Sharing Economy für die Logistik mit Nimber

Foto: Nimber

Eine Kiste Bücher aus dem Londoner Stadtteil Battersea nach Pitlochry in Schottland transportieren zu lassen kostet 62 GBP (umgerechnet rund 75 EUR). Eine vergessene Brille aus Barrington Court in Somerset noch heute in die etwa 250 km entfernte Londoner City liefern zu lassen schlägt mit 33 GBP zu Buche. Ein bisschen teurer ist der Versand eines Klaviers: Zwischen Exeter im Südwesten Englands und Newcastle upon Tyne im Nordosten fallen dafür 178 GBP an.

Nicht die Tarife einer Spedition oder eines Expressversenders sind das, sondern Richtpreise, welche die Logistikplattform Nimber ihren Nutzern für einen Transport empfiehlt. Interessierte können sich bei Nimber registrieren und entweder bei einer anstehenden Fahrt ein wenig dazuverdienen, indem sie einen Botendienst erledigen. Oder sie können einem privaten Fahrer oder Reisenden, der ohnehin in der gefragten Richtung unterwegs ist, eine Sendung mitgeben.

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Nimber, vor vier Jahren in Norwegen gestartet und seit September 2015 auf dem britischen Markt vertreten, will die sogenannte Sharing Economy in der Logistik einführen. Das Unternehmen versteht sich dabei als Marktplatz für die Vermittlung von jeder Art von Warentransporten. Es ermutigt Privatleute, auf einer geplanten Fahrt für andere eine Sendung mitzunehmen. Das Verkehrsmittel ist egal, je nach Größe der Ware – ein Umschlag mit Dokumenten, ein Fahrrad oder ein zerlegtes Bettgestell – funktioniert das Modell in der U-Bahn genau wie mit einem Kleinlaster.

„Wir sind ein zweigeteiltes Angebot”, erläutert Vorstandschef Ari Kestin, der mit einigen Mitarbeitern in einer Bürogemeinschaft im angesagten Stadtteil Hoxton im Londoner Osten sitzt. Hier, rings um das Gründerzentrum „Silicon Roundabout“ tummeln sich Start-ups aus allen Branchen. „Wir haben einerseits die Bringer, viele von ihnen mit regelmäßigen Routen, auf denen sie unterwegs sind. Das sind Wege, die sie jetzt zu Geld machen können.“ Andererseits gibt es jene, die den Dienst statt eines klassischen Paketdienstes oder einer Spedition für den Versand nutzen. Für sie spiele Bequemlichkeit eine Rolle, oft holt der Bringer die Sendung zu Hause ab oder ist flexibel, was eine Übergabe betrifft. Zudem locken, anders als bei klassischen Anbietern, niedrigere und verhandelbare Preise.

Rund 50.000 Nutzer sind in Großbritannien registriert, ungefähr zu gleichen Teilen als Bringer oder Sender. Ähnlich sehen die Zahlen in Norwegen aus. Rund 80 Prozent aller Anfragen für eine Lieferung können erfüllt werden. Viel mehr gibt Kestin an Daten nicht preis. Mitgenommen wird grundsätzlich alles, solange der Transport legal ist. Bis 500 GBP sind die Waren versichert. „Möbel, Haustiere, Autoteile, Fahrräder, das haben wir alles schon transportiert. Wir haben komplette Umzüge erledigt. Und wir haben für ein Auktionshaus ein Gemälde im Wert von 50.000 USD zugestellt”, berichtet Kestin. Hauptsächlich würden sperrige, unhandliche Dinge verschickt, zu groß und schwer für ein Paket, zu klein für eine Spedition. „Wir sind die Nummer 1 unter den Zustellern gebrauchter Kloschüsseln in Norwegen”, fügt er mit einem Lachen hinzu.

