der an der Universität Leipzig Wirtschaftsinformatiker für die Logistik ausbildet. „Selbst in Ostdeutschland gibt es keine Probleme mehr für junge Leute, gut bezahlte Jobs zu finden. Sie können sich aussuchen, wohin sie gehen möchten.“ Selbst die Universität ziehe inzwischen fast immer den Kürzeren, wenn es um Doktorandenstellen geht. „Die werden hier schon während der letzten Semester umworben und sind schnell weg“, sagt der Wissenschaftler.

Doch auch für die bisherigen Arbeitskräfte erwartet Berater Arnold aufgrund der zahlreichen Studien einen enormen Strukturwandel. Bereits vor Jahren kamen die Oxford-Wissenschaftler Carl Benedikt Frey und Michael Osborne zu dem Ergebnis, dass die Roboterisierung den Einsatz von Menschen in automatisierungsfähigen Bereichen infrage stellt, wovon mindestens 18,9 Mio. Arbeitsplätze in Deutschland betroffen sind.

Der Umsatz von Robotik und Automation in Deutschland wird laut aktueller Prognose des Maschinenbauverbands VDMA 2017 um 7 Prozent wachsen. Damit setzt sich ein Höhenflug fort, der nach der Wirtschaftskrise das siebte Jahr in Folge anhält. Der Branchenumsatz hat sich seither mehr als verdoppelt.
Die neuen Jobs, die mit der Umstellung entstehen, bedeuten zwar, dass kein großes Heer an Arbeitslosen entsteht, doch rechnet Arnold mit völlig anderen, sehr anspruchsvollen Berufsbildern – die sich mit dem bisherigen Personal ohne Anpassungs- und Zusatzqualifikation nur zum Teil besetzen lassen.

Über die DVZ Redaktion 153 Artikel
Internationale Fachzeitung für Logistik und Transport, Verkehrspolitik und -wirtschaft, Spedition, Lagerei, Umschlag, Industrie und Handel.

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar verfassen