Siegeszug der autonomen Systeme

Die Folgen der vierten industriellen Revolution für die Logistikwirtschaft sind gravierender, als viele Unternehmen, gerade aus dem Mittelstand, wahrhaben wollen. Dies war eine der zentralen Botschaften des Innovationstags Logistik der Part Load Alliance (PLA) vergangenen Freitag in Köln. „Wir entwickeln Systeme, die mit unserer Alltagschaotik – das heißt mit der realen Komplexität – umgehen können“, sagte Prof. Sabina Jeschke, Direktorin des Cybernetics Lab an der RWTH Aachen. Die Ergebnisse dieser auf Algorithmen beruhenden Entscheidungen seien in vielen Fällen besser als heute.

„Wir erleben einen dramatischen Durchbruch in der Entwicklung der Künstlichen Intelligenz“, betonte Jeschke. Durch die Vernetzung entstehe eine Gruppenintelligenz, denn „Systeme tauschen heute Sensorinfos in Echtzeit aus.“ Vor allem durch autonome Transportsysteme erwartet die Expertin für Künstliche Intelligenz ein deutliches Mehr an Sicherheit. „In Kürze werden wir darüber diskutieren müssen, ob Menschen überhaupt noch selbst Autos fahren dürfen.“ Auch die Zukunft der Logistik werde von autonomen Transportsystemen bestimmt, ist sie sich sicher.

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Big Data schafft Geschäftsmodelle

Grundlage für den Durchbruch von Logistik 4.0 sei der Umgang mit der immensen Datenflut. „Big Data optimiert bestehende Geschäftsmodelle oder schafft neue“, meint Jeschke. Dabei gehe es nicht mehr darum, dass Menschen diese Daten analysieren, sondern mehr als 90 Prozent der Datenzugriffe kommen von technischen Systemen, wie etwa intelligenter Lagersoftware oder autonom fahrenden Flurförderzeugen.

Deshalb sei es für mittelständische Speditionen essenziell, sich mit dem Thema zu beschäftigen. „Derzeit geht es darum, wer künftig die Show macht: Logistikdienstleister oder Technologiekonzerne“, warnte Jeschke vor einer Abwartetaktik. Traditionelle Dienstleister hätten als Vorteil ihr tiefgreifendes Wissen über Logistik, seien bei dem Thema Künstliche Intelligenz jedoch weit im Hintertreffen. „Die großen IT-Konzerne haben meist keine Ahnung von Logistik, können jedoch IT, haben Geld und sind offen für den Einstieg in bisher fremde Geschäfte.“

Jeschke warnte davor, den Angriff der Techkonzerne zu unterschätzen. „Ihre Kunden interessiert es nicht, wie und von wem eine Sendung transportiert wird, sondern nur das Ergebnis.“ Deshalb werde das „Wettrennen um den Logistikmarkt“ ein zentrales Thema der kommenden Jahre sein.

Gute Chancen, sich im Markt weiterhin zu etablieren, sieht Stefan Iskan, Professor an der Hochschule Ludwigshafen, für mittelständische Speditionen. „Die großen Speditionskonzerne werden von enormen IT-Problemen behindert“, sagte Iskan. „Das lange Festhalten an der Dezentralität der Systeme führt zu milliardenschweren Abschreibungen bei der IT.“

Mittelstand muss aufwachen

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Doch auch der Mittelstand müsse aufwachen und neue Ideen entwickeln. „Wir sind in Deutschland zu Kostenschraubern geworden und entwickeln keine Visionen mehr“, kritisierte Iskan. Zudem könnten Führungskräfte oftmals ihre Mitarbeiter nicht mehr ausreichend motivieren und in eine sich rasant Wandelnde Zukunft mitnehmen. „Viel zu oft geht es schlicht darum, anderen Unternehmen den Umsatz wegzunehmen“, sagte er. Dies sei für ihn kein Zeichen für Industrie 4.0.

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