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Nimber sammelt frisches Geld ein

Bisher haben sogenannte „Business Angels“ und ein schwedischer Venture-Capital-Fonds einige Millionen Pfund investiert. Im kommenden Jahr sollen weitere Millionen eingesammelt werden, um die Expansion in bis zu zehn weitere europäische Märkte zu finanzieren. In den Benelux-Staaten, aber auch in Deutschland könnte das Konzept gut funktionieren, ist Kestin überzeugt.

Der US-Amerikaner, der in Israel aufgewachsen ist, räumt ein, dass seine Rolle in dem Start-up keine klassische sei. Er ist weder Ideengeber noch Gründer, wurde vielmehr als Vorstand an Bord geholt, als Nimber in einer Umstrukturierung steckte. „Die ursprüngliche Idee entsprach eher dem Click-und-Collect-Modell, mit Abholstationen an Tankstellen“, erläutert er. Der norwegische Geschäftsmann und Gründer Knut Bjerke ist bis heute als Verwaltungsrat an Bord. Ihm sei die Idee für die Warenmitnahme auf der Fahrt zu einer Skisprungveranstaltung gekommen, als er sich in seinem Auto umgesehen hatte und ihm dabei klar wurde, wie viel Platz da verschenkt werde.

Passt die Ware in die Hosentasche?

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Wer heute in Großbritannien eine Sendung registrieren will, muss zunächst die Ware benennen und etwas beschreiben. Dann wird die ungefähre Größe abgefragt: Passt die Ware in die Hosentasche? In eine Tragetüte, ein Auto, einen Lieferwagen? Abholpunkt, Lieferadresse, Tag und Tageszeit der Abholung vervollständigen die Angaben, um einen Preisvorschlag zu erhalten. Beide Seiten können dann die Details vereinbaren. „Unsere neue Option ‚Buy it now‘ erlaubt zusätzlich einen direkten Zuschlag”, sagt Kestin. Auf der Grundlage früher vereinbarter Preise wird ein Gebot vorgelegt, bei dem der Sender direkt einschlagen kann und das dann einer Gruppe von anerkannten Fahrern vorgelegt wird. Unter anderem soll diese Variante auch klassischen Logistikdienstleistern entgegenkommen, die Nimber etwa für Transporte auf der letzten Meile oder für Stoßzeiten einsetzen wollen und keine zusätzliche Flexibilität und Absprache benötigen. Erst mit dieser Variante hat Nimber auch eine Kommission eingeführt, in der Anfangszeit sei es zunächst wichtiger gewesen, eine kritische Größe zu erreichen.

Seit kurzem hat Nimber mit Peter Hesslin einen Logistikexperten im Beirat sitzen. Hesslin hat über zwei Jahrzehnte bei DHL im Express- und Frachtgeschäft in Skandinavien gearbeitet. „Nimber hat sich zum Ziel gesetzt, die Branche zu revolutionieren“, sagt er. „Gerade einmal zehn Jahre ist es her, dass die Logistik vor allem ein B2B-Geschäft war, in dem komplette LKW-Ladungen die Norm waren. Das hat sich deutlich verändert.” Nicht nur wird inzwischen viel mehr Ware direkt an Verbraucher geliefert. Es sind auch mehr und mehr Kleinunternehmen zu Versendern geworden. Der Experte ist überzeugt, dass das Angebot von Nimber auf mittlere Sicht nicht nur für Privatpersonen und kleinere Versender interessant ist, sondern auch als Ergänzung für etablierte Anbieter, etwa auf der letzten Meile oder zum Abfedern der Nachfrage während Stoßzeiten.

„Supermärkte, Paketdienste, Autokonzerne sind alle schon bei uns gewesen, um das Gespräch zu suchen”, sagt Kestin. Er ist überzeugt, dass das Interesse noch deutlich zunehmen wird, wenn es Nimber gelingt, noch mehr Bewegungsdaten von Navigationsplattformen wie Waze, Citymapper oder Google Maps einzubinden. „Das wird uns noch deutlich effizienter machen.“ (cs)

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