Speditionen: Virtuell allein genügt nicht

KUM Digitalisierung LKW Lastwagen Spedition
Foto: Felix Russell-Saw

Rund zwei Drittel der klassischen Logistikunternehmen können bei der digital getriebenen Entwicklung der Branche nicht Schritt halten. So lautet die Kernerkenntnis der Studie „Digitale Konkurrenz im Transportmarkt – Freund oder Feind?“, die kürzlich im Auftrag des Verbandes Verkehrswirtschaft und Logistik Nordrhein-Westfalen (VVWL) erstellt wurde.

Vorsicht vor Verallgemeinerung

Doch heißt das auch, dass seit Jahrzehnten erfolgreiche Geschäftsmodelle durch neue, auf digitaler Technik fußende Ansätze abgelöst werden? Werden die Ergebnisse der Studie so interpretiert, könnte der Eindruck entstehen, dass auf der einen Seite antiquierte Unternehmen stehen, die ein noch erfolgreiches, aber im Grunde genommen längst überholten Geschäftsmodell betreiben. Dieser Gruppe stünden dann fachfremde Startup-Gründer, die mit ihrem unbedingten Glauben an die Überlegenheit ihrer digitalen Lösungen den etablierten Speditionen das Wasser abgraben wollen. Doch auf diese einfache Formel lässt sich die Entwicklung nicht reduzieren. Vielmehr sollte es darum gehen, durch gezielte Kooperationen Synergien zwischen den verschiedenen Akteuren zu erzeugen. Das weithin verbreitete Freund-Feind-Schema droht nämlich wenige zu Gewinnern und viele zu Verlierern zu machen.

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Die gute alte Spedition ist wichtig

Dem Online-Lexikon Wikipedia zufolge steht im Mittelpunkt des Geschäfts einer Spedition nicht nur der Einkauf einzelner Beförderungsleistungen, sondern die Organisation komplexer Dienstleistungspakete aus Transport, Umschlag, Lagerung und Zusatzleistungen. Dachser-Manager Andreas Froschmayer bringt es treffender auf den Punkt: „Der Wertbeitrag, den wir als Logistikdienstleister unseren Kunden aus Produktion und Handel bieten, liegt längst nicht mehr allein im simplen und möglichst günstigen Transport von A nach B.“

Speditionen sind damit einer der wichtigsten Akteure einer Wirtschaft, die essentiell darauf angewiesen ist,  dass Waren reibungslos und zuverlässig transportiert werden. Gleichzeitig spricht man über einen stark fragmentierten Markt, bei dem sich die fünf größten Unternehmen lediglich elf Prozent des Marktes teilen. Die Mehrzahl der Speditionen in Deutschland sind kleine und mittelständische Firmen, die im Durchschnitt mit zehn bis 20 eigenen Fahrzeugen und einem regionalen Fokus operieren. Durch diesen regionalen Fokus, der oftmals durch die Spezialisierung auf bestimmte Warentransporte und entsprechende Fahrzeuge komplettiert wird, verfügen diese Speditionen über Kenntnisse, Fähigkeiten und Erfahrungen, die sie zu wertvollen Logistik-Partnern der deutschen Wirtschaft machen.

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Die Rolle der Frachtführer

Dazu gehört beispielsweise ein verlässliches und langjährig aufgebautes Netz von Frachtführern, ein wichtiger Garant um auch am Spot-Markt verlässlich Transporte anbieten zu können. Gleichzeitig haben sie durch ihre jahrelange Arbeit ein Wissen um die regionalen Logistik-Netzwerke aufgebaut, das ihnen hilft, Aufträge richtig zu disponieren. Das heißt, dass sie innerhalb ihres Wirkungskreises genau wissen, welche Gebiete eher zu den Senken und welche zu den Quellen gehören und die Transporte entsprechend planen und sequenzieren können. Aufgrund ihrer geringen Größe, mangelt es jedoch den meisten dieser Speditionen an der Möglichkeit, den digitalen Wandel in ihren Unternehmen aus eigener Kraft anzuschieben.

Angst vor den jungen Wilden?

Wenn man darüber nachdenkt, wie digitale und konventionelle Speditionen voneinander profitieren können, muss man zuerst einmal digitale Frachtenbörsen eindeutig von diesen beiden Akteuren unterscheiden. Das ist notwendig, denn oft genug werden Transportlogistik-Geschäftsmodelle, die teilweise oder vollständig auf digitalen Techniken aufbauen, schon als digitale Speditionen bezeichnet. Doch es gehört mehr dazu: Auch eine digitale Spedition fungiert als vollumfänglicher Vertragspartner der Verlader. Ihre Leistungen erschöpfen sich also nicht etwa darin, Transportaufträge zu vermitteln und Laderaumkapazitäten zu vermakeln. Das ist ein wichtiger Unterschied zu den zahlreichen Online-Frachtenbörsen.

