Viele Reedereien arbeiten an neuen Geschäftsmodellen – aus Angst

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Für den Kurs der deutschen Seeschifffahrt bleibt die Digitalisierung in den kommenden Jahren ein zentrales Thema. Vier von fünf deutschen Reedern gehen davon aus, dass Online-Anwendungen für Kunden bald selbstverständlich sein werden und beispielsweise Schiffstransporte über Onlineportale gebucht werden können. Das geht aus einer aktuellen Branchenbefragung der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft Pricewaterhouse Coopers (PWC) unter 105 Entscheidungsträgern aus der deutschen Seeschifffahrt hervor. Die Ergebnisse der zwischen Ende Mai und Ende Juni vorgenommenen Erhebung wurden in Hamburg vorgestellt.

Ein Viertel der Befragten glaubt an eigene Amazon-Flotte

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Claus Brandt, Leiter des Kompetenzzentrums Maritime Wirtschaft bei PWC, sagte bei Vorlage der Reederstudie, dass sich die Branche mit den Auswirkungen der digitalen Technologien deutlich mehr auseinandersetzt als noch vor einem Jahr. Damals hielten 12 Prozent der Befragten es für möglich, dass Amazon und Co. künftig mit Schiffen unter eigener Flagge auf den Weltmeeren unterwegs sein werden. Mittlerweile ist jeder Vierte dieser Ansicht. „Es ist inzwischen für Branchenfremde möglich, über IT-Anwendungen neu in den Markt zu kommen“, sagte Brandt. Amazon habe das Volumen und Google jede Menge Daten.

Um diesem Trend etwas entgegenzusetzen, bereiten die Unternehmen unter anderem digitalisierte Anwendungen in Form von Internetplattformen für Charterabschlüsse vor. Vor drei Jahren wurde dies von den Reedern noch für unmöglich gehalten­.

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Gleichzeitig sehen die befragten Unternehmer aber auch Risiken durch neue Wettbewerber und neue digitale Technologien. So glaubt die Hälfte der Befragten, dass die zunehmende Verbreitung des 3-D-Drucks die globalen Warenströme verändern und verringern wird.

Viele arbeiten an eigenen digitalen Lösungen

Mit dem digitalen Wandel sehen sich die Reeder in unterschiedlicher Intensität konfrontiert. Während die Digitalisierung in den vergangenen fünf Jahren in der einen Hälfte der Unternehmen starke oder sogar sehr starke Veränderungen ausgelöst hat, sieht sich die andere Hälfte bislang weniger stark (41 Prozent der Befragten) oder gar nicht (10 Prozent) betroffen. „In großen Teilen der maritimen Wirtschaft hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass die Digitalisierung auch vor der Seeschifffahrt nicht haltmachen wird. Auf der anderen Seite wiegen sich aber noch immer zu viele Unternehmen in der trügerischen Sicherheit, dass die Digitalisierung an ihnen vorbeiziehen wird und sie ihre Geschäftsmodelle unverändert beibehalten können“, betonte Brandt.

Die bisherigen Erfahrungen der Unternehmen mit der Digitalisierung haben offenbar großen Einfluss auf die Beurteilung der weiteren technischen Entwicklung. Für „überbewertet“ halten lediglich 16 Prozent der Befragten insgesamt die Digitalisierung. Hingegen stimmen dieser Aussage 30 Prozent der Unternehmen zu, die bislang nur geringfügig von der Digitalisierung betroffen waren. Wenn die Unternehmen jedoch aufgrund ihrer Führungsstärke vergleichsweise gut auf die Digitalisierung vorbereitet sind, dann streben sie auch seltener Zusammenschlüsse mit Wettbewerbern oder einen Flottenabbau an.

Allerdings, und das ist auch eine Feststellung der PWC-Studie, haben auch zu wenige Reedereien konkrete Vorstellungen, was sie in Bezug auf Digitalisierung eigentlich wollen. So plant jeder fünfte Reeder, selbst eine eigene Tracking-App zu betreiben. An ein eigenes Buchungsportal trauen sich jedoch nur 11 Prozent heran. In beiden Fällen ist die Quote derer, die nichts unternehmen, mit 62 beziehungsweise 74 Prozent hoch. Brandt ermunterte die Vertreter der maritimen Wirtschaft dazu, den Veränderungsprozess zu begleiten und mit eigenen digitalen Lösungen an den Markt zu gehen. „Das ist kein Hexenwerk.“ (jpn)

Kommentar zum Thema: Digitalisierung begünstigt die größeren Anbieter

Über Tim Meinken 137 Artikel
Digitalisierte Frohnatur, Glücklicher Ehemann und zweifacher Vater. Er arbeitet als Produktmanager Social Media / Online (DVZ und BlueRocket) zudem ist er als Autor in Hamburg tätig.

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