Pickwings will Stückgutmarkt aufmischen

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Das Schweizer Start-up Pickwings versucht mit einem Onlineportal den heimischen Stückgutmarkt aufzumischen. Hinter dem Unternehmen aus Baar steckt Marc Bolliger, langjährige Führungskraft bei der Spedition Planzer, der gemeinsam mit den beiden IT-Experten David Peyer und Thomas Federer das Unternehmen vor einigen Monaten an den Start brachte. „Unser Ziel war eine digitale Transportlösung, die sich an den Wünschen der Verladeindustrie orientiert“, erläutert Bolliger.

In der Speditionsbranche dominieren immer noch Telefon, Fax und Papier. Bolliger hält dies für ineffizient und überholt: „Wir wollen die Digitalisierung ins Transportbusiness bringen.“ Zumindest in der Schweiz hält er dies für einen überfälligen Schritt: „Unsere Unternehmen befinden sich meist noch im digitalen Mittelalter – das gilt selbst für die größeren Speditionen.“

Über Pickwings können Versender und Transportunternehmen Aufträge vollständig digital verwalten und papierlos abwickeln. Die Plattform ermöglicht es, die Fahrzeugflotte von Frachtführern in Echtzeit abzubilden und zugleich Sendungsvolumen von gewerblichen Verladern oder privaten Versendern elektronisch anzubieten.

Das Ziel der Unternehmensgründer ist ehrgeizig: Derzeit wird der Stückgutmarkt in der Schweiz von den Platzhirschen Galliker, Planzer oder Camion Transport beherrscht. Der etwa in Deutschland durch den hohen Wettbewerbsdruck vorhandene Preiskampf ist in der Alpenidylle noch nicht angekommen.

Inspiration aus den USA

Inspiration und Know-how holte sich Bolliger während eines längeren Aufenthalts im Silicon Valley. Dort setzte er sich an der Stanford University mit US-amerikanischen Start-ups im Transportbereich auseinander. Die Eindrücke aus den USA sind gemeinsam mit seiner mehr als 20-jährigen Berufserfahrung als Manager in der Transportbranche in die Entwicklung der Plattform Pickwings eingeflossen.

„Wir wollen nicht Uber Freight für die Schweiz sein, sondern die heimischen Transportunternehmer teilhaben lassen und nicht verdrängen“, erläutert Bolliger. Insbesondere kleine und mittelständische Frachtführer konnte der 41-jährige Schweizer mit seinem Team bislang von der Idee überzeugen.

Wenige Wochen nach dem offiziellen Start im vergangenen Februar kann Pickwings bereits auf ein Netz von rund 50 mittelständischen Schweizer Unternehmen mit mehr als 1.000 Fahrzeugen zurückgreifen. Unter anderem Emil Egger, Lagerhäuser Aarau oder Schöni Transport haben ihre Flotten bei Pickwings registriert und rüsten die Fahrer mit der Pickwings-App aus.

„Für die Schweiz haben wir damit bereits eine weitgehende Netzabdeckung erreicht. Wir möchten jedoch bis Jahresende unsere Plattform mit weiteren Transportpartnern verstärken“, berichtet Bolliger.

Geduld ist eine Tugend

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Rund 18 Monate hat das Gründerteam an der Web- und App-basierten Lösung getüftelt. Bereits letzten Sommer führte Pickwings erste Betatests durch. „Wir haben mit dem Start gewartet, bis eine erste Vollversion präsentabel war“, sagt der Unternehmensgründer.

Über die Onlineplattform können sowohl Privatpersonen als auch gewerbliche Kunden Sendungen ab 31,5 kg Gewicht als Stückgut, Teil- oder Komplettladungen direkt an Transportunternehmen vergeben. Das Versprechen: Pickwings hilft Versendern, mit ein paar Klicks das passende Transportunternehmen zu finden und umgekehrt Transportunternehmen, ihre Kapazitäten optimal auszulasten. „Mit unserer komplett selbst entwickelten Technologie haben wir einen digitalen Layer über die aktuellen Transportprozesse gebaut und überführen so die altgediente, traditionelle Vorgehensweise in das Zeitalter der Digitalisierung“, sagt Bolliger.

