Shipnext: Ein Sowjetplan als Basis für ein Start-up

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Foto: Istock

Noch in den Kinderschuhen, aber schon Großes vor: Das erst Anfang Oktober gegründete Start-up Shipnext beansprucht für sich nicht weniger, als die Schifffahrt digital zu revolutionieren. Erreichen will der 38-jährige Gründer Alexander Varvarenko dies mit der „ersten unabhängigen Online-Plattform für den globalen Seefrachtmarkt“. Darauf sollen die Fracht und die Schiffsladungskapazitäten automatisiert zusammengeführt werden – und zwar für Container, Stückgut und Projektladung ebenso wie für Breakbulk und flüssige Ladung.

Die nötige Berufserfahrung in der Schifffahrt hat Varvarenko. Neben seinem MBA-Abschluss in Schiffs- und Hafenmanagement an der Universität von Odessa und einem Fernstudium am Institute of Chartered Shipbrokers ist Varvarenko bereits seit 17 Jahren in der Schifffahrt tätig. 2009 gründete er in Odessa mit damals vier Mitarbeitern die Varamar-Gruppe. Mittlerweile verfügt die Charterreederei nach seinen Angaben über 30 Mehrzweck- und Trockenfrachter, hat Niederlassungen in Hamburg und Paris, auf Zypern sowie in Dubai und zählt 36 Beschäftigte. Zudem ist Varvarenko CEO der Reederei Veles und Gründer des ukrainischen Schiffsmaklerverbands.

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„Frachtschiffe sollen auf den Freienmarkt“

In all den Jahren, in denen er in der Schifffahrt tätig ist, habe er viel gelernt: Gleichzeitig Schiffe zu besitzen und zu betreiben habe sich in den meisten Fällen nicht bewährt“, denn: „Frachtschiffe sollten auf einem freien Markt gehandelt werden, was nicht immer im Interesse der Eigner ist. Ihre Manager versuchen jedoch, das zu verhindern, weil sie weiterhin nur mit einem geschlossenen Kreis von engen Freunden zusammenarbeiten wollen.“ Seine Lösung ist einfach: komplette Transparenz. Dies fordern ihm zufolge die Banken ohnehin, und es würden dadurch wieder mehr Schiffe finanziert.

Zudem will Varvarenko die Schifffahrt effizienter und produktiver machen. „Wir bekommen bei Varamar 12.000 E-Mails pro Tag, von denen meine Mitarbeiter nur einen kleinen Prozentsatz bearbeiten können.“ Seinen Wettbewerbern ergehe es ähnlich, da die Kunden Anfragen an große Verteiler versendeten. „Trotzdem erwarten sie natürlich eine zügige Quotierung.“ Deshalb mehr Mitarbeiter einzustellen ergäbe aber keinen Sinn. „Warum sollen meine hochqualifizierten Manager den ganzen Tag durch E-Mails scrollen, von denen die meisten entweder für unsere Aktivitäten nicht relevant sind oder niemals einen Wert bringen?“, fragt er.

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Seine Plattform basiert auf einem Planungstool für die Erstellung der Wirtschaftspläne für Landtransporte aus den letzten Jahren der Sowjetunion. Die Idee, dieses wiederzubeleben, hatte Varvarenko schon während seines Studiums. „Damals haben meine Professoren und Kommilitonen mich nicht ernst genommen“, erinnert er sich. Varvarenko war und ist jedoch davon überzeugt, dass die maritime Wirtschaft nur dann wieder erfolgreich sein kann, wenn sie effizienter und transparenter wird.

Shipnext will als Marktplatz mit Vertragsabschlüssen punkten

Es gäbe zwar auch andere Plattformanbieter wie AXS Marine und Steminorder, sagt der Unternehmer. „Das sind aber keine Marktplätze, und Verträge kann man dort auch nicht abschließen.“ Zudem koste die Nutzung des Tools von AXS Marine 20.000 USD pro Jahr. Zum Vergleich: Im ersten Monat ist Shipnext für die Schiffsbetreiber, Verlader, Speditionen und Schiffsmakler kostenlos. Danach müssen sie 120 USD pro Monat bezahlen.

