So reagiert die Bahn auf den wachsenden Druck der Straße

Volvo, Platooning
Foto: Volvo

Der Schock kam per Powerpoint-Präsentation nach der Mittagspause: Neben den üblichen Verlaufskurven auf dem Chart prangte ein Totenkopfsymbol. Wem die Warnung galt, war den rund 200 Teilnehmern des vom Güterwagenhalterverband VPI organisierten Güterverkehrssymposiums sofort klar: ihnen.

Für den Schienengüterverkehr gibt es keine Bestandsgarantie – das war es, was Sven Wellbrock, Geschäftsführer der VTG Rail Europe, den versammelten Wagenanbietern und -nutzern vor Augen führen wollte. Jedenfalls dann nicht, wenn sie sich weiterhin so konsequent Innovationen verschließen.

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Das Chart zeigte Beobachtungen des schweizerischen Internet-Technologie-Beraters Alain Veuve. Danach vermehren sich computergestützte Anwendungen in allen Bereichen des täglichen Lebens exponentiell. Etwas weniger dynamisch verläuft die Übernahme dieser Technologien durch die Gesellschaft. Mit noch größerem Abstand folgt die Wirtschaft – einige Firmen ignorieren oder verschlafen die Entwicklung sogar ganz, darunter solche aus der Eisenbahnbranche. Denen drohe das Aus.

Die digitalisierte Straße

Im Straßengüterverkehr halten computergestützte Technologien rasant Einzug. Auf den Autobahnen werden digitale Testfelder eingerichtet; Lkw Hersteller fassen beim Platooning einander folgende Lkw rechnergesteuert zum Konvoi zusammen – direkte Konkurrenz zu kurzen Güterzügen.

Der Digitalisierung aufgeschlossen zeigen sich auch die Lieferanten der der LKW-Unternehmer: Eine Software rechnet ihnen aus, wie sie Touren mit möglichst geringem Fahrzeugeinsatz bewältigen können. „Haben wir unseren Kunden je gezeigt, wie sie mit möglichst wenig Waggons auskommen?“, fragte Wellbrock selbstkritisch. Auf diese Idee sei in der Waggonvermietung nie jemand gekommen. Jetzt ändert sich aber auch auf der Schiene das Service-Verständnis: VTG stattet die gesamte Flotte mit Ortungs-, Sensor- und Kommunikationstechnik aus. Das Hamburger Waggonvermietungs- und Bahnlogistikunternehmen hofft, auf diese Weise in der verladenden Wirtschaft wieder Boden gutmachen zu können.

Bei SBB Cargo, dem Güterverkehrsunternehmen der Schweizerischen Bundesbahnen, entsteht in Zusammenarbeit mit dem Technischen Innovationskreis Schienengüterverkehr (TIS) und zwölf Komponentenherstellern das erste Exemplar des innovativen Güterwagens. Von Mitte des Jahres an soll ein erster Zug mit 16 Fahrzeugen in die Erprobung gehen, kündigte Jürgen Mues, Leiter Asset Management bei SBB Cargo, an. Der Waggon wird gleisschonende Drehgestelle erhalten, mit lärmmindernder Bremstechnologie ausgestattet sein und über Kommunikationstechnologie verfügen. Außerdem erhält er eine Mittelpufferkupplung und eine elektro-pneumatische Bremse. Ziel ist, dass der Waggon die fünf L-Kriterien erfüllt: leise, leicht, laufstark, logistikfähig und Lebenszykluskosten-orientiert.

Waggons mit Telematik

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Auch DB Cargo, die Güterverkehrstochter der Deutschen Bahn, arbeitet an computergestützten Lösungen, die den Güterverkehr wirtschaftlicher und für den Kunden attraktiver machen. Dazu gehören nicht nur die schrittweise Ausstattung der Wagen mit Telematik und das Fahren von Zügen mit Autopilot, sondern auch der automatische Betrieb im Rangierbahnhof.

Nicht klar ist, woher die Mittel für die Innovationen kommen sollen. Dass die Programme bei DB Cargo nicht durchfinanziert sind, ist kein Geheimnis. Ebenso ist offen, wie die Mehrkosten des innovativen Güterwagens gegenüber konventionellen Güterwagen am Markt hereingeholt werden können.

Verschiedene europäische Förderprogramme könnten die finanziellen Aspekte der Innovation im Schienengüterverkehr in freundlicherem Licht erscheinen lassen. Darauf machte Gilles Peterhans, Generalsekretär der internationalen Wagenhalter-Union UIP, aufmerksam. Einzelheiten sind auf der UIP-Website nachzulesen.

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