Moderne Schiffsinspektionen basieren auf Big Data 3D-Modellen und Drohnen

(Foto: DNV)
Blue Rocket Congress Hamburg

Ursprünglich war der Helm mal weiß, jetzt ist er rostbraun beschmiert. Auch die obendrauf montierte Kamera hat Dreckspritzer und Kratzer. Die Begeisterung von Knut Ørbeck-Nilssen, dem maritimen Geschäftsführer und Vorstandsmitglied bei dem Schiffsklassifizierer DNV GL in Hamburg, bremst das nicht. Der Norweger zeigt Journalisten noch mehr Fotos von Mitarbeitern in schmutzigen Overalls, die sich bei Schiffsinspektionen mit Helm und Rucksack durch rostig-ölige Schiffsrümpfe zwängen. „Gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten tragen neue Technologien dazu bei, die Industrie zu stärken“, sagt Ørbeck-Nilssen.

Bei Prüfverfahren arbeitet DNV GL mit dem intelligenten Innenraum-Inspektionssystem Iris. Damit lassen sich Fotos automatisch in ein Schiffsmodell einbinden und sich so der Zustand des Schiffsrumpfs akkurat und effizient erfassen: Mit Hilfe des Kamerasystems ist die genaue Position des Inspekteurs im Schiffsmodell nachverfolgbar und später um Messpunkte erweiterbar. Auch die positionsbasierte Suche nach früheren Befunden ist möglich, ebenso für Schwesterschiffe.

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Die Arbeit der Inspektoren wird so zunehmend digitalisiert. Aber auch an anderer Stelle testet der Schiffsklassifizierer den weitergehenden Einsatz neuer Technologien. Ende vorigen Jahres war das Unternehmen in der Remontowa-Werft im polnischen Danzig an ersten Drohnentests zur Schiffsuntersuchung beteiligt. Dabei wurden Ladetanks für Öl und Chemikalien sowie Laderäume von Massengutfrachtern erfolgreich überprüft. Das Verfahren ist Ørbeck-Nilssen zufolge schneller, als wenn sich ein Mitarbeiter für den Check persönlich an Bord begibt. Heißt: weniger Kosten, mehr Sicherheit.

Im nächsten Schritt soll eine Drohne nach genauen Spezifikationen von DNV GL gebaut werden. Künftig könnten Drohnen in explosiven oder giftigen Umgebungen eingesetzt werden, die für die Schiffsinspekteure gefährlich sind.

Doch nicht nur Schiffsklassifizierer nutzen hochmoderne digitale und technische Entwicklungen, auch Reedereien. DNV GL stellt in dem Anfang Mai in Hamburg vorgelegten Technology Outlook 2025 das vernetzte Schiff und weitere Zukunftstechnologien vor. Im Fünf-Jahres-Rhythmus publiziert das Unternehmen einen aktuellen Überblick.

„Alle ein bis anderthalb Jahre verdoppelt sich die Datenmenge“, kommentiert Albrecht Grell, Leiter für digitale Lösungen und Innovationen der maritimen Sparte von DNV GL, die Digitalisierung der Seeschifffahrt. Täglich falle auf einem einzigen Containerschiff ein Datenvolumen von 20 GB an.
2025 sind fast alle Schiffe vernetzt

Bis zum Jahr 2025 werde sich die maritime Anschlussfähigkeit verfünffachen, berichtet Grell aus der Technologie-Prognose. Demnach sind die meisten Schiffe, Systeme und Komponenten künftig mit dem Internet verbunden und so von fast überall auf der Welt erreichbar. Sowohl die Crew als auch das Flottenmanagement an Land kann diese Daten dann nutzen.

Zugleich lassen sich Datenströme von unterschiedlichen Quellen kombinieren. Dadurch werden in der Seeschifffahrt Entscheidungen schneller, der Betrieb effizienter und die Organisationen bedarfsgesteuerter. Flottenauslastung, Routing, Trimm, Kraftstoffverbrauch und Emissionsmanagement lassen sich verbessern.

In Zukunft gewinnen auch sogenannte digitale Zwillinge an Bedeutung. Dabei handelt es sich um eine digitale Kopie eines echten Schiffs inklusive aller Systeme. Der Zwilling kann die Leistung und kritischen Zustände beinahe in Echtzeit evaluieren und Korrekturmaßnahmen vorschlagen.

Detaillierte virtuelle Modelle werden so im Laufe der Zeit kontinuierlich mit an Bord gesammelten Informationen gespeist. Das soll die Entwicklung von Big Data und Analytikplattformen beschleunigen. Die Digitalisierung der Informationsströme werde Sicherheit und Umweltverträglichkeit positiv beeinflussen, erwarten die Experten.

Das klingt vergleichsweise nüchtern. Weitaus spektakulärer sind autonome Schiffssysteme, die fahrerlos funktionieren. „Wir glauben, dass es ab 2025 erste Einsätze geben wird“, sagt Grell zu dem auch in den Medien gern berichteten Thema „Autonome Schifffahrt“. Noch stehen den Versuchen aber regulative Hürden entgegen. Zunächst würde ein fahrerloses Schiff zwischen zwei Standorten hin- und zurückfahren, kann sich der Manager vorstellen. Infrage käme eine Kurzstrecke.

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