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Digitalisierung heißt Vereinfachung

Ein weiteres Kennzeichen ist, dass so viele Prozesse wie möglich digital abgebildet werden. Als Basisdienstleistungen gehören dazu die papierlose Abwicklung der Transporte, die Optimierung der Disposition durch einen Algorithmus, die Echtzeit-Sendungsverfolgung und das automatische Avis der Transporte. Bereits dadurch wird deutlich, dass die Digitalisierung darauf abzielt, Logistikprozesse mit Hilfe neuer technischer Möglichkeiten neu und vor allen Dingen effizienter aufzusetzen. So führt etwa die von einem Algorithmus gemanagte Disposition zu einer optimalen Transportsequenzierung, die Leerfahrten vermeidet und so dazu beiträgt, Kosten zu senken. Manche digitale Spedition spezialisiert sich zudem auf bestimmte Verkehrsträger wie LKW oder Schiff oder fokussiert sich auf bestimmte geografische Bereiche.

Auf in die kooperative Zukunft

Beide Akteure – sowohl die analoge als auch die digitale Spedition – können viel gewinnen, wenn sie im richtigen Rahmen und unter den richtigen Voraussetzungen miteinander kooperieren. Dieser Ansicht ist übrigens auch das Management von Schenker Deutschland: „Eine Spedition, die sich dem technischen Fortschritt verweigert, wird abgehängt. Wir sehen die jüngsten Entwicklungen nicht allein als Bedrohung, sondern eben auch als Chance. Kooperationen in den Bereichen Digitalisierung und neue Geschäftsmodelle können alle Verkehrsträger beflügeln.“

Wie aber könnte diese Zusammenarbeit konkret aussehen und welche Vorteile lassen sich für alle Beteiligten dadurch realisieren? Um diese Frage zu beantworten, hilft ebenfalls ein Blick in die VVWL-Studie. Denn laut dieser fehlt es mehr als zwei Dritteln der Spediteure vor allem an Zeit und Sachkompetenz, um IT, Prozesse und Vertrieb für die Zukunft fit zu machen. Gleichzeitig müssen die digitalen Logistiker unverhältnismäßig viele Ressourcen in den Aufbau eines Frachtführernetzwerks investieren und sich mühsam und Schritt für Schritt regionale Märkte erschließen.

Von den Stärken des Virtuellen profitieren

Aus dieser Bedarfsanalyse können die Kooperationsmöglichkeiten direkt abgeleitet werden. Denn die digitale Konkurrenz kann technische Lösungen implementieren, für die konventionellen Speditionen die Sachkompetenz fehlt. Auf der anderen Seite verfügen die etablierten Speditionen über eben genau jene Fahrernetzwerke und regionalen Marktkenntnisse, auf welche die digitalen Logistikanbieter besonders angewiesen sind.

Von diesem Szenario ausgehend, ist es beispielsweise denkbar, dass Logistik-Startups die Software, mit der sie arbeiten, teilweise oder sogar vollständig für die proprietäre Nutzung in traditionellen Speditionen öffnen. Ein kleiner oder mittelständischer Spediteur könnte damit auf eine voll entwickelte, funktionsfähige und vor allen Dingen bewährte Logistik-Software zugreifen, anstatt zu versuchen, eigene digitale Werkzeuge zu entwickeln. Oft genug wären die mittelständischen Player finanziell und personell mit so einer Aufgabe überfordert. Im Gegenzug ermöglichen genau diese Speditionen es ihren digitalen Partnern, ihr Netzwerk an Frachtführern massiv zu erweitern und haben gleichzeitig Zugriff auf das über Jahrzehnte akkumulierte Wissen um regionale Besonderheiten.

Verschiedene Ansätze sind denkbar

Ob sich dabei punktuelle Partnerschaften vieler, verschiedener Akteure beider Ebenen durchsetzen werden, oder wir stattdessen erleben, dass ein Anbieter digitaler Speditionsleistungen der zentrale Ansprechpartner für die konventionellen Unternehmen aus dem Logistiksektor wird, ist jetzt noch nicht abzusehen.  Klar scheint jedoch zu sein, dass zum aktuellen Zeitpunkt ein kooperativer Ansatz für beide Seiten gewinnbringender ist als das Aufrechterhalten eines stilisierten Gegeneinanders. (ben)

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  1. Mit antizipativer Logistik Lieferungen auslösen, bevor der Kunde bestellt • Blue Rocket

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