Online-Forwarding statt Spedition?

Die klassische See- und Luftfrachtspedition sieht sich weitreichenden Herausforderungen durch neue Online-Plattformen und disruptive, digitale Geschäftsmodelle gegenüber. Zu diesem Ergebnis kommen die Marktexperten von Drewry in einer aktuellen Analyse. Allerdings, so die Autoren, biete die neue Speditionswelt auch für traditionelle Akteure weiterhin Chancen.

Ins Zentrum der Betrachtung stellt Drewry die Frage, ob die herkömmlichen Spediteure sich darauf einstellen müssen, durch Frachtäquivalente zu Reiseplattformen wie Expedia oder Booking.com an den Rand gedrängt zu werden. Eine abschließende Antwort darauf liefert der Bericht nicht, allerdings werden diverse Faktoren genannt, die eine stärkere Digitalisierung der Prozesse fördern.

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Da ist zum einen die stärkere Verbreitung von grenzüberschreitendem E-Commerce. Zweitens sind vor allem jüngere Kunden mittlerweile stark daran gewöhnt, Dinge online oder sogar mobil zu erledigen. Drittens wird es den Experten zufolge für die Spediteure in einem fragmentierten Markt immer schwieriger, ihre Erlöse zu steigern. Gerade im Spotgeschäft und im Umgang mit kleinen und mittelgroßen Verladern werde es daher immer wichtiger, die Kosten durch Automatisierung und eine onlinebasierte Kundenansprache im Rahmen zu halten.

Einen weiteren Aspekt, der für eine stärkere Digitalisierung des Speditionsgeschäfts spricht und der Start-ups in die Karten spielt, zeigt eine aktuelle Analyse von DHL Supply Chain. Demnach möchten 70 Prozent der Verlader Prozesse standardisieren. Gleichzeitig erwarten sie Drewry zufolge aber auch eine immer schnellere Reaktion ihrer Speditionspartner bei kürzeren Vertragslaufzeiten.

Diese Faktoren haben der Analyse zufolge dazu geführt, dass sich eine ganze Gruppe digital geprägter Akteure etabliert hat. Drewry zählt fünf Kategorien auf: Online-Verkaufsplattformen wie Fleet oder Freightos, cloudbasierte Speditionen wie Flexport oder Kontainers, Raten- und Datenanbieter wie Cargosphere und Xeneta, Transportmanagementanbieter wie Centrolene oder Kewill oder auch technologiegetriebene Speditionsnetze wie Win oder Buyco.

Ist das also das Ende der klassischen Speditionen? Wohl nicht. Denn auch die klassischen Akteure digitalisieren ihre Prozesse und Produkte. Drewry nennt hier beispielgebend Lösungen wie KN Freightnet von Kühne + Nagel oder auch die E-Commerce-Plattformen von DHL oder Panalpina.

Dabei ist der grenzüberschreitende E-Commerce nicht nur ein Wachstumsturbo für die genannten Konzerne. Auch der speditionelle Mittelstand sucht hier zunehmend sein Glück. So hat das weltweite Speditionsnetz WCA gerade erst den Start eines speziellen E-Commerce-Logistiknetzes bekanntgegeben. Hintergrund für die Initiative sei die Prognose, dass bis 2020 rund ein Fünftel des internationalen Speditionsgeschäfts durch den E-Commerce getrieben sein soll, so WCA-Gründer David Yokeum.

Keineswegs ihre Daseinsberechtigung verloren haben analoge Speditionen auch aus Sicht des langjährigen Kühne+Nagel-Managers und heutigen Unternehmensberaters Hans J. Willam. Es könne schon sein, dass einige kleine und mittelgroße Unternehmen verstärkt auf Plattformen setzen, insbesondere wenn sie nur von Zeit zu Zeit eine Sendung hätten, so der geschäftsführende WCL-Gesellschafter. Viele Im- und Exportfirmen würden aber auch weiterhin einen verlässlichen Partner favorisieren, der zur Stelle sei, wenn es einmal brenne.

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