Warum die Logistiker sich besonders mit Cyberattacken beschäftigen müssen

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Der Verschlüsselungstrojaner „Wanna Cry“, zu gut deutsch „Heul doch“, hat weltweit für Störungen in IT-Systemen gesorgt. Nach Europol-Angaben sind rund 200.000 Organisationen und Einzelpersonen betroffen. Dazu gehören auch Industrie- und Logistikunternehmen – und viel schlimmer: Krankenhäuser. Deutschland sei zwar mit einem blauen Auge davon gekommen, sagte Arne Schönbohm, Präsident des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI). Die Attacke sei aber ein erneuter und eindringlicher Weckruf, mehr in die IT-Sicherheit zu investieren.

Für Mittelständler und Kleinunternehmen können solche Angriffe durchaus eine existenzielle Gefahr sein. „Wenn der Zugriff auf Daten nicht möglich ist, kann kein Angebot geschrieben werden, kein Auftrag bearbeitet werden. Letztlich ist ein Unternehmen, je nach Kalkulation, nach wenigen Tagen kurz vor der wirtschaftlichen Katastrophe“, sagt Andreas Schlechter, Geschäftsführer von Telonic. Das Kölner Systemhaus ist auf Netzwerküberwachung und IT-Sicherheit spezialisiert; die Kunden kommen auch aus der Logistik.

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Cyberattacken werden immer gefährlicher

Schon seit Jahren warnen Experten vor den Cyberrisiken im Zuge der voranschreitenden Digitalisierung. Alltagsgegenstände, Maschinen, Ladungsträger, Verpackungen sowie Fahrzeuge werden durch die Vernetzung mit dem Internet „smart“, wie es immer heißt. Von „angreifbar“ ist seltener die Rede. Über die Chancen wird bei Veranstaltungen und Messen, wie zuletzt auf der transport logistic, wesentlich mehr gesprochen als über die Risiken.

Kritische Stimmen gab es kürzlich beim DVZ-Forum „Sicherheit in der Logistik“. Prof. Thorsten Blecker, Experte für Lieferkettensicherheit von der TU Hamburg-Harburg, wies auf ein „Missverhältnis“ bei der Diskussion um digitale Trendthemen auf der einen sowie Sicherheit auf der anderen Seite hin. Prof. Frank Arendt, Geschäftsführer für Informationslogistik am Institut für Seeverkehrswirtschaft und Logistik (ISL) in Bremen, fügte hinzu: „Wir bewegen uns im Spannungsfeld zwischen Faszination und Horrorszenarien.“

Die Tätergruppen sind vielfältig: staatliche wie private Hacker, Wettbewerber, (Ex-)Mitarbeiter, kriminelle Banden sowie Terroristen. Cyberwaffen sind Blecker zufolge zudem nahezu generisch einsetzbar. Einfallstore für Attacken auf Supply Chains gibt es entsprechend viele: Unternehmen, Logistikzentren, Produktionsstätten, Kommunikationskanäle, Behörden und Infrastrukturbetriebe wie Flughäfen oder Häfen. Hinzu dürften künftig die Transportmittel kommen.

Gefahr in maritimer Kette wächst

Bei Hafenlogistikprozessen zum Beispiel funktioniert nichts mehr ohne IT. Die Transportsicherheitsvereinigung Tapa warnt vor einer steigenden Zahl von Cyberangriffen auf europäische Häfen. Alle seien betroffen: Reedereien, Terminalbetreiber, Spediteure sowie Kunden. Die Täter würden immer raffinierter vorgehen und seien – im Gegensatz zu vielen Dienstleistern und Häfen – technisch auf dem neuesten Stand. Sie verfolgen unterschiedliche Ziele, wie Kirsten Williams von der Security-Beratung Allan & Associates im Tapa-Mitglieder-Newsletter im März erläuterte. Einigen gehe es darum, Schmuggelware und Drogen durchzuschleusen. Sie installieren Spähprogramme, um bestimmte Container überwachen und die Entladung zu einem Zeitpunkt und Ort ihrer Wahl planen zu können. Oder sie dringen in Büros ein, um Technik zu installieren, die es ihnen später ermöglicht, Passwörter und Tracking-Informationen abzugreifen.

Im Fokus stehen ebenfalls Daten zu Transaktionen und Dokumente, um Unternehmen zu erpressen oder Informationen weiterzuverkaufen. Auch Scanner, Sensoren oder andere Geräte des Internets der Dinge können Angriffspunkte sein. Eine wachsende Bedrohung geht zudem von Ransomware à la „Wanna Cry“ aus. Diese Programme können Computer sperren, Daten verschlüsseln und künftig zum Beispiel die Schiffsnavigation deaktivieren. (cs)

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