Roboter sind langsam auf dem Vormarsch

Der neu entwickelte Roboter des Start-ups Magazino: „Soto“ kann zum Beispiel autonom Kartons voller Textilien in Fachbodenregale einlagern. (Foto: Magazino)
Der neu entwickelte Roboter des Start-ups Magazino: „Soto“ kann zum Beispiel autonom Kartons voller Textilien in Fachbodenregale einlagern. (Foto: Magazino)

Automatisierung und Robotik gewinnen für den Handel zusehends an Bedeutung. Während Effizienzsteigerung und Kostensenkung sowie die Entlastung der Mitarbeiter als Gründe für die Automatisierung in der Intralogistik die größte Rolle spielen, lassen sich die Unternehmen bei der Einführung von Robotern noch Zeit. Bislang gibt es hier nur vereinzelte Projekte oder Pilotversuche. Doch wird davon ausgegangen, dass der Fachkräftemangel die Einführung beschleunigen wird. So lautet das Fazit der EHI-Studie „Robotics4Retail“, die kürzlich auf dem Branchenforum Handelslogistik des Logistikclusters NRW in Hamm vorgestellt wurde. Sie basiert auf einer Befragung von 29 Handelsunternehmen.

Bislang investierten die Händler vornehmlich in die Automatisierung, sagt Andreas Kruse vom EHI Retail Institute in Köln. Wiederkehrende, gleichbleibende Prozesse wie die Ein- und Umlagerung, meist im vollautomatisierten Hochregallager, der innerbetriebliche Transport und auch die Kommissionierung stehen dabei im Vordergrund. „Aktuell mehren sich aber Robotik-Anwendungen mit künstlicher Intelligenz, mit denen komplexere, sich verändernde Abläufe bewältigt werden“, fügt Kruse hinzu. Große Onlinehändler wie Amazon seien hier schon einige Schritte voraus. So setzt das Unternehmen bereits 80.000 Transportroboter aus den Laboren von Amazon Robotics (ehemals Kiva) in 25 Logistikzentren weltweit ein. Sie bringen Regale zum Kommissionierer.

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Zehn Prozent benutzen Lagerroboter

Nur etwa jeder zehnte befragte Händler gibt an, Robotik-Kommissioniersysteme zu nutzen. Zudem setzen einige Händler Depalettier- und Palettier-Roboter ein. In den meisten Fällen handelt es sich um Pilotversuche. Die Händler können sich zwar den Einsatz künftig vorstellen, halten aber die aktuell am Markt verfügbaren Roboter noch nicht für „intelligent“ genug. Zudem gibt es noch keine serienreifen Lösungsansätze.

Rund ein Viertel der Händler nennt die Zuverlässigkeit der Technik und die Wirtschaftlichkeit der Systeme als Grundvoraussetzung für den Einsatz von Automatisierung und Robotik. Die gestiegene Effizienz und gleichzeitige Kostenreduktion führen mehr als die Hälfte (55 Prozent) der Händler als wichtigsten Grund für solche Lösungen an. Vier von zehn halten die Unterstützung der Mitarbeiter zum Beispiel durch körperliche Entlastung für entscheidend. Ein knappes Drittel nennt den Fachkräftemangel als wichtigen Grund. Speziell für Roboter sprechen die variable Einsetzbarkeit, das Bewältigen auch großer Auftragsvolumen in Spitzenzeiten sowie die hohe Ausfallsicherheit.

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Bei den technischen Anforderungen rangiert die ausreichende Energieversorgung an erster Stelle und wurde von mehr als einem Drittel der Händler genannt. Es folgen hohe Robustheit, Belastbarkeit und Ausfallsicherheit, autonome Mobilität und Kollaborationsfähigkeit. Ein wichtiges Kriterium wird in der Greiffähigkeit gesehen. Bei hoher Sortiments- und Artikelvielfalt ist es wichtig, dass der Roboter verschiedene Gebinde- und Verpackungsvarianten greifen kann. Weitere Anforderungen sind die Bedienbarkeit der Sensorik, der Arbeitsschutz für die Mitarbeiter, die Lernfähigkeit sowie vor allem bei Servicerobotern die Sprachqualität und Spracherkennung.

