Mehr 3D-Druck führt zu weniger Handel

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Mit der Belebung der Überseeverkehre könnte es bald wieder vorbei sein, und zwar ein für alle Mal. Zusätzlich zur verstärkten Regionalisierung der Wirtschaft tritt mit der Verbreitung des 3D-Drucks ein weiterer Faktor in den Vordergrund, der sich einschneidend auf den Welthandel auswirken wird. Konkret droht die Zuwachsrate des Handels in den kommenden Jahrzehnten deutlich hinter die des Weltsozialprodukts zurückzufallen. Ein solches Szenario – gespickt mit relativ detaillierten Kennzahlen – prophezeit die niederländische ING Bank in ihrer aktuellen Studie „3D printing: a threat to global trade“.

Dass die Verbreitung der neuen Technologie möglicherweise gravierende Auswirkungen auf Handel und Verkehr haben wird, weil Waren verstärkt in direkter Nähe der Verbraucher gedruckt und nicht mehr über lange Distanzen importiert werden müssen, liegt auf der Hand. Die ING Bank geht nun so weit, konkrete Szenarien für die Ausbreitung des 3D-Drucks und die sich daraus ergebenden Handelsausfälle durchzurechnen. Auch wenn die Einbußen nicht bis auf Tonnen oder Standard-Container (Teu) heruntergebrochen werden, bietet die Studie spannende – wie auch leider beunruhigende – Lektüre für Manager in Spedition und Schifffahrt, die sich mit Strategien für die Zukunft beschäftigen müssen.

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Die Volkswirte der ING gehen davon aus, dass der Anteil des 3D-Drucks in der industriellen Fertigung langfristig auf 50 Prozent anwächst. Die Frage ist nur, wie schnell dieses Niveau erreicht wird? Im durchgerechneten Szenario 1 dauert der Prozess bis 2060, im Szenario 2 schreitet die Einführung der Technologie schon bis 2040 so weit voran.

In jedem Fall drohen deutlich messbare Einbußen beim Welthandel – vor allem im grenzüberschreitenden Warenverkehr, aber auch im Dienstleistungssektor, der durch Finanzierung und Versicherung den physischen Güteraustausch erst ermöglicht. Im Falle einer beschleunigten Einführung der Technologie drohe sich der Welthandel-BIP-Multiplikator – also der Faktor, um den der Welthandel schneller wächst als das Weltsozialprodukt – quasi in sein Gegenteil zu verkehren: von 1,2 auf 0,7. Das würde bedeuten, dass der Handel künftig erheblich langsamer wächst als das globale BIP – ein Phänomen, das über Jahrzehnte als undenkbar galt, zumal in den Jahren der rasanten Globalisierung von Anfang der 90er bis Anfang/Mitte der 2000er Jahre.

Nur noch 2 Prozent Wachstum pro Jahr

Auf Basis der gängigen langfristigen Wachstumsannahmen wäre dann nur noch mit einer Zunahme des Welthandels von durchschnittlich rund 2 Prozent pro Jahr zu rechnen. Zum Vergleich: Derzeit expandiert der weltweite Handel um rund 4 Prozent pro Jahr. Für die Verkehrswirtschaft ist das jedoch nur ein schwacher Trost, da die ING-Studie ab Mitte der 30er Jahre sogar eine Schrumpfung des Welthandelsvolumens für möglich hält. Das allgemeine Wirtschafts- und Handelswachstum wäre dann nicht mehr ausreichend, um die Verdrängung „konventioneller“ Export- und Importwaren durch den 3D-Druck zu kompensieren.

Für die durch starken Wettbewerb geprägten Seefracht- und Luftfrachtsektoren wären schrumpfende Märkte ein Horrorszenario. Langfristige Wachstumsprognosen von Beratungs- und Marktforschungsfirmen für den Containerverkehr liegen im mittleren bis unteren einstelligen Prozentbereich, sie reichen in der Regel aber auch nur fünf bis zehn Jahre in die Zukunft.

Schon heute Investitionen anpassen

Sollten ab den 2030er Jahren tatsächlich Volumenrückgänge drohen, müssten Linienreedereien dies bereits heute bei Investitionen berücksichtigen, gibt die niederländische Marktforschungsfirma Dynamar zu Bedenken. Schließlich seien Handelsschiffe für eine Lebensdauer von rund 25 Jahren ausgelegt. Die von einigen Großreedern gerade platzierten Milliardenaufträge für Serien von ultragroßen Schiffen von über 18.000 Teu seien im Lichte der ING-Studie durchaus zu hinterfragen.

Um den mutmaßlich epochalen Effekt des 3D-Drucks auf Wirtschaft und Handel zu verdeutlichen, gleichen die ING-Experten ihre Erwartungen mit einem Basisszenario ab, in dem alles beim Alten bliebe und konventionelle Verarbeitungsprozesse die Oberhand behielten. Ergebnis: Der 3D-Druck kann bis 2040 bis zu 38 Prozent des Wachstumspotenzials für den Welthandel zunichtemachen. Dabei lässt sich laut Studie bereits ablesen, welche Produktsegmente und Verkehrsrelationen die größten Einbußen zu verzeichnen haben werden. So preschen vor allem der Industriemaschinenbau, die Automobilbranche und die Luft- und Raumfahrtindustrie mit hohen Investitionen in den 3D-Druck voran. Ausgehend von den heutigen Handels- und Lieferstrukturen im Automotive-Sektor sei deshalb zu erwarten, dass Deutschlands Ausfuhren „am stärksten leiden“ werden, prophezeit die ING Bank. Immerhin sei Deutschland an fünf der zehn größten bilateralen Warenströme im Automotive-Sektor beteiligt. Auch Automotive-Verkehre aus Japan und Mexiko heraus dürften angesichts der starken Lieferantenrolle beider Länder erheblich betroffen sein – vor allem Richtung USA.

Im Segment der Industriemaschinen, warnt die Studie, würden die größten Volumina wahrscheinlich auf der Strecke von China in die USA verloren gehen. Mit über 70 Mrd. USD ist das der größte bestehende „Trade“ in dem Produktbereich.

Während die Verkehrs- und Außenhandelswirtschaft klar zu den Verlierern der 3D-Druck-Technologie gehört, dürfte die US-Volkswirtschaft profitieren. Sie bekäme durch eine Rückverlagerung der Produktion auf Basis des 3D-Drucks die Chance, sich von ihrem riesigen Handelsbilanzdefizit zu befreien, heißt es. (Michael Hollmann)

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