Start ups schreien nach Veränderung

Foto: Lagerfranz

Eigentlich sollte dieser Artikel ein österreichisches Unternehmen aus der Logistik-Start-up-Szene porträtieren – eines, dass den digitalen Wandel sehr ernst nimmt. Mit der voranschreitenden Suche nach einem spannenden Unternehmergeist rückte die Gründerszene selbst in den Fokus der Recherchen. Denn jeder, der sich etwas genauer im Internet umsieht, stellt schnell fest: Im Transportgewerbe tut sich durch neue Online-Communitys sehr viel. In Österreich fällt insbesondere eine Ansammlung von Neugründungen auf, die private und berufliche Interessen miteinander verbinden oder – je nach Perspektive – Grenzen zwischen Freizeit und Beruf zunehmend überschreiten.

Unter dem Namen Lagerfranz ist im vergangenen Herbst eine neue Dienstleistung an den Start gegangen, die Abhilfe bei Platzproblemen in Privat- oder Geschäftsräumen schaffen möchte. Die Homepage erklärt das Konzept ihren Besuchern wie folgt: „Wir holen deine Waren bei dir zu Hause ab, lagern sie ein und stellen sie bei Bedarf wieder bei dir zu.“ Dies klingt praktisch und ist es wahrscheinlich auch. Nur jeder, der sich auf so einen Deal einlässt, will natürlich auch wissen, wo Lagerfranz die Waren zwischenzeitlich unterbringt. Um hierüber genaueres herauszufinden, sind schon ein paar Klicks mehr notwendig. Der Blick in die allgemeinen Geschäftsbedingungen hilft weiter. Dort heißt es: „Storeme lagert die Sendung des Kunden bis zur Rücksendungsanforderung des Kunden ein.“ Storeme, das ist eine Online-Lagerplatzbörse und hat Lagerfranz ins Leben gerufen. Genaueres zu den Räumlichkeiten von Lagerfranz ist aber erst mittels direkter Anfrage herauszufinden.

Anzeige

2200 m² Raum bietet „Das Packhaus“ – ein ehemals leerstehendes Bürohaus in Wien – für innovative Ideen.

Quelle: Paradocks

Auf eine E-Mail an Lagerfranz folgt als Reaktion eine telefonische Rückmeldung von Storeme-Mitgründer Ferdinand Dietrich. Er teilt der DVZ mit, dass es zwei Standorte gibt und die Nutzer auch erfahren, an welchem Lagerfranz ihre Sachen jeweils einlagert. Mit ganz genauen Details darf der Kunde – Dietrich zufolge aus Sicherheitsgründen – jedoch nicht rechnen. Und genau an dieser Stelle dürften wohl die Meinungen der Kunden auseinandergehen. Denn wer seine Sachen einem Unternehmen anvertraut, hat durchaus Interesse daran, genaue Informationen über den exakten Stellplatz seiner Gegenstände zu erfahren.

Storeme selbst ist eine Onlineplattform, auf der sich Mieter und Vermieter austauschen, um Stauraum zu suchen oder zu vergeben. Das alles erinnert an viele weitere, sogenannte Community-Marktplätze wie etwa Airbnb oder WG-Gesucht: Wer einen Platz frei hat, bietet diesen zu unterschiedlichen Konditionen an. Bei Storeme ist es eben nur kein Ort zum Schlafen, sondern ein Lagerplatz für Gegenstände. Wer Platz übrig hat, kann für knapp 20 EUR eine Anzeige schalten, die 30 Tage aktiv ist. Bei der Lagergebühr selbst lässt Storeme den Anbietern freie Hand. Für den Mieter fallen gegenüber dem Vermittlungsservice keinerlei Gebühren an.

Private bringen’s

Wer glaubt, mit der Kombination aus diesen beiden Angeboten schließt sich allerdings schon der Kreis einer kreativen, isolierten Logistikidee, der sollte sich noch ein bisschen genauer auf der Homepage von Storeme umsehen. Als Kooperationspartner ist dort etwa checkrobin.com genannt – eine weitere Onlineplattform, die in der österreichischen Logistikszene für Veränderungen sorgt. Checkrobin formuliert seine Logistikidee mit zwei Wörtern: „Private bringen’s“. Das Prinzip ist genauso einfach erklärt wie bei Storeme und Co. Vermieter und Mieter heißen in diesem Fall jedoch Fahrer und Sender.

