Truck Pro Start-Up will Fahrer und Betriebe zusammenbringen

Fahrer, Truck Pro
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Personalsorgen belasten zunehmend die Unternehmer. Es wird für Frachtführer und Spediteure immer schwieriger, qualifizierte Fahrer zu finden. Dieses Problems will sich ein Hamburger Start-up annehmen. Der frühere VW-Personaler Daniel Stancke und Thorsten Steinbach, als ehemaliger Produktmanager bei der Deutschen Post mit den Themen der Logistikbranche vertraut, haben vergangenes Jahr Truck Pro gegründet.

Stancke spricht nicht von Fahrermangel, sondern von einem Allokationsproblem im Transportmarkt. Das heißt, auf der einen Seite finden Transportunternehmen keine Fahrer, und auf der anderen Seite fällt es Fahrern schwer, einen passenden Arbeitsgeber zu finden. Stancke sieht hierfür drei Gründe: Der Transportmarkt ist hoch fragmentiert, es fehlen generell Arbeitskräfte und die Intransparenz im Markt ist sehr hoch.

Aber tatsächlich herrscht auch Mangel, es handelt sich um einen sogenannten Arbeitnehmermarkt. Damit können sich Fahrer – zumindest theoretisch – unter einer Vielzahl an Angeboten das beste heraussuchen. Umgekehrt konkurrieren Unternehmen aus der Transportbranche mit Arbeitsplatzangeboten zahlreicher Wettbewerber und buhlen um die wenigen verfügbaren Arbeitskräfte.

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zitatJeder Wechsel ist mit Produktivitätsverlust verbunden.

Daniel Stancke, Ex-VW-Personaler

Fahrer entscheiden sich oft willkürlich

Doch in der Praxis läuft es anders, stellt Stancke fest: „Die Fahrer entscheiden sich meist willkürlich für einen Job. Umgekehrt nehmen viele Arbeitgeber jeden halbwegs passenden Kandidaten, Hauptsache das teure Arbeitsmittel LKW bleibt in Bewegung.“ Deshalb passen Job und Mitarbeiter oft nicht zusammen. Diese Fehlbesetzungen bleiben nicht folgenlos: Der Frust bei Mitarbeitern steigt und eine hohe Mitarbeiterfluktuation belastet die Unternehmen. „Jeder Wechsel ist verbunden mit Produktivitätsverlust“, warnt Stancke.

Wie ein Partnervermittler

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Hier setzt das Angebot von Truck Po an: Stancke und Steinbach wollen den passenden Arbeitgeber für jeden Fahrer finden. „Truck Pro funktioniert wie ein Partnervermittler, nur geht es bei uns nicht um Liebe, sondern um Arbeitsplätze“, erläutert Stancke. Dafür greif das Start-up auf bewährte Verfahren aus dem Recruiting für Manager und Führungskräfte zurück, welche für Fahrer angepasst wurden. „Wir matchen multidimensional“, sagt Stancke. „Das heißt, dass nicht nur die formalen Kriterien abgefragt werden, sondern darüber hinaus geprüft wird, ob ein Kandidat und ein Unternehmen von der Mentalität oder der Unternehmenskultur zueinanderpassen.“ Kandidat und Unternehmen müssen hierfür wissenschaftlich fundierte Fragebogen ausfüllen. Ein Algorithmus hilft dabei, dass die idealen Partner zueinanderfinden.

Fahrer sind ein knappes Gut

Zunächst konzentrierten sich die Jungunternehmer mit ihrem elfköpfigen Team darauf, einen Pool an Fahrern aufzubauen. „Fahrer sind das knappe Gut – da wollten wir einen tieferen Einblick bekommen“, erläutert Stancke. Viele Stunden verbrachten die Unternehmensgründer auf Rastplätzen und kamen so mit ihren künftigen Kunden ins Gespräch. In Tiefeninterviews wurden die Probleme dieser Berufsgruppe herausgefiltert. Die Expertise hierfür kommt auch von einem der drei Business Angel, die Geld ins Unternehmen gesteckt haben. Olaf Ringelband ist Gründer und Inhaber der MD Gesellschaft für Management Diagnostik und setzt große Hoffnung auf die Programmierung von Algorithmen zur Diagnostik im Personalwesen. Vor wenigen Tagen hat sich das Start-up in JobMatchMe GmbH umbenannt. Denn die Jungunternehmer wollen perspektivisch das Geschäftsmodell auf weitere nichtakademische Fachkräftegruppen erweitern.

