So schadet die deutsche Fehlerkultur der Gründerszene

Fehlerkultur Scheitern Management Start-up startupkultur
Foto: Fotolia

Besser hätte man die Besucher des Start-up-Log.Camp am zweiten Tag des 34. Deutschen Logistik-Kongresses nicht auf das Thema „Schöner Scheitern“ einstimmen können: Während sich die im Halbkreis angeordneten Stuhlreihen im Raum Tessin füllten, schallte aus den Boxen der Song „Immer wieder aufstehen“ von Rainer Koslowski. Eine perfekte Überleitung zu der Einführung von Martin Kretschmer in das Thema. Der Moderator der sogenannten FuckUp Nights, die in der Start-up-Szene Kultstatus genießen, verglich die deutsche Fehlerkultur mit der Prometheus-Sage: Der Titan machte den Fehler, den Menschen das Feuer zu bringen, und wurde von den Göttern grausam bestraft. Doch, so Kretschmer, seien Fehler ein Wettbewerbsvorteil, wenn man sich darauf einlasse, aus ihnen zu lernen.
Doch gerade die Angst vor dem Scheitern mache es sehr schwer, offen über Fehler zu sprechen und aus ihnen zu lernen, ergänzte Gabriele Riedmann de Trinidad, Geschäftsführerin der platform3I GmbH aus Bonn. Die ehemalige Siemens-Managerin sagte, Agilität bedeute, Fehler auch als Teil des Prozesses zu sehen.

Bad-Case-Szenarie zum Lernen

Einen sehr persönlichen Einblick in ihr Scheitern gaben Richard Friedrich, Geschäftsführer der „Direkt vom Feld“ GbR, und Marc Clemens, Geschäftsführer von CodeControl. So baute Friedrich seinen Gewürzhandel im ersten Versuch mit viel Enthusiasmus aber auch nur auf Basis mündlicher Vereinbarungen mit seinen Stakeholdern auf. Diese wollten die getroffenen Zusagen jedoch in der Vertragsphase nicht mehr umsetzen. Friedrich analysierte seine Fehler, nahm die funktionierenden Teile des ursprünglichen Konzepts auf und baute ein Folge-Start-Up auf.

Anzeige

Clemens, der einen Online-Shop für erlesene Weine aufziehen wollte, musste auch nach mehrmaligen Anpassungen des Geschäftsmodells schließlich in die Insolvenz gehen. Diese wurde in späteren Gesprächen mit potenziellen Geschäftspartnern immer als Makel ausgelegt. „Sobald ich die Insolvenz meines alten Unternehmens erwähnte, drückten die Gesichter meiner Gesprächspartner deutlich aus, dass sie mich für eine Pfeife hielten“, sagte Clemens. Von diesen Automatismen müsse man wegkommen, denn ansonsten würde in den Unternehmen die Verantwortung nach oben geschoben und die Mitarbeiter würden aufhören Innovationen zu entwickeln. Die ganz persönliche Meinung von Fachredaktuer Sven bennühr finden Sie zudem hier. (ben)

Anzeige
Über die DVZ Redaktion 192 Artikel
Internationale Fachzeitung für Logistik und Transport, Verkehrspolitik und -wirtschaft, Spedition, Lagerei, Umschlag, Industrie und Handel.

1 Kommentar

  1. Ja das stimmt, was dem Clemens passiert ist. Das ist aber auch typische deutsche Mentalität,
    negativ Eigenschaften, wie Insolvenz oder Start-up Neuling sind große Schubladen in Deutschlands Einkaufskultur.
    Die Erfahrungen werden nicht gesehen, nur die Ängste selbst etwas in dieser Zusammenarbeit zu verlieren zählen nicht die Möglichkeit eines Gewinnes oder gar Verbesserungen.

    Das fängt bei den Banken an und hört beim Verbraucher auf, wie ein roter Faden. Selbst bei Zulieferern & Dienstleistern
    kann das der Tod jeglicher Verhandlungsbasis sein. Selbst wenn es jahrzehnte her ist. Da wird auch nicht mehr das Produkt an sich bewertet oder der Preis des Produktes, da geht es dann nur noch um das negativ Erlebnis, es interessiert auch niemanden, warum es dazu gekommen ist. Es war da Punkt, Schublade auf rein, Schublade zu. Verhandlung beendet.

Kommentar verfassen