Grundsätzlich werden die in der Plattform verfügbaren Transportpartner überprüft, bevor sie freigeschaltet werden. „So stellen wir sicher, dass nur qualifizierte und gewerbliche Transportunternehmen die Aufträge unserer Kunden ausführen“, ergänzt Bolliger. Die Disponenten der Transportpartner sehen neue Aufträge in Echtzeit in einem webbasierten Dashboard. Mit einem Klick können sie entscheiden, ob sie die Sendung annehmen oder ablehnen möchten. Alle Aufträge werden dabei nach dem Windhund-Prinzip vergeben.

Flexible Preise locken

Nachdem ein Versender Transport­aufträge bei Pickwings erteilt hat, bekommt er sofort einen Preisvorschlag für die Sendung. Für gewerbliche Versender bietet Pickwings zwei weitere Möglichkeiten:

  • Mit dem Preismodell Flex können Vielversender Transporte nach ihrer gewünschten Preisstruktur auf der Plattform veröffentlichen.
  • Beim Modell Pro können Großverlader sogar feste Tarife im System vorgeben.

Außerdem hat Pickwings ein umgekehrtes Bieterverfahren für Aufträge entwickelt, das für diese Auftraggeber besonders günstige Preise ermittelt. Laut Bolliger ein Novum auf dem Markt: „Wir heben uns hinsichtlich Preisgestaltung wesentlich von den traditionellen Frachtenbörsen ab, da unsere Lösung der Verladeindustrie mehr Flexibilität in der Vergabe ihrer Transportaufträge gibt.“

Darüber hinaus sind im elektronischen Auftragsbuch der Versender das Paletten- und Schadenmanagement in Echtzeit mit Hilfe der Fahrer-App integriert. „Aus meiner aktiven Zeit als Arbeitnehmer in der Transportbranche weiß ich, wie wichtig diese beiden Themen sowohl für Verlader als auch Transportunternehmer sind“, begründet Bollinger.

Die Pickwings Fahrer-App – verfügbar für Google Android und Apple IOS – ist für Transportpartner kostenfrei verfügbar. Der Zugang zu der App wird durch das Pickwings-Team freigeschaltet, wenn der Transportpartner den Prüfungskriterien entspricht. Die App dient den Fahrern als Werkzeug für die Dokumentation aller sendungsrelevanten Daten sowie für die Empfangsbestätigung der Kunden.

Derzeit wächst das Sendungsvolumen pro Woche im zweistelligen Prozentbereich. „Unser Pricing ist flexibel und variiert je nach vorhandenen Kapazitäten – während im Schweizer Stückgutalltag Fixpreise üblich sind“, sagt Bolliger. Nach seinen Angaben liegen die Frachtraten im Bereich der Flex und Pro-Modelle deshalb derzeit um 10 bis 20 Prozent unter dem aktuellen Marktgefüge. Apropos Kosten: Finanziert wird Pickwings über eine Marge auf den jeweils spezifisch abgewickelten Transportaufträgen.

Kein fremder Finanzier bei Pickwings an Bord

Hinter Pickwings steckt kein weiterer Finanzier. Die drei Gründer haben ihr eigenes Geld ins Unternehmen gesteckt. Bolliger und sein Team wollen zunächst die Plattform in der Schweiz etablieren und Marktanteile mit strategischen Kunden gewinnen. Er ist aber überzeugt, dass die Technologie auch in anderen Märkten eingesetzt werden kann: „Wir haben durchaus die europäischen Nachbarmärkte mit den jeweiligen Start-ups im Blick, insbesondere Deutschland und Österreich.“

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Über Sebastian Bollig 6 Artikel

Fachredakteur und Leiter Digital der DVZ

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