Stückgut per Mitfahrzentrale

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Ich will dafür sorgen, dass weniger LKW auf der Straße unterwegs sind“, sagt Jörg Frommeyer, Gründer und Vorstandschef der Colo 21 AG. Der 50-Jährige ist kein Umweltaktivist, sondern überzeugt davon, dass Speditionen ihre Ressourcen besser nutzen sollten. Seine Rechnung klingt einfach: Steigt die Auslastung pro LKW, benötigt die Spedition weniger Fahrzeuge sowie LKW-Fahrer, weniger Kraftstoff, dies schont Umwelt sowie Infrastruktur und erhöht dabei auch noch die Rendite.

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Anfang 2014 hatte Frommeyer gemeinsam mit dem IT-Fachmann André Probst das Start-up Colo21 gegründet. Sie haben das seit Jahrzehnten bekannte Prinzip des Beiladens – englisch Co-Loading, daher auch der Unternehmensname – ins 21. Jahrhundert transferiert. Probst hat sich mittlerweile aus persönlichen Gründen zurückgezogen. „Wir sind eine Mitfahrzentrale für Stückgut“, erklärt Frommeyer die simple Idee. „Verlader und Spediteure können ihre Sendungen jemanden mitgeben, der sowieso die Strecke fährt.“

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Doch sein Ansatz geht wesentlich weiter. Denn das Konzept zielt nicht nur auf das Spotgeschäft, sondern bietet Nutzern die Möglichkeit, sich über die Plattform ein modulares europaweites Netz aufzubauen. Registrierte und auf Bonität geprüfte Spediteure können über die Plattform Kooperationen mit Transitpartnern für den Hauptlauf und mit Distributionspartnern für die Verteilung vereinbaren. Diese Grundidee entwickelte Frommeyer bereits vor zwölf Jahren, als er bei ACR Logistics – heute ein Teil von Kühne + Nagel – für einen europäischen Nutzfahrzeughersteller ein Distributionsnetz für Ersatzteile aufbauen sollte. „Jetzt für die Logistik News anmelden“

Ressourcen effizienter einsetzen

Ein Drittel der bei Colo 21 registrierten rund 900 Unternehmen nutzt die Funktion der Mitfahrzentrale regelmäßig. „Der Spotanteil wächst europaweit“, sagt Frommeyer. Hier helfe die Software Auftraggebern, Ressourcen effizienter einzusetzen. Doch die Besonderheit ist das Angebot zum Aufbau eines modularen Netzwerks mit Hauptlauf und Distribution. Er ist sicher, dass vielen Speditionen mit diesem Angebot der Weg zu Logistik 4.0 erst ermöglicht wird. „Meine Mission ist es, Spediteuren einen Digitalisierungspfad anzubieten, ohne dass sie selbst investieren müssen.“ Egal ob ein Unternehmen ein eigenes Transportmanagementsystem nutze, dass man andockt oder noch gänzlich ohne Software-Lösungen auskommt, bietet Colo 21 die Vorteile der Digitalisierung an.

„Vielen mittelständischen Spediteuren fehlt das Verständnis für Digitalisierung“, meint er. Dabei hatten internationale Speditionen in den 80er und 90er Jahren als eine der ersten Branchen, noch vor der Automobilindustrie, globale IT-Systeme aufgebaut. „Das Problem: Diese Altsysteme sind oftmals immer noch im Einsatz“, betont der Colo-21-Chef. Die Angst, bei der Migration auf ein neues System einen Fehler zu machen, sei sehr hoch, deshalb werde zu lange an Altbewährtem festgehalten. „Effizienz verzeiht keine Fehler, doch Innovation braucht Fehler“, so Frommeyer. Im deutschen Speditionsgewerbe werde angesichts der niedrigen Margen Effizienz sehr hochgehalten, deshalb gäbe es kaum Innovationen. „Jetzt für die Logistik News anmelden“

Modulare Lösung für Spediteure

So hält Frommeyer modulare IT-Lösungen für Speditionen für den einzig gangbaren Weg, um den technologischen Wandel zu schaffen: „Die Unternehmen müssen die vorhandenen Transportmanagementsysteme aushöhlen und Schritt für Schritt durch modulare Systeme ersetzen.“ Diesen Gedanken setzen Frommeyer und sein Team konsequent fort. „Unser Ansatz ist es, nicht nur den IT-Prozess zu modularisieren, sondern den gesamten Produktionsprozess.“ Im Stückgut stoße die Standardisierung an ihre Grenzen. Frommeyer stellt fest: „Es gibt keinen Produktionspuffer mehr, obwohl die Volatilität des Sendungsaufkommens und die Unpaarigkeit der Verkehre zunehmen.“

Mit Hilfe des Angebots von Colo 21 gewinnen Spediteure und Verlader wieder Flexibilität: „Mit unseren Modulen ist es wie bei Lego. Ob rote oder grüne, große oder kleine Steine, je nach Bedarf werden sie zusammengesetzt.“ Auf dieser Basis bietet Colo 21 Verladern einen Pool an Dienstleistern an, die spezifische Anforderungen erfüllen – etwa den Transport empfindlicher Güter oder Gefahrgut. Und umgekehrt bündelt Frommeyer mit seiner Lösung als Makler zwischen Verlader und Dienstleister ähnliche Waren, damit die Auslastung der LKW stimmt.

„Ich habe persönlich viel Geld ins Unternehmen investiert“, betont Frommeyer. „Wer nichts riskiert und kein Herzblut in sein Projekt steckt, sollte kein Unternehmen gründen.“ Allerdings habe der Aufbau länger gedauert als gedacht. „Wir haben Fehler gemacht“, gibt Frommeyer zu. Teilweise wurden Entwicklungsschwerpunkte falsch gesetzt oder die Kunden nicht richtig abgeholt, nennt er zwei Beispiele. Allein zwischen März und Juni wurden rund 15.000 Verlader angesprochen. Der Erfolg war relativ bescheiden. Viele haben bereits schlechte Erfahrungen mit Start-ups gemacht. Deshalb fehle das Vertrauen in ein neues Angebot. Es sei deshalb viel Überzeugungsarbeit nötig: nicht nur bei den Industrie- und Handelsunternehmen, sondern auch bei Spediteuren und Frachtführern.

Doch diese schwere Hürde hat Colo 21 überwunden. „Wir haben auf fast jeder Länderrelation mindestens einen, meist sogar mehrere Anbieter“, betont Frommeyer. Denn ein Verlader, der für seine Sendung kein Angebot auf der Plattform findet, kommt womöglich kein zweites Mal. Insgesamt sind bereits rund 900 Unternehmen in der Datenbank registriert. Pro Tag kommen derzeit fünf bis acht neue Registrierungen hinzu. „Dies macht unseren Firmenwert aus“, meint der Unternehmer. Er braucht die Masse, um Geld zu verdienen. Nur wenn tatsächlich eine Sendung über das System abgewickelt wird, erhält Colo 21 eine geringe Gebühr sowohl von Auftraggeber und Auftragnehmer. Zudem zahlen Transportunternehmer eine einmalige Gebühr von 500 EUR, wenn sie sich mit ihrem Angebot direkt an Verlader wenden wollen.

Einer der ersten Kunden war die Spedition Panalpina. Das lieferte Colo 21 einen guten Grundstock für eine europaweite Netzabdeckung. Der neueste Schritt ist die Ausweitung des Systems auf See- und Luftfracht. „Unsere Idee funktioniert nicht nur im Landverkehr“, ist Frommeyer überzeugt. Und Kapazitätsüberhänge gibt es schließlich bei allen Verkehrsträgern.

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