Silicon Valley: Plug and Play setzt auf Logistik-Start-ups

Am Hauptsitz von Plug and Play in Sunnyvale, Kalifornien, dreht sich alles um die heißesten Start-ups der Welt. (Foto: Jay Watson)
Am Hauptsitz von Plug and Play in Sunnyvale, Kalifornien, dreht sich alles um die heißesten Start-ups der Welt. (Foto: Jay Watson)

Der Ort mit der höchsten Start-up-Dichte pro Quadratmeter im Silicon Valley befindet sich in einem für das kalifornische Technologietal typischen Bau in Sunnyvale: graubeige, schmucklos, wie zufällig in der zersiedelten Landschaft zwischen Büroparks und Wohnsiedlungen erstellt. Bunter geht es im Inneren des dreistöckigen Gebäudes zu. Wo einst Philips Semiconductor Halbleiter herstellte, befindet sich die Zentrale von Plug and Play Technology Center, einem Accelerator, der sich als der größte weltweit anpreist.

In unzählige Schreibtischreihen und Waben unterteilten Großraumbüros sind hier fast 400 Start-ups in der Hoffnung zugange, mit Plug and Plays Hilfe Kapital, Kunden und Erfolg zu finden. In den Büros und in der Lobby herrscht unter Flaggen aus aller Welt ein Sprachenwirrwarr. Geschäftsleute in Anzügen geben sich im Eckbüro von Plug-and-Play-Chef und -Gründer Saeed Amidi gleich gruppenweise die Klinke in die Hand. Start-up-Gründer in Turnschuhen hetzen durch die Gänge, Investoren warten auf die nächste Pitch-Runde.

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Die Start-up-Szene für Logisitker boomt

Accelerator gibt es im Silicon Valley fast so viele wie von Weltverbesserungsideen beseelte Jungunternehmer. Zu den Top-Adressen gehören Firmen wie Y Combinator, Angel Pad oder 500 Startups. Plug and Play ist das wohl internationalste. Der 2006 gegründete Accelerator, der nach eigenen Angaben über ein Netzwerk mit 6.000 Start-ups verfügt, hat nicht nur ein umfangreiches, vor allem auch bei ausländischen Gründern bekanntes Mentoring-Programm in Kalifornien aufgebaut. Er exportiert das Konzept in weltweit 21, mit Partnern aufgebaute Satelliten in Städten wie Sao Paulo, Paris, Berlin, Abu Dhabi, Jakarta, Peking oder Tokio. In Stuttgart etwa betreibt Plug and Play mit Konzernen wie BASF, Daimler, Deutsche Post DHL und Porsche das auf Mobilität ausgerichtete Programm Startup Autobahn, das innovative Jungunternehmen und etablierte Industriepartner zusammenbringen soll.

In Sunnyvale bietet Plug and Play mittlerweile 16 dreimonatige Start-up-Programme in Bereichen wie Handel, Internet der Dinge, Fintech oder Cybersicherheit an. Vor einem Jahr kam das Programm Supply Chain und Logistik dazu, das laut Amidi zu den aktivsten gehört. Für jedes branchenspezifische Programm werden aus Hunderten Bewerbern jeweils rund zwei Dutzend Gründer ausgewählt, die drei Monate lang in die Plug-and-Play-Welt eintauchen und mit Investoren, Konzernen, Schrittmachern und Gleichgesinnten zusammengebracht werden. Plug and Play investiert jährlich geringe Summen zwischen 25.000 bis 500.000 USD in mehr als 100 Start-ups und bringt seine Teilnehmer mit Risikokapitalgebern zusammen. Das Unternehmen selbst legt keine Fonds auf – das in Start-ups investierte Kapital stammt von Amidzad, der privaten Venture-Capital-Firma der Familie Amidi.

