Prof. ten Hompel: „Die Technik lässt die Nutzer hinter sich“

Digitalisierung Logistik Druck Angst digital
Zwischen Druck und Angst

Angesichts der rasanten technischen Entwicklung in der Logistik zeichnet sich ein echtes Dilemma ab: Die Nutzer kommen nicht mehr hinterher, die Möglichkeiten der Technik voll auszuschöpfen. Diese provokante These stellte Prof. Michael ten Hompel, Chef des renommierten Fraunhofer Instituts für Materialfluss und Logistik (IML) am ersten Tag der diesjährigen Hannover Messe/Cemat auf.

Der Logistikwissenschaftler reagierte damit auf die ihm immer wieder von Industrievertretern gestellte Frage, ob das Thema Industrie 4.0 nicht nach rund sieben Jahren „durch“ wäre – und belegte dies mit zwei Beispielen aus der Praxis: So hat das IML zusammen mit T-Systems für den Epal-Palettenpool einen Low-Cost-Tracker für Paletten entwickelt, der aber wesentlich mehr kann, als nur den Standort der Palette auf Anfrage anzugeben. Vielmehr sind die Tracker mit so leistungsfähigen Prozessoren und genügend Speicherplatz ausgestattet, um die gesamten Daten eines komplexen Materialflusssystems speichern und verarbeiten zu können. „Die Zeiten der großen Rechnersysteme sind vorbei“, sagte ten Hompel.

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Günstige Technik sorgt für Durchdringung

Dabei sei diese Technik ausgesprochen preiswert geworden: Laut ten Hompel kostet der Prozessor gerade mal 75 ct in der Anschaffung; die Batteriezelle sei zur teuersten Komponente geworden. Damit werde es möglich, den für eine Lebensdauer von zehn Jahren konzipierten, hochleistungsfähigen Tracker für 10 EUR anzubieten. Zudem werde der Datentransfer für eine Jahresflatrate von einem Euro angeboten. Damit und mit der Kompatibilität zum kommenden 5G-Mobilfunkstandard, mit dem die mobile Datenübertragung in Echtzeit möglich wird, bergen die Tracker nach Ansicht des Logistikprofessors ein enormes Potenzial für die Zukunft. Die Systeme werden wesentlich schneller und reagibler.

Ebenso faszinierend waren die Einblicke in die Entwicklung der autonomen Flugdrohnen für Anwendungen im Lager: In den Forschungseinrichtungen des IML koordinieren Schwärme von Drohnen ihre Aktionen untereinander – ein erheblicher Sprung im Vergleich zu den autonomen Shuttle-Schwärmen, die vor wenigen Jahren noch die High-Tech-Spitze markierten. „Die Algorithmen funktionieren, der Prozessor kostet gerade mal 1,5 EUR und die Sieben-Achsen-Sensorik nur weitere 2 EUR“, fasste ten Hompel zusammen.

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Doch diese beiden Entwicklungen zeigen noch mehr als nur den technischen Fortschritt, sie zeigen auch, dass sich die IT-Strukturen vor einem grundlegenden Wandel befinden: Gegenwärtig sind die System-Architekturen noch sehr hierarchisch aufgebaut. „Dem liegt der Gedanke zugrunde, dass nur ein zentral organisiertes System richtig organisiert ist“, sagt ten Hompel. Und entsprechend würden die Computer so entwickelt, das sie in ihrer Funktionsweise dem menschlichen Denken sehr ähnlich seien.

Grenzen zwischen Produktion und Logistik verschwimmen

Doch künftig gehe die Entwicklung eher in Richtung Bio-Intelligenz. Das bedeutet, die aus „Zellen“ bestehenden Systeme sind auf Zellenebene redundant angelegt, wobei jede Zelle energieautark ist und alle Informationen zum Gesamtprozess – das Genom – in sich trägt. Zudem verschwimmen die Grenzen zwischen Produktion und Logistik, da jede Zelle Funktionen aus beiden Bereichen integriert. Schließlich sind bestimmte Zellen in der Lage, sich bei Bedarf selbst zu reparieren oder zu duplizieren, wobei in jeder Zelle auch der „Virenschutz“ integriert ist.

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Diese Fragmentierung der IT-Strukturen muss aber mit einem passenden Datenmanagement verbunden sein, so ten Hompel. Dabei gehe es um Dateneigentum, Datenschutz und vor allem den Datenwert. „Daten werden wichtiger und wertvoller als manche Produkte“, prognostizierte der IML-Chef. Und hier schaffe der „Industrial Data Space“ den richtigen Rahmen: Dieser virtuelle Datenraum, unterstützt den sicheren Austausch von Daten und die einfache Verknüpfung von Daten in Geschäftsökosystemen. Zugleich wahrt er die digitale Souveränität der Dateneigentümer, indem diese Nutzungsberechtigungen für Dritte mit den Datenpakete verknüpfen.

Virtualisierung der Produktionssteuerung

Die Entwicklung wird laut ten Hompel in eine „Social Networked Industry“ für eine biointelligente Wertschöpfung münden. Ein Aspekt dabei ist die Virtualisierung der Produktionssteuerung, was nichts anderes heißt, dass Daten und Programme keinem festen Ort mehr zugeordnet werden. Ist mit 5G eine echtzeitfähige Kommunikationsstruktur verfügbar, ist damit auch die Echtzeitsteuerung über sogenannte „Zellulare System“ möglich.

Das führt dazu, dass die Produktion nicht mehr ortsgebunden ist und sich die Systemgrenzen zwischen Produktion und Logistik auflösen. So wäre es auch möglich, bestimmte Produkte bereits während des Transport zu fertigen. In diesem Konstrukt könnten die sozialen Netzwerke schließlich die Funktion der Steuerung und Kommunikation übernehmen.

Bleibt die Frage nach dem Zeithorizont. Ten Hompel sieht diese Vision in zwei bis drei jahren Wirklichkeit werden. Ob im großen Stil oder in Form von ersten Einsatzfällen ließ er jedoch offen. (ben)

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