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Um neue Fahrer für ihre Plattform Truck Pro zu finden, setzt das Unternehmen auf Werbung in Social-Media-Plattformen sowie die persönliche Ansprach auf Rastplätzen. Mittlerweile finden sich mehr als 2.500 Fahrer – Großteils aus Norddeutschland – in der Datenbank. Dem stehen 62 Transportunternehmen und Speditionen mit 99 Standorten gegenüber.

Kontakt zu Unternehmen suchen die Mitarbeiter des Start-ups vor allem über Branchenveranstaltungen und persönliche Ansprache. Auch die Unternehmen haben höchst unterschiedliche Ansprüche an ihre Fahrer: „Eine Tankwagenspedition braucht bei ihren Fahrern andere Fertigkeiten als ein Komplettladungsspezialist“, meint Stancke.

Abomodell gut gestartet

Für die Fahrer ist das Angebot umsonst – zahlen müssen die Unternehmen. Eine erfolgreiche Vermittlung kostet pauschal 1950 EUR für die erste Vermittlung, jede weitere kostet 1650 EUR. Sollten sich Fahrer und Unternehmen innerhalb von drei Monaten wieder trennen gilt dies als Garantiefall und es wird ohne zusätzliche Kosten ein Ersatzkandidat gesucht. Darüber hinaus hat Truck Pro vor einigen Wochen als Ergänzung ein Abomodell gestartet, bei welchem nicht jede einzelne Vermittlung abgerechnet werden muss. „Die Nachfrage ist derzeit unglaublich groß, aber es gibt viel Erklärungsbedarf“, sagt Stancke.

„Menschen registrieren sich bei uns, wenn sie einen Wechselwunsch haben – wir werben nicht aktiv Fahrer ab“, betont Stancke. Den Ergebnissen der bisherigen Auswertungen nach, streben die Fahrer nicht zu den Branchengrößen. Ganz im Gegenteil: da die großen Speditionen im beruflichen Alltag oft negativ wahrgenommen werden – etwa als Preisdrücker oder beim täglichen Ärger an den Rampen – zieht es Fahrer eher zu dem Inhaber mit menschlichen Umgang und persönlicher Ansprache. Dagegen spiele Geld eine weniger große Rolle: „Kaum ein Fahrer wechselt wegen 100 EUR Mehrverdienst einen Job, in dem er grundsätzlich zufrieden ist. Aber wenn er jeden Tag Ärger mit dem Disponenten hat, dann geht er.“

Start des Unternehmens war im Juni 2016, im November 2016 ging die Website für Fahrer online und im Januar konnte der erste Transportunternehmer als Referenzkunde gewonnen werden. Zu diesen gehören renommierte Hamburger Dienstleister wie die Spedition Konrad Zippel oder Stange Transporte. „Wir wollen langfristige und nachhaltige Arbeitsbeziehungen schaffen“, betont Stancke. „Unsere Kunden sollen bei uns die Mitarbeiter finden, die zu ihrem Unternehmen passen und längerfristig zum Erfolg beitragen.“

Das Angebot ist zunehmend automatisiert: Fahrer können sich auf der Website registrieren, füllen dabei den Fragebogen aus und bekommen passende Stellen vorgeschlagen. Demnächst sollen auch Unternehmen passende Fahrer angezeigt bekommen, derzeit werden die Angebote noch manuell weitergegeben.

Gute Fahrer kosten gutes Geld

Stancke will Truck Pro in diesen Wochen für ganz Deutschland ausrollen. Möglichst bis Ende des Jahres sollen sich zudem Fahrer aus Polen in der Datenbank registrieren können. Mittelfristig ist es das Ziel den gesamten europäischen Arbeitsmarkt abzuschöpfen.

„Wir sind kein klassischer Personalvermittler“, betont Stancke. „Insbesondere Fahrer zeigen sich von unserem Produkt überzeugt, bei den Unternehmen ist noch mehr Überzeugungsarbeit nötig“, berichtet er. Mit seinem Unternehmen wolle er weder das Jobhopping der Fahrer fördern, noch für Lohndrückerei zur Verfügung stehen. „Wer gute Fahrer will muss auch gutes Geld ausgeben, doch das muss ein Unternehmen vorher auch verdienen.“

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Über Sebastian Bollig 5 Artikel
Fachredakteur und Leiter Digital der DVZ

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