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Plug and Play nutzt Interessenten als Investoren

Welche Start-ups ins Programm aufgenommen werden, entscheiden nicht allein die Mitarbeiter des Accelerator, sondern vor allem die Konzernpartner. Das ist der große Unterschied zur Konkurrenz. Die meisten der potenziellen Kunden, die Plug and Play mit den Start-ups zusammenbringt, sind Partner, die die für sie relevanten Programme finanzieren. „Unser Wert besteht zu 90 Prozent aus unserem Netzwerk“, sagt Amidi, der mit Investitionen in Plug-and-Play-unabhängige Start-ups wie Paypal oder Dropbox viel Geld gemacht hat. „Wir helfen Start-ups mit Kapital, der Kundengewinnung und beim Feintuning ihres Geschäfts, bis es auf die Bedürfnisse der Kunden abgestimmt ist.“

Plug and Play hat rund 220 Konzernpartner, laufend kommen neue hinzu. „Wir haben Partner, die die Programme mitgestalten, deren Ausrichtung festlegen und die Start-up-Kandidaten basierend auf ihren eigenen Bedürfnissen auswählen können“, sagt Candice Hu, die für das Supply-Chain- und Logistik-Programm zuständig ist. „In einer zweiten Gruppe sind Partner, die mit den Start-ups arbeiten und in sie investieren können und Zugang zu unseren Events haben.“ Die Partner in der ersten Liga bezahlen deutlich mehr, um bei Plug and Play mitspielen zu können, über die Höhe der Beiträge schweigt Hu sich aus.

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Mit Evertracker-CEO Marc Schmitt im Silicon Valley

Eines der bei Plug and Play aufgenommenen Start-ups ist das Hamburger Softwareunternehmen Evertracker. Seit Ende Februar fliegt der Evertracker-Mitgründer und CEO Marc Schmitt alle paar Wochen von Fuhlsbüttel ins Silicon Valley, um jeweils zwei oder drei Tage lang bei Plug and Play möglichst viel für sein 2014 gegründetes Start-up herauszuholen. Dafür nimmt der 36-Jährige die 15 Stunden Flug, den Jetlag in beide Richtungen, den eng getakteten Zeitplan sowie das sehr schlichte, aber teure Motel an einer achtspurigen Autobahn in Kauf.

Evertracker wurde Ende Januar zusammen mit 21 anderen Start-ups aus weltweit 500 Bewerbern ausgewählt. Plug and Play startete das Programm auf Betreiben der dänischen Reederei Maersk, die wie die anderen Konzernpartner auf besseren Zugriff auf Gründer und innovative Ideen im Silicon Valley aus ist.

Mittlerweile hat Plug and Play 24 Konzernpartner für das Programm rekrutiert, darunter befinden sich BASF, CMA CGM, Deutsche Post DHL, Lufthansa Cargo und Prologis. Start-ups in diesem Bereich haben ein riesiges Potenzial, glaubt Mike Zayonc, der das Programm bei Plug and Play aufzog: „Alle – von den Herstellern von Rohmaterial bis hin zu den Einzelhändlern sowie die Logistikanbieter – haben Probleme, für die viele Start-ups innovative Lösungsansätze haben.“

Die zweite Auflage des Supply-Chain- und Logistik-Programms startete im März und endet im Mai mit dem „Expo Day“, an dem die Gründer ihre Technologie und Projekte bei Investoren und Unternehmen bewerben können. Evertracker hat laut Schmitt eine der ersten Künstlichen Intelligenzen entwickelt, die Prozesse entlang der Wertschöpfungskette automatisieren und vorausschauend steuerbar machen kann. Einige namhafte europäische Autohersteller, Einzelhändler, Vertreter der Bauwirtschaft und Zulieferer haben die Technik im Einsatz. Namen nennt Schmitt auf Wunsch der Kunden keine.

Kapital und Kunden

Der Evertracker-CEO hofft, über Plug and Play an mehr Kapital und vor allem an mehr Kunden zu kommen. Letzteres ist für ein Start-up, das Technologie für weit verzweigte Konzerne und einen veränderungsresistenten Bereich entwickelt, ein langwieriges Unterfangen, das oft scheitert. „Wenn wir auf Unternehmen zugehen, reden wir meistens mit den falschen Leuten – die probieren eine neue Technologie zwar aus, können aber keine langfristigen strategischen Entscheidungen für das Unternehmen treffen”, sagt Schmitt, während er an einem Freitagmorgen Ende März seinen Mac auf einem der Tische im ersten Stock des Accelerator installiert. „Das Tolle an Plug and Play für uns ist, dass sie den Kontakt zu den richtigen Ansprechpartnern in den Unternehmen herstellen, die Entscheidungen treffen können und sich um das Start-up und das Projekt kümmern.“ Bei den bei Plug and Play involvierten Konzernen seien die Start-up-Projekte im Vorstand aufgehängt, was ein riesiger Vorteil sei, sagt Schmitt weiter.