„Als Fahrer nimmst du ganz einfach auf einer ohnehin geplanten Route bis zu zwei Pakete mit und senkst so deine Spritkosten“, heißt es auf der Plattform. „Als Sender verschickst du dein Paket innerhalb von wenigen Stunden, versichert und unverpackt.“ Die Lagerbörse ist in diesem Fall also eine Transportbörse. Die finanziellen Angelegenheiten übernehmen größtenteils Sender und Fahrer, wobei der Regeltransportpreis bis zu maximal 29 EUR beträgt. Checkrobin generiert Einnahmen über den Fahrer. Dieser muss eine Vermittlungsgebühr von 3 EUR bezahlen.

100 % der Waren kamen mittels Checkrobin bisher unbeschädigt ans Ziel.

Quelle: Checkrobin

Dass dieses Prinzip funktioniert, davon sollen die Zahlen auf der Homepage überzeugen. Die Gründung der GmbH liegt mittlerweile dreieinhalb Jahre zurück, und die Anzahl der bis heute eingegebenen Fahrten liegt im sechsstelligen Bereich. Zum Zeitpunkt der Recherchen waren es dem Unternehmen zufolge exakt 134 942. Beeindruckend ist auch noch eine weitere Zahl, die Checkrobin dort sehr präsent darstellt. Eine große Null beschreibt die Menge der verloren gegangenen oder beschädigten Sendungen. Wie aussagekräftig diese Zahlen für die eigene Sendung oder Fahrt sind, dürfte hingegen von individuellen Erfahrungen abhängig sein. Denn nicht jeder ist wohl so auskunftsfreudig und teilt Pannen Checkrobin mit. Auf einer Österreich-Karte ist zu sehen, welche Strecken oft angeboten und welche eher selten bedient werden: Verbindungen etwa zwischen Wien, Salzburg oder Graz scheinen demnach besonders gut für den quasi-privaten Paketversand geeignet zu sein.

Es geht ums Geld

Anzeige

Privat – dies ist auch das Stichwort für eine weitere Auffälligkeit und Gemeinsamkeit der hier recherchierten Start-up-Szene. Bei vielen Communitys – das ist auch in Österreich nicht anders – geht es ums Geld. Vermieter und Fahrer erwirtschaften mit ihrer Dienstleistung Einnahmen oder reduzieren ihre Kosten ohnehin anfallender Ausgaben. Juristisch mögen hier klare Grenzen zwischen beruflichen und privaten Tätigkeiten vorhanden sein. Gesellschaftlich, ganz real und etwas weniger juristisch gesehen, bedeuten die abgeschlossenen Deals aber eine Grenzüberschreitung privater und beruflicher Aktivitäten. Für etablierte Unternehmen, wie etwa DHL, die Österreichische Post oder auch GLS, dürfte die Verlagerung von logistischen Dienstleistungen in private Hände nicht unbedingt das Geschäft einfacher machen. Aber darum geht es auch eigentlich nicht. Es dürfte vielmehr darum gehen, in welcher Arbeitswelt die Gesellschaft leben möchte. Und hier vollzieht sich gerade ein Wandel, dessen Ende noch nicht abzusehen ist.

Dieser Wandel, der den privaten und beruflichen Alltag auf den Kopf stellt, ist aber nicht nur im Internet sichtbar, sondern auch ganz real in den Straßen von Wien. So hat etwa Storeme seine Anschrift nicht in irgendeinem austauschbaren Bürokomplex, sondern an einem ungleich symbolträchtigen Ort. Das Gebäude mit dem programmatischen Namen „Das Packhaus“ inmitten der österreichischen Hauptstadt ist ein 2200 m² großes Sammelbecken für neue Ideen. Das ehemals leer stehende Bürohaus aus den 70ern gibt kreativen Start-ups, kleinen Ateliers und Bürogemeinschaften Raum für unkonventionelles Denken. „Das Haus dient als Experimentierfläche für Shared-Space-Initiativen und versucht eine moderne und partizipative Community aufzubauen“, heißt es zu diesem Projekt. In Zahlen ausgedrückt: Etwa 250 Personen mit unterschiedlicher beruflicher Prägung treffen sich an einem gemeinsamen Ort. Es ist denkbar, dass weitere Logistikideen in diesem Umfeld des Wandels reifen.

Anzeige
Über Tim Meinken 198 Artikel

Digitalisierte Frohnatur, Glücklicher Ehemann und zweifacher Vater. Er arbeitet als Produktmanager Social Media / Online (DVZ und BlueRocket) zudem ist er als Autor in Hamburg tätig.
Hier können Sie Kontakt zu mir aufnehmen:

Hinterlasse jetzt einen Kommentar

Kommentar verfassen