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Ähnlich den Konzepten für den Landverkehr verknüpft die Plattform von Shipnext Frachtanfragen und Schiffspositionen. Er habe sich dabei bewusst dagegen entschieden, dass alles nur online eingegeben werden kann. „Das ist zwar auch möglich, aber ich wollte vor allem das automatisierte Einlesen der Mails möglich machen.“ Eineinhalb Jahre hat es gedauert, bis der IT-begeisterte Unternehmer und seine 24 Mitarbeiter, von denen 18 Informatiker sind, die Daten aus 70 verschiedenen Quellen wie dem Automatischen Schiffsinformationssystem AIS, Flaggenregistern, E-Mails, Webseiten anderer Reedereien und weiteren Datenbanken ausgewertet und die Algorithmen mithilfe von linearer Programmierung codiert hatten. „Inzwischen übersetzt unser System etwa 93 Prozent oder mehr der Mailanfragen innerhalb von einer Minute“, sagt Varvarenko.

Da es besser aber immer geht, sitzen er und seine Kollegen nach wie vor jeden Abend drei bis vier Stunden am Rechner und bringen dem System bei, wie es die Daten analysieren und verknüpfen soll. „100 Prozent können es allerdings nie werden, menschliche Interaktion wird immer erforderlich sein.“ Erforderlich sei fundiertes Schifffahrtswissen und exzellentes IT-Know-how, und er kenne kein anderes Unternehmen, das das in dieser Form habe. „Und genau das ist unser USP“, betont Varvarenko.Überzeugt hat Varvarenko bereits die ukrainische Investmentbank Dragon Capital, die eine Minderheitsbeteiligung am Start-up hält. Unterstützt wird Shipnext zudem von der internationalen Schifffahrtsorganisation Bimco.

Start-up zwischen Skeptik und Hype

Die Reaktionen der Kunden sind unterschiedlich: Einige seien skeptisch, weil alles beim Alten bleiben solle. Aber für viele sei es attraktiv, nicht nur sofort eine Quotierung zu erhalten, sondern auch online oder über eine App Zugriff auf die Schiffspositionen, die Hafendaten inklusive der jeweiligen Restriktionen, die Entfernungen und die Frachtanfragen zu haben.

„Mehr als 1.000 Registrierungen haben wir bereits, und täglich kommen im Schnitt 10 bis 15 neue hinzu, wir hatten aber auch schon einmal 58 an einem Tag“, freut sich Varvarenko. Schon im März kommenden Jahres möchte er den Break-even erreichen.

In den kommenden 18 Monaten soll die Plattform weiter ausgebaut werden. Außer für Stück- und Trockengut soll es dann auch möglich sein, Fracht und Kapazität für nasses Schüttgut und Container zu handeln. Als weitere Features sind das Management von Kontakten und eine Rating-Funktion geplant.

Und der umtriebige Ukrainer hat noch ein weiteres Ziel: „Ich möchte die Blockchain-Technologie nutzen, die ist für uns perfekt“. Mit der sollen dann Bills of Lading über seine Plattform erstellt werden können. Auch eine eigene Kryptowährung, beispielsweise ein Ship Coin, ist für ihn denkbar. Varamar verhandelt dazu bereits mit einer ukrainischen Reederei, die auch mit Shipnext in Kontakt ist, über eine Bezahlung mit Bitcoin.

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Über Tim Meinken 308 Artikel
Digitalisierte Frohnatur, Glücklicher Ehemann und zweifacher Vater. Er arbeitet als Produktmanager Social Media / Online (DVZ und BlueRocket) zudem ist er als Autor in Hamburg tätig. Hier können Sie mir folgen:

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