Nach ein paar Wochen im Accelerator-Programm im Silicon Valley hat Evertracker bereits Pilotprojekte mit zwei Konzernen gestartet. „Seit wir hier sind, hat sich alles extrem beschleunigt – die Gespräche mit Investoren und potenziellen Kunden und der Zugang zu Ideen und Leuten, die hier den ganzen Tag ein- und ausgehen“, sagt Schmitt. „Übertrieben gesagt: Alles was wir in drei Jahren erreicht haben, haben wir hier innerhalb von drei Wochen geschafft.“

5 Minuten Pitch und 5 für Fragen

Der Evertracker-Chef ist am Mittwochabend in Sunnyvale angekommen, seitdem ist er am Rotieren. Am Freitag präsentieren er und zwölf andere Start-ups in einem fensterlosen Konferenzraum vor Investoren. Schmitt ist bereits um 4.30 Uhr aufgestanden, um im Motelzimmer an seiner Präsentation zu feilen. Am Tag davor hatte ihm Ra’ed Elmurib, der routinierte CEO von Shoof, mit guten Verbesserungsvorschlägen geholfen. Schmitt hat das Team, das mit einer kostengünstigen drahtlosen Technik die Güterverfolgung revolutionieren will, bei Plug and Play getroffen und arbeitet mit ihm an Projekten. Shoof hat bereits 4,5 Mio. USD Risikokapital eingesammelt und mietet bei Plug and Play in Sunnyvale ein paar Quadratmeter Büro – mit Wänden und Tür. Jeder Gründer hat fünf Minuten für seinen Pitch und weitere fünf Minuten für Fragen. Schmitt ist mit seinem Auftritt zufrieden: „Das hat viel gebracht, auch wenn es nicht direkt zu einer Investition führt.“ Dank der Präsentation sei Evertracker zumindest schon wieder etwas bekannter.

Als nächstes folgt eine von Plug and Play eingefädelte Telefonkonferenz mit drei Mitarbeitern von Georgia-Pacific, einem der weltgrößten Hersteller von Papier und Verpackungen, die an Evertrackers Technik interessiert sind. Danach heißt es Mittagessen mit den Investoren vom Morgen, anschließend trifft Schmitt den Mentor Andy Stinnes vom Risikokapitalgeber Cloud Apps Capital Partners. Stinnes hat jahrelange operative Erfahrung im Markt für Unternehmenssoftware, er kann Evertracker bei Problemen und mit Feedback und Kontakten helfen.

Am Freitagabend fliegt Schmitt bereits wieder zurück nach Hamburg. Sein siebenköpfiges Start-up-Team sei zu klein, als dass sich einer für drei Monate ins Silicon Valley absetzen könnte, sagt der Gründer. Zudem seien die Büroplätze bei Plug and Play zu teuer. Und Evertracker kann nun auch in der Heimat auf das Netzwerk der Kalifornier zugreifen: In den vergangenen Wochen schafften es die Hamburger sowohl in das Stuttgarter Programm namens Startup Autobahn als auch in das von Plug and Play und Partnern wie Allianz, Munich Re und Swiss Re aufgelegte Programm Insurtech, das auf Innovationen in der Versicherungsbranche abzielt. (Helene Laube)

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Über Tim Meinken 305 Artikel
Digitalisierte Frohnatur, Glücklicher Ehemann und zweifacher Vater. Er arbeitet als Produktmanager Social Media / Online (DVZ und BlueRocket) zudem ist er als Autor in Hamburg tätig. Hier können Sie mir folgen:

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