Neuer Roboter für die Textillogistik

„Roboter können noch nicht alles. Doch arbeiten sie in einigen Nischen schon wirtschaftlich“, sagt Florian Wahl vom Roboterhersteller Magazino aus München. Das Start-up wurde gerade auf der Messe Logimat für den neu entwickelten Roboter Soto mit dem Preis „Bestes Produkt“ ausgezeichnet. Der mobile Roboter kann mithilfe von 3-D-Kameratechnik Objekte wie Kartons oder Kleinladungsträger autonom von verschiedenen Höhen greifen, auf dem Fahrzeug zwischenlagern, zum Zielort navigieren und dort millimetergenau ablegen. Zum Einsatz kommt Soto in erster Linie in Verteilzentren der Bekleidungsbranche. Überarbeitet hat Magazino den Toru, der für kleinere und leichtere Objekte ausgelegt ist. Das Modell wird zum Beispiel von den Logistikdienstleistern Fiege und ITG beim Kommissionieren von Schuhen eingesetzt. Fiege gehört mit Körber, Cellcom und Zalando zu den Teilhabern des 2014 gegründeten Robotik-Start-ups, das mittlerweile mehr als 80 Mitarbeiter beschäftigt.

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Rewe setzt auf Automatisierung

„Wir richten die Rewe-Logistik für die Zukunft aus“, sagt Matthias Bähr, Leiter Logistik National/Supply Chain Management der Rewe-Märkte. Doch sei der Lebensmittelhändler ein „großer Tanker“. Der Umbau benötige daher Zeit, räumt er ein. „Wir brauchen etwa 15 Monate, um ein neues System bei allen Standorten einzuführen.“ Dabei gehe es vor allem darum, schneller und effizienter zu werden. Das Unternehmen setzt dabei auf Automatisierung. Das Thema sei aber je nach Sortiment unterschiedlich und sehr komplex. Jeder einzelne Bereich ob Trockensortiment oder Frischware benötige eine eigene Technik. Radiofrequenzidentifikation (RFID) beispielsweise werde lediglich bei der Verfolgung der Iso-Boxen eingesetzt, da in der Vergangenheit viele verloren gegangen seien. „Weitere Anwendungsmöglichkeiten haben sich nicht durchgesetzt“, so Bähr.

Große Potenziale sieht der Logistikchef vor allem noch in der Automatisierung der Be- und Entladevorgänge an der Rampe. Dadurch könne noch in erheblichem Ausmaß Zeit eingespart werden. Der Lebensmittelhandel stehe sich hier aber selbst im Weg, da es eine Vielzahl unterschiedlicher Transportbehältnisse gebe. „Alle Logistikzentren werden zudem für den späteren Einsatz von Robotern vorbereitet sein“, betont Bähr. Hier mache die Entwicklung rasante Fortschritte. Doch sei die Technik noch nicht ausgereift. Vor allem benötige man Roboter, die greifen könnten. „Doch werden die Lager in fünf Jahren ganz anders aussehen“, ist er überzeugt und nennt beispielsweise den Einsatz von fahrerlosen Transportsystemen, die miteinander kommunizieren.

„Das ist aber alles nicht billig zu haben“, sagt Bähr. Wer glaube, mit Automatisierung und Robotik Geld zu sparen, irre sich. Denn Automatisierung setze hohe Investitionen voraus. Rewe will in den nächsten Jahren sieben neue weitgehend automatisierte Logistikzentren bauen. Der Rewe-Logistikmanager bezifferte das Investitionsprogramm, das auch die Umrüstung alter Standorte einschließt, in Hamm auf mehr als 1 Mrd. EUR. (Axel Granzow)

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Über Tim Meinken 288 Artikel
Digitalisierte Frohnatur, Glücklicher Ehemann und zweifacher Vater. Er arbeitet als Produktmanager Social Media / Online (DVZ und BlueRocket) zudem ist er als Autor in Hamburg tätig. Hier können Sie Kontakt zu mir aufnehmen:

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